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30. Mai 2011: Von Dorndorf über Vacha nach Geisa/Point Alpha

5 Jun

Von Gabriele

Als Morgengebet gibt es heute ein  Gedicht eines südafrikanischen Autors über das langsame Gehen als Vorbereitung für unsere heutige Überquerung der Brücke der Einheit:

Lass mich langsamer gehen, Herr,
entlaste das eilige Schlagen meines Herzens
durch das Stillwerden meiner Seele.

Lass meine hastigen Schritte stetiger werden
mit dem Blick auf die weite Zeit der Ewigkeit.

Gib mir inmitten der Verwirrung des Tages die Ruhe der ewigen Berge.

Löse die Anspannung meiner Nerven und Muskeln
durch die sanfte Musik der singenden Wasser,
die in meiner Erinnerung lebendig sind.

Lass mich die Zauberkraft des Schlafes erkennen, die mich erneuert.

Lehre mich die Kunst des freien Augenblicks.
Lass mich langsamer gehen, um eine Blume zu sehen,
ein paar Worte mit einem Freund zu wechseln,
einen Hund zu streicheln, ein paar Zeilen in einem Buch zu lesen.

Lass mich langsamer gehen, Herr, und gib mir den Wunsch,
meine Wurzeln tief in den ewigen Grund zu senken,
damit ich emporwachse zu meiner wahren Bestimmung. Amen.“

Heute stehen alle zeitig um 7 Uhr auf. Unser Großraumtaxi wird um 8 Uhr vor der Tür stehen, bis dahin muss jeder seinen Rucksack gepackt haben und abreisefertig vor der Tür stehen. Kaffee wird schnell gemacht, damit jeder wach werden kann. Heute klappt es, keiner will das Taxi warten lassen. Gefrühstückt wird heute nicht in der Herberge, sondern in Vacha auf dem Marktplatz. Dort ist eine Bäckerei mit ein paar Tischchen vor der Tür. Das ist relativ günstig und zügig und kein Abwasch für die Pilger. Unser Taxifahrer bringt uns direkt zum Marktplatz. Zum Glück werden die Tische vor der Bäckerei gerade frei und so können wir bei schönstem Sonnenschein jeder frühstücken, was sein Herz begehrt. Die Bandbreite reichte von Pizza über Knusperstangen zu Sahnetorte und Heiße Schokolade. Wir fragten noch in der Bäckerei, ob wir unsere Rucksäcke ein wenig dort lassen könnten, bis wir von der Brücke der Einheit zurück wären. Man verwies uns auf das Rathaus schräg gegenüber.

Vacha Markt: Frühstück ist hier Freustück

Wir gingen auf die Tür des Rathauses zu, um dort jemanden zu suchen. Dort sprach uns eine Frau an, die sich gerade vor der Tür mit einer Anderen unterhielt. Ja, wir könnten die Rucksäcke abgeben, sie führte uns zum Sekretariat. Auf dem Weg dorthin zeigte sie uns in der Eingangshalle die Wandbilder und wies besonders auf eines, von dem Sie sagte, es sei während der DDR-Zeit verdeckt gewesen:

Dem Mutigen ist kein Weg verschlossen - vor der Wende war der Spruch verhängt

OK, das durfte natürlich in dieser Zeit nicht sein. Das damalige Feindesland war nur einige Meter entfernt, eine solche Aufforderung konnte nicht stehen gelassen werden. In Vacha beginnt der Fränkische Jakobsweg, in Vacha lebte auch Hermann Künig von Vach, ein Servitenmönch. Er hat Ende des 15. Jahrhunderts den ersten deutschen Pilgerführer verfassT: Die Straß zu Sankt Jakob. Auf diesen Menschen traf der Spruch bestimmt zu.

Wir durften unsere Rucksäcke im Sitzungssaal abstellen, danach wurde die Toilette frequentiert. Ich weiß nicht, warum, aber es dauerte und dauerte. Irgendwie war auch Streit entstanden. Äußerlich erleichtert aber innerlich in Aufruhr verließen einige das Rathaus. Auf dem Weg über den Marktplatz eskalierte der Konflikt. Oh nee, dabei waren wir gerade unterwegs zur Brücke der Einheit, um uns dort über den Weg zur Einheit inspirieren zu lassen. Aber vielleicht braucht man erst Uneinheit, um diesen Weg zu entdecken. Die Brücke der Einheit verbindet – die Werra  mit 11 Bögen überspannend – das thüringische Vacha mit dem hessischen Phillipstal. Die uralte Handelsstraße Via Regia führte hinüber, sie ist seit 1186 erwähnt. Seit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung am 3.10.1990 ist sie als Brücke der Einheit bekannt. Hier wollen wir als geistige Übung eine Gehmeditation durchführen.

Brücke der Einheit zwischen Vacha und Phillipstal

Wir laufen zunächst über die Brücke, um dann wieder auf Vacha zu – mit dem Kirchturm im Blick – zurückzulaufen. Auf der anderen Seite treffen wir auf das Haus auf der Grenze. In diesem Haus war während der deutschen Teilung nur die Westseite bewohnt, in der Ostseite durfte niemand wohnen. Die Grenze ging direkt durch das Haus. Auch ein Symbol für die Kirchenspaltung – eine Grenze geht direkt durch das Haus Gottes.

Bild einfügen

Das Haus auf der Grenze

Um uns auf die Gehmeditation auf der Brücke der Einheit vorzubereiten und um Inspiration für die „Brücke zur Einheit“ für die Christenheit zu bitten, beteten wir gemeinsam ein Vaterunser und sangen ein Lied zum Heiligen Geist „Atme in mir, Du Heiliger Geist“. Dann gingen wir eine nach der anderen los über die Brücke, das geteilte Haus hinter uns lassend.

Von Renate

In Vacha sind wir ganz langsam und besinnlich über die „Brücke der Einheit “ gelaufen. Dies war  für mich ein erhabenes ein verbindendes Gefühl. Es war wieder da „Ich bin ein Teil der gesamten Schöpfung“.

Weiter von Gabriele

Das habe ich  erlebt: Zunächst fiel mir ein Schwarm von weißen Vögeln auf, die in mit vielen Kurven relativ schnell durch die Häuser flogen. Sie wirkten ohne Hierarchie, es gab keinen Anführer. Es war, als ob eine innere Kraft, eine innere Verständigung sie als Gruppe zusammenhielt, die Flugrichtung vorgab und vor Kollisionen schützte. Ein interessantes Bild.

Auf der Brücke der Einheit zur Einheit der Kirche

Auf der Brücke der Einheit zur Einheit der Kirche - das Dreifaltigkeitssymbol zur Anschaulichkeit per Computer eingefügt - am Himmel wieder ein Kreuz

Als nächstes habe ich eine innere Wahrnehmung. Vor mir steht das Dreifaltigkeitssymbol, die drei ineinander übergehenden Kreise,  in der Luft und ich soll es einatmen, damit ich es ausatmen kann. Das tue ich dann auch eine Weile und dann kommt die Erkenntnis in mir: Jeder, der zur Einheit beitragen will, ist gehalten, in sich die Einheit mit Gott herzustellen, damit er im Außen auch die Einheit ermöglicht. Wir können es nicht allein. Indem wir Gott verinnerlichen durch Bereitschaft zur Einheit mit ihm, wirkt er Einheit zwischen uns. Einheit beginnt mit und in uns selbst. Mit ihm und in ihm und durch ihn. Es heißt, der Camino beginnt an der eigenen Haustür. Die Einheit beginnt in und bei uns selbst. Nur dort sind wir zuständig.

Johannes 17, 21 – 23:

Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.  Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich.

Dann kommen Worte: „Die Einheit ist der Schlüssel. Jeder Tag, an dem sich die Kirche nicht eint, ist ein verlorener Tag….verlorener Tag….verlorener Tag.“ In diesem Moment fliegt ein schwarzer Vogel vor mir über die Brücke und in mir entsteht die Assoziation: Solange die Kirche nicht eins ist, darf die dunkle Kraft durch die Lande streifen. Wir können unseren Beitrag dazu leisten, es zu beenden.

Mt 5,13 "Ihr seid das Salz der Erde" - das weiße im Hintergrund ist der Salzberg

Mt 5,13 "Ihr seid das Salz der Erde" - das Weiße im Hintergrund ist der Salzberg

Als nächstes fällt mein Blick nach rechts und ich sehe in der Entfernung einen hohen Salzberg. Es kommen die Worte: „IHR seid das Salz der Erde“.

Dann fällt mein Blick nach links und ich sehe über der Werra die strahlende Sonne: „IHR seid das Licht der Welt“

Mt 5,14 "Ihr seid das Licht der Welt"

Mt 5,14 "Ihr seid das Licht der Welt" - im Kreuz

Wenn wir Christen – die Bergpredigt im Alltag lebend – alle als Salz der Erde und das Licht der Welt wiedervereint in einer Richtung wirken als ca. 2 Milliarden Menschen auf der Welt und damit ca. 1/3 der Menschheit! Gott wahrhaftig in uns und wir in ihm – ja, dann kann sich unsere Erde gewaltig verändern und Gottes Reich Wirklichkeit werden.

Ich bitte nochmals: „Atme in mir, Du Heiliger Geist, damit ich Einheit spüre!“ Und dann gibt es wieder neue Worte: „Einheit mit den Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft! Einheit mit der Schöpfung, Einheit unter den Menschen – Die Liebe ist weit!“ Das fühlt sich gut an, erstrebenswert! Ja, alles ist Eins. Am Ende der Brücke angekommen bekreuzige ich mich und komme dabei zu einem Satz, den ich irgendwo her kenne: „Mögen Himmel und Erde und alle meine Nächsten auf dieser Erde sich hier in meinem Herzen in Liebe vereinen.“ Mein Herz geht auf und glüht.

Der „weise“ Pavillon neben der Brücke

Wir treffen uns nach und nach in einem kleinen Pavillon neben der Brücke, warten, bis auch die letzte da ist und erzählen von unseren Erlebnissen. Das Erstaunliche: In dem Pavillon gibt es neben diversen Handynummern und anderen Grafittis zwei Sprüche, die sehr gut für die zwei Wege stehen, die den Christen (und auch uns auf dem Weg hier) zur Auswahl stehen. Zum einen:

Vom Richten....in ganz moderner Sprache

Wir können einander beurteilen: Du siehst das und das falsch und daher kann ich mich nicht mit dir vereinen bzw. vertragen und versöhnen. Wir können uns in theologische Diskussionen und Lehrmeinungen verfangen über unterschiedliche Auffassungen, unterschiedliche Sicht der Sakramente. Wir können ringen um Worte und Vereinbarungen, bei dem jedes einzige Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Hier steht allerdings gleich, was man davon halten kann. Oder wir können den Weg wählen, den Jesus uns als das höchste Gebot genannt hat:

Die Alternative....ebenfalls auf neudeutsch

Ich muss ähnlich lachen wie beim Pumpälz gestern. Dieser Weg, wenn man auf die kleinen Dinge achtet, hat eine ganz eigene Weisheit… Das einzige Problem, welches entsteht, ist: Die Zeit  verrinnt unaufhörlich, weil einzelne sich von der Gruppe absondern müssen und wir nicht zum Ende kommen. Wir müssen heute auch noch loslaufen. Es ist schon halb elf und wir haben noch ca. 25 km zu laufen, die Sonne scheint und es wird gerade richtig heiß.

Ach, so meinst Du das auch mit der Wiedervereinigung, lieber Gott? Ja, die Zeit verrinnt und verrinnt wegen der Absonderungen und es geht und geht nicht weiter… Stimmt schon, danke für den Hinweis.

Also mal einen Zahn zulegen, ab zum Rathaus und die Rucksäcke geholt. Ich schicke die anderen in die Kirche am Friedhof, das ist eine alte Klosterkirche des Servitenordens. Selbst flitze ich schnell zur Buchhandlung, um uns für unsere Pilgerpässe die Stempel von Vacha zu holen. Gut, dass ich dorthin ging! In der Buchhandlung ist der Schlüssel für diese Kirche geparkt. Ich nehme ihn mit, damit wir sie besichtigen und uns dort von Anina verabschieden können, die uns nun verlassen muss. Wir beten noch zusammen in der Kirche. Anina bringt uns als Andenken ein Lobpreis-Lied aus Afrika bei. Wir singen zusammen, umarmen sie, dann nehmen wir voneinander Abschied. Sie geht zum Bus, der sie zum nächsten Bahnhof bringt. Schade, dass sie nicht bleiben kann! Schnell geht es für mich wieder zurück zur Buchhandlung, den Schlüssel wieder abgeben und meinen Rucksack, der als Pfand dort blieb, wieder schultern. Endlich, es ist halb zwölf, verlassen wir Vacha auf dem Jakobsweg. Ein wolkenloser Himmel ist über uns, ein wundervoller Weg liegt vor uns. Es geht weitab der Straße durch die Felder, linkerhand ein Berg, rechterhand ein langgestrecktes Tal.

Endlich auf dem Jakobsweg - spanische Temperaturen haben wir auch!

Endlich auf dem Jakobsweg - spanische Temperaturen haben wir auch!

Wir durchqueren Sünna und Mosa, dann erreichen wir nach ca. 10 km einen kombinierten Wander- und Radweg. Es sind über dreißig Grad. Auf dem Radweg finden wir ein Hinweisschild auf eine Gaststätte. Wir hoffen auf ein schönes Kaltgetränk und finden so nach Mieswarz. Doch eine offene Gaststätte finden wir nicht, stattdessen eine Bushaltestelle. Renate ist schon sehr erschossen und entschließt sich für heute, unsere gestrige Lösung noch einmal zu probieren. Wir lassen uns einen Taxidienst in Geisa geben, dem nächsten größeren Ort. Taxiruf gibt es, aber leider kein Taxi. In meinem Handy habe ich noch die Rufnummer von gestern, der Taxidienst aus Vacha. Der kennt uns noch und schickt ein Taxi nach Mieswarz. Monika entschließt sich auch, mit dem Taxi mitzufahren. Lesya und ich freuen uns, dass wir unsere Rucksäcke mitgeben können. Wir packen meinen kleinen Rucksack mit Wasser und der restlichen Verpflegung voll und machen uns wieder auf den Weg.

Mohnwiese

Die Mohnwiesen malen rote Flecken in die Landschaft

Ohne Rucksack läuft es sich wunderbar. Bald biegen wir ab nach Otzbach und laufen am Waldrand entlang einen fußfreundlichen Weg in Richtung Bremen. Es ist so ein wunderschöner Tag. Auf den Feldern blühen die Korn- und die Mohnblumen, ein leichter Wind wiegt sie, ein herrlicher Blick in dieses sanfte Tal. Was für eine traumhafte Erde wir haben, das erfahren wir hier immer wieder. Des Pilgers Lohn! Diesen Wegabschnitt hätte ich auf keinen Fall missen wollen. Von meinem letzten Mal weiß ich, dass der Jakobsweg ab hier wieder eine riesige Schleife dreht, um auch das letzte Steinkreuz noch stolz vorzuzeigen. Davor hatte mich hier vor zwei Jahren schon jemand gewarnt, daher steigen wir vorfristig ab in Richtung Bremen und weil es dann auch schon 16 Uhr ist, gehen wir trotz Jakobuskirche und Labyrinth nicht mehr nach Bremen hinein, sondern an der Landstraße entlang nach Geisa. Es genügt ja für uns nicht, nur nach Geisa zu kommen. Den Aufstieg nach Point Alpha haben wir ja auch noch auf dem Zettel für heute.

Lesya und ich haben es für den Rucksacktransport übernommen, den heutigen Einkauf zu erledigen. Zum Glück finden wir am Weg einen großen Supermarkt und davor sogar eine mobile Hähnchenbraterei. Damit ist geklärt, was es heute gibt: Es bestand ein großer Appetit auf Obst mit Joghurt bei der Hitze, aber auch ein halber Broiler ist zur Stärkung des Pilgers willkommen. Wir suchen uns wieder die Markierungen und finden hinaus, ohne uns auch Geisa näher angesehen zu haben. Ich kenne Geisa schon, diesmal ist Point Alpha dran. Darauf bin ich schon sehr gespannt und freue mich. Aber hiervor hat in diesem Falle der liebe Gott eine mächtige Mühe gesetzt, denn es geht sehr steil den Berg hinauf. Mittendrin halten wir an, weil uns ganz schön die Pumpe geht. Es ist immer noch ordentlich heiß!

Endlich kommen wir an dem komplett eingezäunten Gelände auf der Bergkuppe an. Point Alpha war in der Zeit des kalten Krieges ein Beobachtungsstützpunkt der US-Alliierten, auf dem Grenzüberwachung und Abhören von Funk stattfanden. Point Alpha sollte vor allem den sogenannten Fulda Gap unter Beobachtung halten, da hier aus geografischen Gründen ein Angriff schnell und leicht möglich gewesen wäre. Ca. 40 Soldaten arbeiteten hier, die regelmäßig ausgewechselt wurden, denn dieser Berg direkt an der Grenze war schon recht einsam.  Von Renate und Monika werden wir herzlich empfangen. Sie sind begeistert! Es ist eine wahrhaft luxuriöse Herberge für uns, sehr bequeme Betten, gut ausgestattete Waschräume, eine Küche. Sie waren schon im Café, haben alles entdeckt und nette Leute kennen gelernt. Während Lesya und ich uns duschen, bereiten die anderen das Abendessen vor und schneiden das ganze Obst. Es sind Erdbeeren, Mango, Birnen und Äpfel, es gibt nur keine Schüsseln, aber beide sind kreativ! Zunächst wird das Hühnchen vertilgt, dann kommt ein großer Obstteller. Herrlich!

Abendliche Pilgerpflicht - Wäsche waschen

Es ist der 3. Pilgertag, gestern sind wir erst spät angekommen, daher greift heute jeder zum Waschmittel und bringt seine Montur auf Vordermann. Als uns die Trockenplätze ausgehen, hängen wir unsere Klamotten in die Bäume, wo alles schnell trocknet. Ich stromere durch  Point Alpha, welches wir an diesem Abend ganz für uns haben. Wir sind allein hier, aber mit dem Zaun drum herum fühlt sich jeder sicher… Damit ist die Besichtigung im Übernachtungspreis mit enthalten. Wir schlafen ja schon in einer ehemaligen Baracke. Es gibt hier viel zu sehen: Panzer, Feldfahrzeuge, Zelte mit Soldatenpuppen, kaputte Hubschrauber (hier war mal das Dach der Fahrzeughalle wegen Schneemassen runtergekommen und hatte die Hubschrauber demoliert). Das ganze Gelände ist eingezäunt, ein großer Beobachtungsturm steht am Ostrand. Jenseits des Zaunes sieht man die Überreste der DDR-Grenzanlage mit Erdbunker, Hundelaufanlage, Beobachtungsturm, Metallgitterzaun, ehemaligen Minenfeldern, Grenzsteinen. Das ist zwar alles schon über 20 Jahre her, aber ich kenne das alles noch in echt – als Berlinerin eben ein immer wiederkehrendes Schreckensmal.

US-amerikanische Überbleibsel in Point Alpha

US-amerikanische Überbleibsel in Point Alpha

Mir kommen zwei Ideen für Bilder, die ich gerne mit den Anderen umsetzen möchte. Einmal habe ich die Sperrlinie entdeckt. Es ist eine rote Linie auf der innenliegenden Straße, die kein Panzer überqueren durfte, es hätte sonst als Grenzprovokation gegolten. Nur Jeeps und kleine Fahrzeuge durften den Wendekreis um den Fahnenmast benutzen. Und ich denke, manche Grenzen muss man einfach überschreiten. Für uns ist der getrennte Tisch auch ein Schreckensmal. Wir sind zu viert miteinander unterwegs, teilen die gleiche Religion, aber nicht Konfession. Wir teilen hier den ganzen Tag miteinander, laufen zusammen, essen zusammen, schlafen zusammen, beten zusammen, aber Jesus gemeinsam in der Eucharistie verinnerlichen dürfen wir nicht.

Die Sperrlinie

Die christliche Sperrlinie liegt im Abendmahl und wir wollen sie überschreiten

Doch wir suchen keine Revolution, wir wünschen uns eine friedliche Öffnung auch dieser Grenzen. Für niemand von uns machen sie einen Sinn. Daher möchten wir allen aus Point Alpha einen Friedensgruß senden, wir hoffen, dass man ihn erkennt (die Idee war wahrscheinlich besser als das Ergebnis…)

P A X - Frieden, Paix, Peace, Paz, Pace

Nach dem Foto klettern wir alle auf den Beobachtungsturm, um in der Abendsonne die Aussicht zu genießen. Geisa liegt vor uns im Tal und Lesya und ich zeigen, wo wir aufgestiegen sind. Der Abend ist total mild und warm!

Geisa im Abendlicht

Beim Heruntersteigen werden wir von einem Mann im Grünmann imit einem langen Stock angesprochen. Er fragt uns, was wir Tanten denn auf dem Turm hinter dem Zaun machen. Renate wechselt ein paar Worte mit ihm, er erzählt, dass er Schäfer ist. Er ist ein einfacher Mann, man merkt es schnell. Da ich solche Menschen von der Obdachlosenarbeit kenne, spreche ich mit ihm und es beginnt ein bemerkenswerter Dialog. Ich frage ihn: „Sind Sie der gute Hirte?“ Er sagt: „Ja, ich hüte die Schafe meines Vater!“ Weiter sagt er: „Ich bekomme kein Geld dafür, nur etwas zum Essen und einen Platz zum Schlafen.“ „Nicht mal ein Taschengeld?“ „Nein!“ Er weist auf seine Schafe und erklärt mir, es sind Rhönschafe.

Ich bin total überrascht und perplex ob dieses Dialogs. So hätte auch Jesus antworten können. Dann fragt er mich nach 2 Euro und sagt, er hätte „Durscht“. Ich habe nichts außer Wasser und biete es ihm an, was er gerne annimmt. Ich laufe schnell zur Baracke, wasche eine kleine Flasche aus und fülle sie mit kaltem Wasser. Dann gehe ich zu ihm zurück, er steht nun an der Stelle mit dem Birkenkreuz.  Ich stecke ihm die 2 Euro zu und werfe ihm die Flasche über den Zaun zu, weil sie nicht durch den Zaun passt. Beim ersten Mal bleibt sie am Stacheldraht hängen, beim zweiten Mal geht sie rüber. Es ist wie damals, als  meine Eltern Zigaretten über den Stacheldraht geworfen haben. Er nimmt beides und geht zu seinen Schafen, er, der gute Hirte auf der anderen Seite des Stacheldrahtzauns. Nicht er war draußen, sondern ich. Das Kreuz steht auf seiner Seite, im Licht, für mich hinter dem Zaun…

Hinterm Zaun der gute Hirte Winfried, der Freund des Friedens - nur das Kreuz steht im Licht

Ich frage ihn, ob ich ein Foto von ihm machen darf. Ich darf, aber kommt nicht sehr nahe heran, er ist mehr nur als ein Schatten auf dem Bild erkennbar. Und ich frage ihn aus alter Pilgergewohnheit nach seinem Namen, manchmal gibt es da bemerkenswerte Aussagen. Er sagt, er hieße Winfried = Friedensfreund (Der Name Winfried ist ein aus den Gliedern „wini“ (Freund) und „fried“ (Frieden) gebildeter germanischer Rufname.) Ich bin erneut perplex. Meine erste Assoziation ist: Der Friede gewinnt. Was haben wir da gerade auf dem Turm dargestellt? Pax – Friede. Was geschieht hier? Der Name des guten Hirten fühlt sich für mich auch an wie eine Prophezeihung: Der Friede wird gewinnen! Er wurde auch mal Friedensfürst genannt…

Gleichzeitig war es interessant, dass er genau 2 Euro sich gewünscht hat. Am Sonntag vor dem Pilgern hatte ich noch gar kein Geld zum Pilgern gehabt, obwohl ich diese Reise nun schon seit so vielen Monaten vorbereitete. In einem Gebet sagte ich zu Gott: „Wenn Du willst, dass ich diese Pilgerreise mache, dann brauche ich bis zum nächsten Freitag 400 Euro.“ Und am Freitag hatte ich: exakt 400 Euro. Die letzten 2 Euro hatte ich von meiner letzten Klientin bekommen, die sagte: „Ich habe momentan kaum Geld, aber ich gebe Dir diese 2 Euro, mehr habe ich nicht.“ Und genau diese 2 Euro hat er gewollt und bekommen. Meine Güte, lieber Gott, hier kriegen wir aber echt etwas geboten… Als ich den anderen mein Erlebnis erzähle, da sind sie ebenfalls perplex und bedauern partiell, nicht auch da geblieben zu sein. Sie hatten innerlich gerichtet und waren weggegangen. Eine von uns hat ihm später eine etwas größere Spende zukommen lassen.

Unser Tag ist noch nicht zu Ende, wir haben noch was vor. Wir wollen uns an diesem prominenten Ort mit der Wiedervereinigung auseinandersetzen. Dafür habe ich das persönliche Mauerfall-Tagebuch  des Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse über die Zeit der Wende dabei, aus den ich vorlese.  Christen und Kirche habe bei der friedlichen Revolution, die zum Mauerfall gehörte, eine wichtige Rolle gespielt. Beeindruckt war ich davon, dass man zum Anfang nur für die Veränderung auf die Straße gegangen war. Wohin es gehen sollte, wie es werden sollte, war den Beteiligten damals nicht klar. Es sollte sich entwickeln.

Der Abend endete für mich wundervoll, ich bekam eine erholsame Fußmassage von Lesya. Eine von uns war noch lange in den Waschräumen beschäftigt, kein anderer weiß, womit. Eine andere Pilgerin sagte voller Mitgefühl: „Herr, hilf dieser verlorenen Seele, damit sie Ruhe findet!“ Beim Einschlafen murmelte ich zustimmend: „What she said, god, what she said!“

Wenn wir mit dem von uns Erlebten zuviel Anstoß erregen, vielleicht einfach der Schott-Tagesimpuls vom 30. Mai 2011, den wir zum Abschluss lasen:

EVANGELIUM                                                                       Joh 15, 26 – 16, 4a

Der Geist der Wahrheit wird Zeugnis für mich ablegen

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

26Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen. 27Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid. 1Das habe ich euch gesagt, damit ihr keinen Anstoß nehmt. 2Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen, ja es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten. 3Das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben. 4aIch habe es euch gesagt, damit ihr, wenn deren Stunde kommt, euch an meine Worte erinnert.

Lehre des Tages: 1.  Gott kann Dir in jedem Menschen begegnen. 2. Der Friede gewinnt. 3. Wer sich abgrenzt, der ist draußen und nicht drinnen – im Leben.

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