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1. Juni 2011 Von Hünfeld nach Fulda

5 Jun

Von Gabriele

Das Kloster Hünfeld hat am Morgen zwei geistliche Zeiten, zum einen eine Prozession durch den Park, danach die Laudes, die morgendliche Gebetszeit nach dem Stundengebet und die anschließende Eucharistiefeier. Für den Park stehe ich nicht früh genug auf, aber pünktlich um 6.30 Uhr bin ich bei den Laudes dabei und genieße das morgendliche Versenken in Gott, den noch unbelasteten Geist gleich Gott zuzuwenden. Ich sehe weiter vorne Monika. Sie wollte ganz früh aufstehen und schon im Park dabei sein. Schön, dass sie es geschafft hat.

Um 7.30 treffen wir uns zum Frühstück im Essensraum und auch hier werden wir wunderbar verwöhnt. Es gibt ein Frühstücksbuffet mit Cerealien, Obst, Brötchen & Brot, Wurst, Käse und süßem Aufstrich, Joghurt und Saft. Auf den Tischen stehen Thermoskannen mit Kaffee. Wir genießen und lassen uns Zeit. Unsere heutige Strecke beträgt 23 km. Renate hat sich entschieden, heute mit dem Zug nach Fulda zu fahren, um sich zu schonen. An der Pforte bedanken wir uns nochmals für die freundliche Aufnahme.

Kloster Hünfeld

Kloster Hünfeld

Als wir nach draußen treten, erwartet uns ein frischer, eher regnerischer Morgen. Böse bin ich da gar nicht drum, denn wir hatten schon viel schönes Wetter. Renate überlässt Lesya ihren tollen Regenponcho und wir bringen sie gemeinsam zum Bahnhof, es wird nur eine kurze Fahrt nach Fulda sein.

Von Renate

Mein ganz besonderes Erlebnis hatte ich im Dom zu Fulda.

Der Dom zu Fulda

Ich hatte wegen vieler Blasen diese Etappe ausgelassen und bin mit dem Zug nach Fulda gefahren. Allein auf mich gestellt, bin ich zur Domsakristei gegangen, habe dort meinen Rucksack abstellen dürfen und hatte dann noch viel Zeit für mich. Also was tun,nun erst einmal wollte ich mir das Innere der Kirche ansehen. Mein Weg führte mich umgehend zur Jesusstatue mit dem heiligen Herzen. Ich setzte mich ihm gegenüber, und sofort empfand ich eine tiefe Verbundenheit zu ihm. Was geschah da mit mir . Wunderbare Energien durchdrangen meinen Körper und meinen Geist , es war ein Hochgefühl. Ich hätte tanzen,singen und lachen können. Ganz in mir habe ich mit diesem Jesus eine tiefe Verbundenheit gespürt, ohne in Trance zu sein. Es war einfach schön,ich musste lächeln. Ach könnte es wohl immer so sein, dachte ich. Diese Gefühl will ich leben, ehren und mir erhalten. Es ist wunderbar als Mensch unter Menschen zu leben.  Lesya sagte zu Recht. LEBEN IST SCHÖN! Das kann man auch sehen an ein paar Bildern meines Tages in Fulda:

Im Garten hinter dem Dom

An der Südseite des Doms

In Richtung Dom-Museum

Weiter von Gabriele

Wir suchen uns unsere Muscheln und finden schnell aus der Stadt heraus. Zunächst verläuft der Weg recht nah der Autobahn, doch es gibt unterwegs immer wieder auch sehr schöne Kapellchen. In Rückers kehren wir in die Kirche ein und dort begrüßt uns der Patron unseres Weges – Jakobus der Ältere, in seiner Pilgerkluft mit Pilgerstab, Kalebasse und Jakobsmuschel auf seinem Mantel. Es wird heute generell ein Tag der Kircheneinkehr – mit draußen rasten ist heute nix.

Jakobus - St. Jacques - Santiago - der Pilger

Doch die Kirchen unterwegs sind auch offen und so können wir uns eine Weile hineinsetzen, um zu rasten und zu beten. Unsere Regel „wenn du ein Problem mit jemandem hast, dann bete mit ihm“ ist bisher nicht sehr erfolgreich eingesetzt worden. Es wurde füreinander und als Gruppe miteinander gebetet. Aber das Zwei nach klarer Absprache für ein aktuelles Problem zwischeneinander beten, dazu hat es nicht gereicht. Wir scheuen den Konflikt, der auftreten könnte, wenn man den Anderen anspricht und die Frage: „Wieso, welches Problem hast du denn mit mir?“ oder vielleicht sogar die zugehörige Aussprache.

Trotzdem gärt es in der Gruppe, es gibt Konflikte. Wenn man 24 Stunden am Tag zusammen ist und dann auch noch viel Anstrengung und einen Bruch der täglichen Routine zu bewältigen hat, dann passiert es – uns zumindest. Ich denke an Jesus Wort vom Balken im eigenen Auge und mir kommt die Idee: Vielleicht ist es leichter, an dem Balken zu arbeiten, im Psychologendeutsch an den eigenen Projektionen! Daher bitte ich alle Monika und Lesya und Renate per Telefon, heute in den Kirchen ein spezielles Heilungsgebet zu praktizieren mit dem Inhalt: „Lieber Gott, bitte heile in mir den Anteil, der von …. genervt ist.“  Alle tun es, ich auch. Und ich treffe tatsächlich bei mir einige Teile an, die genervt sind, z.B. von Freiheiten gegenüber dem Gruppeninteresse und dem Gruppenzusammenhalt, die ich mir selbst  nicht zugestehen würde. Ich entdecke in mir auch einen Teil, der seine Ruhe haben möchte, Zeit und Kopf für sich haben möchte beim Pilgern, der nicht immer im Einsatz für die Gruppe sein möchte. Prima, das war eine gute und ergebnisreiche Idee. Wer immer einen Konflikt hat, sollte dies einmal ausprobieren. Eine Methode, vor der eigenen Haustür zu kehren, eine Methode, die uns unterwegs auf dem Weg gegeben wurde…

Von Renate

Die Reise war vollgepackt mit vielen Emotionen. Abgesehen von Blasen an den Füßen und Erschöpfungserscheinungen wünschte ich mir, der Weg möge nie zu Ende gehen. Wir waren erst fünf dann vier Frauen. Wir hätten unterschiedlicher gar nicht sein können,z B. das Alter, die Lebenserfahrung, die Konfession und vieles mehr. Aber auch hier stellte sich sofort eine wunderbare Verbundenheit ein. Wir mochten und schätzten uns, weil wir ein gemeinsames Ziel hatten, und einfach weil wir Menschen sind, weil wir leben, lieben, fühlen und träumen können. Das ist meine Erklärung: ich fühlte, ich bin ein Teil dieser großen Menschenfamilie. Natürlich stellte diese intensive Nähe auch eine besondere Herausforderung an mich. Obwohl ich mit allen Menschen ein tolerantes Miteinander pflege, musste ich feststellen, dass ich einige Male ziemlich genervt war. Ich fragte mich warum denn das? Ich bekam aus meinem Innern eine Botschaft , die da lautet: „Was dir bei anderen nicht gefällt, ist in dir stark verankert. Erst wenn du es bei den anderen – nur akzeptierst, ohne Wertung, wird es dir besser gehen. Dann werden deine alten Muster, die dich plagen und nicht loslassen und manchmal auch erschrecken, in dir erloschen sein“ . Das war ein magischer Augenblick. Es ging dann beschwingt weiter auf „meinen “ Lebensweg. Ich habe mich wohlgefühlt, zufrieden, aufgehoben und beschützt.

Weiter von Gabriele

Nach Rückers entfernt sich der Weg von der Autobahn und wir laufen durch den Wald, es gibt einige Anstiege, die aber bei der frischen Luft gut zu bewältigen sind. Wir tragen alle Regenmontur, so kann das Wetter tun, was es will. Bald erreichen wir den Haunestausee, dessen Nordseite wir zunächst auf der Anhöhe umrunden. Doch bald führt uns der Weg zum Seeufer und wir pausieren am Wasser. Am Südende des Stausees befindet sich eine Art Sumpflandschaft. Gut, dass es heute nicht so heiß ist! Das wäre hier sehr schwül geworden. Schön ist es, viel zu sehen, ruhig ist es. Am frühen Nachmittag erreichen wir Steinau und besuchen auch dort die Kirche. Dort wird gerade renoviert, der dortige Jakobus ist wegen Bauarbeiten abgebaut. Eine sehr nette Frau zeigt ihn uns auf Nachfrage in einem Pfarrraum.

Auch hier widmen wir uns wieder dem neuen Heilgebet und mir kommt die Idee, eine Form des Gruppenpilgerns heute zu nutzen, die wir bisher vernachlässigt haben: Schweigezeiten beim Pilgern, in denen jeder ausschließlich Zeit für das Betrachten der Landschaft und der eigenen Innenwelt hat.  Nach der Kirche gönnen wir uns eine Pause in einem Eiscafé und leisten uns neben einer großen Tasse Milchkaffee einen warmen Apfelstrudel mit Vanilleeis – genau das Richtige, um eine etwas eingeregnete Pilgerseele wieder in Form zu bringen. Hinter Steinau treffen wir auf eine Jakobus-Stele. Er nimmt hier durchaus Raum ein, ist in den Kirchen sichtbar.

Jakobus-Stele und Jakobs-Pilgerinnen

Wir beginnen unsere Schweigezeit und so freue ich mich, jetzt einfach mal für mich auszuschreiten, ohne großartig auf die Anderen zu achten. Wir halten mehr Abstand voneinander. Es tut uns gut. An einem Haus bei Götzenhof entdecken wir einen weiteren Pilgerfreund, ein Bild des Heiligen Christophorus – der Christusträger, Schutzheiliger der Pilger, der schon Jesus auf seinem Weg unterstützt hat.

Heute halten alle gut mit. Monika tut es gut, das Gewicht ihres Rucksackes reduziert zu haben. Die neuen Wanderstiefel passen ihr hervorragend und sind ohne jegliches Einlaufen ohne Probleme und Blasen tragbar. Wie schön!  Der Weg steigt jetzt langsam an. Es geht auf den Petersberg zu. Wir unterqueren die A7 und können nun die Autobahn verlassen. Wir umrunden den Rauschenberg und bald erreichen wir die ersten Häuser von Petersberg. Es ist ein sanfter Einstieg aus der Natur nach Fulda. Wir wollen uns auf jeden Fall die Grabeskirche St. Lioba anschauen und klettern steile Stufen hinauf. Auch hier, hoch über Fulda – ist die Kirche – eine romanische später gotische Kirche – noch offen und der Innenraum ist überwältigend. Erst stauen wir, dann setzen wir unsere stille Zeit fort, bis uns eine Nonne aus der Cella St. Lioba gegenüber andeutet, dass die Kirche jetzt abgeschlossen wird. Netterweise nimmt sie uns mit in die Cella, wo wir die Toilette benutzen dürfen. Alle dort sind total nett und freundlich. Pilgerinnen haben neben dem Geistigen auch  immer wieder andere Bedürfnisse…

Gegenüber der Cella befindet sich unterhalb der Kirche eine Mariengrotte. Ich warte dort, bei meiner lieben, lieben – was soll ich sagen – Vertraute, Freundin, Mutter, Lieblingsheiligen – ich mag sie einfach. Ich habe sie schon mehrfach besucht: Lourdes, Fátima, Tschenstochau, Montserrat…und auch viele kleinere Orte, wo die Menschen sie wählten als ihre Liebe Frau und Schutzherrin der Gemeinde oder des Klosters. Seele, finde Ruhe!

Von oben suchen wir mit den Augen den Dom. Dorthin geht es heute noch. Der Abstieg nach Fulda ist sehr angenehm, es geht eigentlich fast nur durch Parks – fast bis zum Bahnhof hin und der liegt am Rande der Innenstadt. Durch die Bahnhofsstraße über den Uniplatz, am Kloster der Benediktinerinnen vorbei und am Schloss und wir stehen vor dem Dom. Heute werden wir die Nacht in den Räumen der Dompfarrei verbringen, dort werden wir aufgenommen. Renate hat schon früh den Schlüssel besorgt und empfängt uns mit einem Strahlen. Sie hat heute bestimmt etwas Wundervolles erlebt!

Abendliches Entspannen in der Dompfarrei

Wir richten uns ein und gehen dann erst zum Einkaufen und anschließend zum Essen. Eine Frau vom Chor hat uns auf unsere Nachfrage ein kleines, preiswertes Lokal um die Ecke empfohlen, das wir auch finden. Stimmt, es ist jetzt kein romantisches italienisches Restaurant, aber die Pizza im Goldenen Anker ist lecker – und riesig! Wir alle lassen uns unsere Reste einpacken. Das gibt es dann morgen zum Mittag! Wir kehren wieder zurück in unseren schönen großen Raum in der Dompfarrei. Wir richten uns gemütlich ein und gehen zu unserem Abendprogramm über! Auch heute hat eine Flasche Rotwein zu uns gefunden…Wir lesen hier den zweiten Teil des Thierse-Mauerfalltagebuchs. Heute geht es um die große Demo am Alexanderplatz und die Grenzöffnung. Renate erzählt uns, sie war auch dabei. Wie aufregend diese Zeit war!

Ich kann heute sagen: Das Heilungsgebet hat wundervoll gewirkt. Wir hatten hier bestimmt den schönsten, den harmonischten Abend auf unserem Weg. Wir waren eins, keiner blieb außen vor. Wir lachten und unterhielten uns blendend. Das kann man sich daraus merken: Wenn Du ein Problem mit jemand hast, dann fange an, es bei Dir selbst zu lösen.

Pilger bereiten sich auf das Schlafen auf dem Fußboden vor

Es steht die erste Nacht auf dem Fußboden an, dafür haben wir unsere Matten mitgebracht, die jetzt aufgeblasen werden. Meine Matte und ich, wir sind gut vertraut! Renate braucht Hilfe beim Aufblasen, das geht nicht so, wie sie wollte. Sie hat später die Matte umgetauscht…. Wir räumen die Stühle beiseite und richten uns auf dem Teppich ein. Die Lesung und ein Abendgebet…

Eins sein

Gott, gib, dass wir eins sind: eins in unseren Worten, damit ein einmütiges ehrfurchtsvolles Gebet zu dir gelangt; eins in unserem Verlangen und unserem Streben nach Gerechtigkeit; eins in der Liebe, in der wir dir dienen, wenn wir den Armen und Geringen unter unseren Brüdern und Schwestern Gutes tun; eins in der Sehnsucht nach deiner vollkommenen Gegenwart. Herr, mache uns eins in dir. Amen. (Quelle mir unbekannt)

…und ein paar Kicherer noch. Es war wahrhaft ein schöner Abend!

EVANGELIUM                                                                               Mt 5, 13-19

Ihr seid das Licht der Welt

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus

13Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. 14Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. 15Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. 16So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. 17Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. 18Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. 19Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.

Lehre des Tages: Jesus hat wie immer recht. Wenn man am Balken im eigenen Auge gearbeitet hat, dann stört einen der Splitter im Auge des Anderen nicht mehr. Ein guter Weg zu Frieden und Einheit.

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