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Pilgern für die Einheit der Christen – Himmelfahrt 2011

5 Jun

27. Mai 2011 – 5. Juni 2011

Von der Wartburg/Eisenach

über Fulda

zum Kloster Kreuzberg

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3. Juni 2011: Von Büchenberg zum Kloster Kreuzberg

5 Jun

Von Gabriele

Unser letzter Lauftag! Um sieben Uhr klingelt unser Wecker, wir wollen gegen 8 Uhr aufbrechen. Renate erzählt uns, dass Sie kaum hat schlafen können, sie war ein Großteil der Nacht durch das Bürgerhaus getigert und nun wie zerschlagen. Wie gut, dass sie schon eine Verabredung mit Hannelore hatte. Wir anderen hatten gut geschlafen und waren wieder fit. Die Aussicht, heute mal wieder ohne Rucksack zu pilgern, das war verlockend, das Wetter sah hervorragend aus!

Hannelore kam vorbei und verabredete sich mit Renate. Die übernahm für uns alle den Abwasch, so dass wir nach dem Zurechträumen des Zimmers und dem Rucksackpacken aufbrechen konnten. Ich hatte meinen Tagesrucksack mit Verpflegung und den Wasserflaschen gefüllt, hatte also doch noch etwas zu tragen. Leider war es doch etwas später, als wir das Bürgerhaus verließen, die Jakobus-Kirche zeigte dreiviertelneun.

Die hochragende Jakobuskirche in Büchenberg

Im Vorbeigehen sah ich in einem Schaukasten zwei Zettel, die mir gut gefielen. Einer enthielt nur die Frage:

Wenn man Sie verdächtigen würde,
ein Christ zu sein,
würde man in Ihrem Leben Beweise finden?

Der zweite enthielt Comic-Zeichnungen von verschiedenen Lebenssituationen: Kindheit, Jugend, erste Verliebtheit, ein Schlafzimmer, Familienleben, Arbeitsleben, am Ende ein Grabstein. Unter jedem der Bilder stand eine kurze Feststellung (ob ich es  jetzt korrekt erinnere, es war jedenfalls so oder so ähnlich):

Zu JUNG um an Gott zu denken

Zu COOL um an Gott zu denken

Zu VERLIEBT um an Gott zu denken

Zu BESCHÄFTIGT um an Gott zu denken

Zu VIEL ZU TUN um an Gott zu denken

 Zu SPÄT um an Gott zu denken

Carpe diem, nutze den Tag. Beides gefällt mir gut! Sollte man mal darüber nachdenken! Wir machen es gleich, wir haben ja Zeit.

Auf dem Weg nach Döllbach

Heute ist ein Tag der landschaftlichen Pracht. Wir steigen zunächst nach Döllbach ab und pausieren ein wenig an der Ottilienquelle. Freude, Freude, Freude – wie ist diese Welt schön! Ein paar Beweise sind hier:

Die Rhön ist schön!

Kaum zum Sattsehen!

Unterwegs denkt an so viel an Gott angesichts Seiner wunderbaren Schöpfung!

Danke Gott, dass Du es uns so schön machst!

Am Döllbach entlang geht  es flach weiter nach Thalau. Mitten im Wald überqueren wir die Grenze nach Bayern. Jawohl, Hessen liegt hinter uns, ab jetzt wird es blau-weiß, die Blumen zeigen es schon! Wir haben heute eine anspruchsvolle Etappe vor uns, es sind 27 km und wir haben zwei ordentliche Anstiege: Einmal von jetzt 350 m zur Schwedenschanze auf 715 m, danach Abstieg nach Oberweißenbrunn auf 620 m und einmal zum Kloster Kreuzberg auf 900 m. Hier kann man im Winter auch Skifahren. In Thalau treffen wir vor der nächsten Jakobuskirche auch wieder einen schönen Jakobus als Pilgerstele.

Lesya und Jakobus – Sie ist inzwischen eine total begeisterte Pilgerin

Ganz regelmäßig kehren wir inzwischen in die Kirchen ein, sie sind hier in der Regel offen. Hier finden wir auch einen Stempel für unsere Pilgerpässe – aber die sind leider im Rucksack. Wir schaffen einen Behelfszettel für heute, damit er vollständig wird. Jeder wird für sich still und geht ins Gebet. Ja, nach der Zeit braucht jeder seinen Kopf auch für sich – so viele Eindrücke sind zu verarbeiten. In der Kirche befanden sich zwei riesige Symbole zum Abendmahl/Eucharistie: Ein riesiges Brot und eine riesiger Kelch samt Weintraube und Hostie.

Ein riesiges Brot des Lebens – Kelch, Hostige und Weinrebe – Symbolik der Eucharistie

Die Eucharistie / das Abendmahl ist ein großes Thema in der Ökumene. Noch ist der gemeinsame Tisch nicht möglich. Ein Zitat von Bischof Gerhard Ludwig Müller (Regensburg), Vorsitzender der Ökumenekommission in der Welt vom 29.4.2011: „Gemeinsame Eucharistiefeiern kann es nicht geben, weil es gravierende Unterschiede im Eucharistie- beziehungsweise Abendmahlsverständnis gibt, sie betreffen den Opfercharakter der Messe, die Wesensverwandlung, die Realpräsenz, die Einordnung der Eucharistie in das kirchliche Leben, den sakramental geweihten Priester. Bei uns ist die Eucharistiefeier vornehmlich eine Feier der Kirche, bei den Evangelischen ist das Abendmahl mehr auf den einzelnen Glaubenden bezogen. Die Protestanten erkennen die Sakramentalität der Kirche nicht an. Das ist bis heute der große Unterschied, den können wir nicht einfach überspielen.“ Kommt es wirklich darauf an, dass alle Beteiligten vor dem Abendmahl in all dem übereinstimmen? Darf ein Mensch einem anderen Menschen die Eucharistie verweigern? Ein „Du darfst Jesus nicht verinnerlichen“? Liegt nicht in Jesus Christus die Wandlung? Ist eine fundamentale Wandlung ohne Jesus überhaupt möglich? Eine Wandlung zur Vereinigung ohne einen gemeinsam verinnerlichten Jesus? Kann nicht gerade Jesus die Einheit bewirken bzw. nur er? Brauchen nicht die Kranken des Arztes Gott – wer auch immer das in diesem Zusammenhang sein mag? Wer weiß das denn? Wer kann es denn wissen?

Nach Thalau geht es bergauf. Auf der Hangmitte treffen wir auf eine ganz beschauliche Lourdesgrotte. Man könnte hier ständig anhalten und sich besinnen. Und wir tun es auch, es ist einfach zu schön. Das ist das andere am katholischen Land: Jesus Christus und Maria sind einfach sehr präsent. Ein Mangel an Zwiesprache mit „oben“ ist hier kaum möglich.

Mariengläubigkeit – eine offene Frage in der Ökumene. Auf dem Foto sieht es aus, als ob ein heller Strahl auf Maria fällt oder von ihr ausgeht.

Mariengläubigkeit ist auch noch eine offene Frage in der Ökumene. Obwohl ich evangelisch aufgewachsen bin, waren meine ersten Begegnungen mit Maria vorbehaltlos und offen. Ich habe sie als eine wundervolle Begleiterin entdeckt, ohne mir darum Gedanken zu machen. In Lourdes habe ich sie kennengelernt. Mein erster Jakobsweg begann dort, weil mein Mitpilger Santiago dort starten wollte. Aus meinem Pilgertagebuch:

Den 17. August 2007 verbrachten wir ganz in Lourdes, nahmen an verschiedenen Messen, an einer Führung von freiwilligen Helfern durch das Sanktuarium und zu den Lebensstationen der heiligen Bernadette und an der abendlichen Lichterprozession teil. Im Cachót, dem ärmlichsten Wohnort der Bernadette, hörte ich das erste Mal das Ave Maria, das dort ein junger, bayrischer Freiwilliger für uns betete. Ein riesiger Rosario (Rosario=span. Rosenkranz) hing dort über dem Kamin. Uns wurde erzählt, dass die Familie ihn jeden Abend gebetet hatte. In Lourdes erhielten wir den ersten Stempel in unserem Credencial und verbrachten die erste Nacht in einer Pilger-Herberge, im Ave Maria in der Avenue du Paradís – was für Namen! Bei der gegrüßten Maria im Paradies! Im Ave Maria gibt es morgens sogar noch Frühstück, ein schöner Morgen! Am nächsten Morgen kauften wir uns Andenken – ich mir einen Rosario-, dann füllten wir uns unsere Wasserflaschen mit dem heiligen, heilenden Wasser im Sanktuarium auf und machten uns auf unsere 1. Etappe auf dem Jakobsweg, dem Camino de Santiago. Wir hatten dafür im Infohäuschen des Sanctuariums Etappenbeschreibungen für den Voie de Piemont erhalten….

Die Herberge in Asson ist ganz klein, jedoch wunderschön: es gibt ein Zimmer mit einem Doppelstockbett, Kochgelegenheit, Esstisch und Badezimmer. Es war schon ein Pilger dort, den der Küster vorher wohl schnell an einem anderen Schlafplatz untergebracht hatte, wie wir hinterher merkten. Wir waren zahlende Pilger, er konnte nichts bezahlen. Wir haben gemütlich miteinander gekocht, gegessen und uns unsere Geschichten erzählt.

Olivier war in seinem Wohnort Albi (Sitz der Albigenser/Katharer) losgepilgert und ebenfalls über Lourdes gewandert. Sein Gepäck bestand aus einem kleinen Rucksack, einem Schlafsack, einer Isomatte und eine Schultertasche, in der er sein Schreibzeug mitführte. Er erzählte uns, dass er sehr wenig Geld hätte und er immer fragte, ob er kostenlos irgendwo schlafen könnte. Wenn er nichts fand, dann schlief er draußen, bei Regen suchte er sich ein überdachtes Plätzchen. Er war recht schnell bis Lourdes gelaufen, denn er wollte am 15. August dort bei den Feierlichkeiten zu Maria Himmelfahrt dabei sein, was wir leider verpasst hatten. Doch ab jetzt wollte er langsamer laufen, am Morgen war er in Betharram aufgebrochen. Er sagte über die Streckenwahl seinen Leitsatz: „Wenn dein Pferd einen langen Weg zurücklegen soll, dann geh gut mit ihm um.“

Und dieser Olivier entpuppte sich als ein Spezialist des Rosarios, er trug drei verschiedene mit sich. Er betete ihn jeden Morgen vor dem Aufstehen. Er erzählte uns von den 20  Mysterien, wie die einzelnen Stationen des Rosarios aussehen, d.h. was wo gebetet wird. Am Morgen kaufte ich einen Rosario, am Abend schickte mir Gott bereits den Lehrer dafür! Oder: Wenn der Schüler bereit ist, dann ist der Lehrer da! Da war es offensichtlich, dass gebetet werden sollte, oder? Beim Wandern begann Santiago mir das Vaterunser und das Ave Maria auf Spanisch beizubringen, da ich den Rosario eben selbst beten lernen wollte. Das deutsche Vaterunser hätte ich noch zusammen bekommen, aber das Ave Maria kannte ich ja gar nicht, hatte es nur in Lourdes einmal gehört….“

So begann ich meine Marienbeziehung. Auf meinem 1. Jakobsweg haben wir vielleicht 150 Rosenkränze gebetet. Unser Weg endete in Fátima in Portugal. Aus dem Plan zu einem Jakobsweg war ein Marienweg geworden. Das Rosenkranz-Gebet habe ich liebgewonnen, es war mir ein guter Einstieg in mystische Gebetserfahrung. Inzwischen gebe ich für den Glaubenskursus in unserer Gemeinde sogar eine Einführung in den Rosenkranz. Damals habe ich das einfach gemacht, weil es da war. Vielleicht ist auch das eine wichtige Sache bei der Ökumene: sich einfach mal ohne Vorbehalt auf das Einlassen, was die andere Konfession tut. Ich habe allerdings in der evangelischen Kirche inzwischen auch sehr scharfe Worte gegen meine Mariengläubigkeit gehört. Ich denke, das gehört für den Vereinigungsprozess bestimmt dazu: vorbehaltlose Offenheit für die Glaubenspraktiken der anderen Konfessionen. Sie werden praktiziert, weil sie heilswirksam sind.

Neben der Lourdesgrotte finden wir wieder eine Jakobus-Stele. Und sie trägt, als wollte sie uns die Antwort darauf geben, die Worte: Wer das Ziel kennt, wird den Weg finden. Der Pfeil zeigt nach oben, weist auf Gott. Das Ziel ist klar: Eine wiedervereinigte Kirche nach Jesu Auftrag in Johannes 17,22-23 „denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich.“ Der Weg muss also zu finden sein. Wer finden will, tut gut daran, sich auf den Weg zu machen – Pilgern zum Beispiel. Wir finden hier Zeichen ohne Unterlass.

Wer das Ziel kennt, wird den Weg finden.

Nach der Lourdesgrotte ging es steil bergan. Wir erreichten durch die Felder den Waldrand und fanden auf einen weichen, traumhaft schönen Waldweg, der uns nach Frauenholz, einem winzigen Dörfchen führte. Durch das Tal des Gichenbach und die gleichnamige Ortschaft waren wir hauptsächlich auf der Straße unterwegs.

Auch der Wald ist ein wundervolles Geschöpf Gottes.

Wir planen unsere Pause in der Haderwaldhütte, der einzigen Gaststätte in diesem Tal. Es ist eine kleine Holzhütte mit einem kleinen Garten dahinter. Wir bestellen uns Kaffee und Kuchen. Es ist mal wieder zum Piepen. Für diese Pause hatte ich für uns eine besondere Übung bereitgehalten. Es geht um den Umgang mit Ärger und Projektion, um das „Ich ärgere mich über, weil…“. Und dann heißt der Ort Haderwald. Es geht um das Hadern. Neben Kaffee und Kuchen gibt es „The Work“, „Hadern mal anders“. Es ist dies eine ausgezeichnete Übung der Amerikanerin Byron Katie,  mit der man jede Projektion auflösen kann. Damit kann man vor allem vor der eigenen Haustür fegen bzw. auf dem Acker arbeiten, der einem als einziger gehört, für den man wahrhaft verantwortlich ist, wo man selbst Hand anlegen kann, wo man darf, kann und sollte. Diese Übung ist so verblüffend einfach und funktioniert einfach. Man beginnt zunächst mit dem Hadern, d.h. man schreibt auf, was man an seinem Nächsten nicht in Ordnung findet, worüber man sich ärgert. Dann stellt man sich zu jeder der eigenen Aussagen zunächst 4 einfache Fragen (Die Fragen sind von der Seite http://www.thework.com kopiert):

 Ist das wahr?

 Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?

 Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst/denkst?

 Wer wärst du ohne den Gedanken?

Wenn man sich diese Fragen in Ruhe beantwortet hat, dann darf man eines tun, was geradezu biblisch ist: Die Umkehr. (Eine Aussage kann ins Gegenteil, auf die andere Person und auf Sie selbst umgekehrt werden (manchmal ist auch die Umkehrung zu „mein Denken“ möglich). Suchen Sie nach mindestens drei echten Bespielen in Ihrem Leben, bei denen die Umkehrung zutrifft.)

Wir alle machen diese Übung und unsere Erfahrungen damit. Der Ärger, der sich bisher untereinander aufgestaut haben mag, der verfliegt und es kommt stattdessen zu ganz ehrlichen Gesprächen. Ich habe natürlich auch gearbeitet. Zwischen den Zeilen wird es sicherlich inzwischen jeder mitgelesen haben, dass ich auch immer wieder genervt bin. Weil es manchmal so langsam voran geht, weil jemand immer wieder sich von der Gruppe absetzt, um Notizen zu machen und damit die Gruppe aufhält. Das bewirkt, dass wir immer wieder viel zu lange unterwegs sind.

Ich schreibe auf: …holt an jeder Ecke ihr Heft raus und schreibt und hält damit die Gruppe auf.

 Ist das wahr, dass … immer wieder die Gruppe aufhält, weil sie Notizen macht?

Nein, sie hält die Gruppe schon häufiger auf, aber nicht an jeder Ecke und nicht immer durch das Schreiben. Es gibt auch andere, die die Gruppe aufhalten.

 Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist, dass sie durch die Notizen die Gruppe aufhält?

Nein, vielleicht braucht die Gruppe ja mehr Langsamkeit oder ich. Vielleicht gibt sie der Gruppe ja damit mehr Raum. Oder es ist wichtig, sich das alles aufzuschreiben.

 Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst/denkst?

Ich bin genervt und denke immer an die Kilometer, die noch vor uns liegen oder das Programm, das ich für diesen Tag geplant habe und für das ich mal wieder die Zeit schwinden sehe. Ich versuche sie zum Weiterlaufen zu animieren.

 Wer wärst du ohne den Gedanken?

Ich würde mich nicht so genervt oder gehetzt fühlen, sondern einfach weitergehen. Es wäre wie ein paar Kilometer mehr. Ich hätte ein weniger schlechtes Gewissen, wenn die anderen so lange unterwegs sind, vielleicht ist es ja so für sie besser. … ist auch die Gruppe. Sie kann zwar gut laufen, aber auf diese Befindlichkeit „ich muss mir Notizen machen“ kann man Rücksicht nehmen und sie einkalkulieren und ihre Notizzeit für Pausen für die Anderen einplanen.

Meine Umkehr: Ich halte die Gruppe auf. Ich hetze die Gruppe. …hält die Gruppe nicht auf. … hetzt mich nicht. … hetzt die Gruppe nicht.

Das stimmt. Immer wieder hetze ich mich und auch die Gruppe. Es mag sein, dass ich die Distanzen zu groß gewählt habe. Es mag sein, dass ich zu viel Programm geplant habe. Und das Antreiben passiert auch, weil die Anderen den Weg und meinen Plan für diesen Tag nicht so genau kennen. Ich könnte auch die Führungsrolle mehr teilen,  alle stärker in die Einteilung des Tages mit einbeziehen, damit sie für das Ankommen selbst mehr Verantwortung übernehmen. (Inzwischen weiß ich auch: Ein paar Notizen mehr hätten mir das Schreiben schon erleichtert.)

Das ist ein schönes Ergebnis. Ich setze es sofort um. Ich erzähle von der Strecke, die noch vor uns liegt und welche besonderen Anforderungen der Weg noch an uns stellt. Im folgenden passiert etwas ganz erstaunliches. Ich bin tatsächlich meine alleinige Führungsrolle los, aber alles ist viel entspannter. Höre: „Wer das Ziel kennt, kann den Weg finden!“

Und hier möchte ich dem Blogleser die Möglichkeit geben, einmal mit uns in den Haderwald zu kommen, um zu seinem eigenen Thema in Bezug auf die Wiedervereinigung der Christen über die jeweils andere Konfession, einzelne Protagonisten wie z.B. Papst, Bischöfe, Luther, Kurfürsten, einzelne Themenbereiche sich auszulassen. Lassen Sie mal so richtig die Sau raus. Reden Sie mal Klartext und benutzen Sie dann The Work. Das Ergebnis werde ich dann hier in diesem Blog veröffentlichen, nach Ihrer Wahl anonym oder auch mit Ihrem Namen:

Die Anderen, die sich bisher auf mich verlassen haben, suchen und finden jetzt selbst die Zeichen und ich kann mich mehr auf mein eigenes Pilgern konzentrieren und finde jetzt Zeit, auch endlich unterwegs einen Rosenkranz zu beten. Ich bitte alle Heiligen des Weges dazu: Elisabeth, Martin Luther, Bonifatius und Franziskus. Beim Beten verändert sich etwas: Das Ave-Maria, das ich spreche, erhält zunächst einen Zusatz. Aus „und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus“ wird „Jesus, den wir alle so sehr lieben.“ Das finde ich hervorragend: Ja, so mag ich gerne beten. Aus „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder…“ wird ein schlichtes: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für die Einheit der Christen.“ Ja, bleiben wir beim Wesentlichen. Die Worte kommen einfach. Und in einem spanischen Extragebet, in dem ich Jesus immer um Hilfe, Führung, Schutz, Heilung und Segen bitte, kommt das Wort Aclaración dazu. Ich kenne das Wort nicht, bete es aber trotzdem. Im Lexikon finde ich zuhause folgende Bedeutung: Aufhellung, (Auf-)Klärung, Klarstellung, Verdeutlichung. Interessant, dringlich: Können wir gut gebrauchen!

Auch ein Zeichen? Ein Viererbaum für uns vier Pilgerinnen

Unser Dreiergespann zieht sich – auch wegen vereinbarter Schweigezeit – weit auseinander. Aber jeder kann den Weg auch selbst finden. Es geht nun kontinuierlich bergauf, kurz vor der Schwedenschanze auch recht steil. Aber eine so wunderschöne Strecke durch Feld und Wald, an Rommers und an Kalbenhof vorbei. Oben an der Passhöhe Schwedenschanze finden wir eine kleine Hütte, der Berggasthof ist geschlossen. Jemand spendiert ein Eis und wir setzen uns in den kleinen Biergarten der Hütte. Eine schöne Pause, ein echter Genuss. Die alte, sternförmige Wehranlage besuchen wir nicht. Wir müssen uns nicht mehr wehren… Noch 9 Kilometer sind es bis zum Kloster. Die zählen wir jetzt rückwärts, dann ist unser Pilgerweg zu Ende. Es macht sich ein wenig Traurigkeit breit, denn das Laufen haben wir alle sehr genossen.

Der Jakobsbrönn auf dem Weg nach Oberweißenbrunn

Ein vielgewundener Waldweg führt uns kurz hinauf und dann hinab nach Oberweißenbrunn. Auf dem Weg dorthin gibt es viele Brunnen, unter anderem einen Jakobsbrönn. So können wir auch frisches Wasser auftanken, es schmeckt gut und ist schön kühl. Auf dem Schild am Brunnen unten rechts steht die Entfernung nach Santiago de Compostela: 2385 km! In Oberweißenbrunn besuchen wir ebenfalls die Kirche. Wir stempeln unseren Behelfszettel mit dem Pilgerstempel, hier ist man gut auf den Pilger eingestellt. In den Fürbittekasten werfe ich die Bitte, für die Einheit der Christen zu beten. Je mehr dafür beten, umso besser! Eine Frau, die die Kirche beaufsichtigt, erklärt uns, wie wir am schnellsten wieder auf unseren Weg kommen. Jetzt geht es nur noch den Berg hinauf, so steil, dass es sich hier auch für Skilifte lohnt. Doch das alles ist keine große Last ob der Schönheit der Bergwiesen und der fußfreundlichen Wegführung hier.

Die letzten Kilometer in strahlendem Sonnenschein

Wir genießen nur noch, meist jeder für sich, schauen Sie einfach zu:

Rhönblick in die Höhe Rhön

Kreuzberg in Sicht – unser Ziel ist nah, der Weg nicht mehr zu verfehlen

Bergwiesen de luxe – filigran und vielfältig ist alles gestaltet aus Schöpferhand

Das letzte Stück wird durch den Wald gehen – auf zum Kloster Kreuzberg

Lesya fällt es schwer, das Pilgern aufzugeben, sie könnte noch tagelang weiterlaufen. Auf der Wiese und im Wald genießt sie noch einmal jeden Schritt und das innere Glück ist ihr wahrhaftig anzusehen. Das ist nicht nur ein Lächeln, das ist  echte Freude:

Die letzten Schritte im Wald – innige Freude

Am Waldesende kommen wir wieder zusammen. Ein letzter gemeinsamer Schritt – das soll es sein – so soll es werden. Die drei Konfessionen kommen gemeinsam am Kreuz(berg) an, friedlich und in Freude vereint: Evangelisch – katholisch – orthodox. Wir haben es geschafft.

Ich rufe Renate an, damit sie uns entgegen kommt. Es ist schon 18:20 Uhr, die Klosterpforte ist sowieso schon geschlossen. Wir kommen am Bruder-Franz-Haus vorbei, wir durchqueren den vollbesetzten und bierseelig-deftigen Franziskaner-Biergarten und kommen zum Haupthaus, wo wir auf Renate treffen.

Auf dem Weg zum und durch den Biergarten

Jawoll, und hier werden wir gleich einkehren, das haben wir uns verdient! Das Bier auch! Wir bleiben gleich unten, die Rucksäcke sind ja schon oben und stellen uns an der Essensausgabe an. Wir teilen uns Schweinshaxe, aber Knödel und Soße hat jeder für sich. Oh, ist das jetzt herrlich. Renate holt einen großen Humpen Bier, den wir uns auch teilen. Keine von uns könnte allein eine solche Menge trinken! Aber: Wir sind in Bayern und man gönnt sich ja sonst nix.

Nach der „Brotzeit“ zeigt uns Renate die Zimmer und wir lassen uns nieder und können nun duschen. Wir haben es super erwischt, zwei schöne Doppelzimmer im Marienbau mit Blick nach Westen auf den Garten und den Wald, der Biergarten geht zur anderen Seite! Ach, haben wir das gut!

Gemütliche Zimmer im Kloster Kreuzberg

Um halb neun treffen wir uns nochmals im Antonius-Saal auf einen Absacker und den Sonnenuntergang. Renate erzählt uns ihren Tag und wir ihr unseren. Wir sind da! Leben ist schön. Und die heutige Lesung? Lest selbst:

EVANGELIUM                                                                                Mt 5, 1-12a

Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus

1Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.2Dann begann er zu reden und lehrte sie. 3Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. 4Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. 5Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. 6Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. 7Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. 8Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. 9Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. 10Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. 11Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. 12aFreut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.

Noch Fragen? Jemand? Danke Gott!!!! Für alles unterwegs!!!!
Ja, wir freuen uns und jubeln!

Sonnenuntergang vom Logenplatz im Antonius-Saal

Lehre des Tages: 1. Im Leben ist das Heil – das kann ich annehmen, wenn es bedeutet, die Nachfolge im Leben umzusetzen und das höchste Gesetz im Alltag zu leben. 2. Was wir nicht selbst leben, können wir auch keinem anderen predigen. 3. Jede Führungsrolle muss irgendwann aufgegeben werden, damit Gott selbst führt und alle Gläubigen diese Führung selbst wahrnehmen.

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4. Juni 2011: Auf dem Kreuzberg

5 Jun

Von Gabriele

Um 7.15 Uhr stehe ich schnell auf, um mir die Frühmesse zu gönnen, hat man ja sonst nicht so nah dran. Die Kirche ist halbvoll. Mit meiner Wanderbekleidung – was anderes hab ich nicht bei-, sehe ich etwas anders aus, als die Anderen. Aber daran gewöhnt man sich als Pilger. Die Kirche enthält am rechten Seitenaltar ein Bild, das mich total berührt: Jesus hängt am Kreuz und mit dem einen Arm umarmt er den Heiligen Franziskus. Auch Elisabeth von Thüringen ist mit auf dem Bild. Das Bild finde ich auch noch im Gesangsbuch und nehme es mit. Der Anfang und das Ende unserer Pilgerreise symbolisiert durch die beiden Heiligen, die vieles gemein haben: die Liebe zu Jesus Christus, die barmherzige Liebe zu den Schwachen und ihre konkrete Hilfe für sie, Demut und Abkehr von allen Standesdünkeln, die Liebe zur Armut und Verzicht. Ja, sie stehen beide in wirklichem Gegensatz zur feudalen Kirche. Ihnen sind Macht und Geld völlig unwichtig, in ihrem Zentrum steht Jesus Christus. Ein guter Tagesanfang. Ich freue mich auf einen Tag mit Franz von Assisi.

Von der Frühmesse schlüpfe ich direkt zum Frühstück im Antoniussaal. Die Anderen sitzen schon am Tisch und lassen es sich schmecken. Es gibt ein reichhaltiges Frühstücksbuffet. Heute haben wir mehr Zeit, weil wir nicht aufbrechen werden, sondern den ganzen Tag hier auf dem Kreuzberg verbringen werden, der krönende Abschluss. Wir wollen heute den Kreuzweg begehen und uns das Bruder-Franz-Haus ansehen und Zeit für innere Einkehr haben. Monika muss heute schon abreisen. Sie findet zum Glück eine Möglichkeit, am Nachmittag abzureisen, damit sie noch unsere Aktivitäten heute teilen kann.

Nach dem Frühstück machen wir uns bereit. Es findet in der Kirche noch eine Messe statt, die Monika gerne besuchen möchte, Lesya und Renate aber nicht. Nun, beim Pilgern darf der Wunsch nach einem Messebesuch allen anderen Aktivitäten vorgehen. Ich folge Monika in die Kirche. Sie kommt dort in den Genuss der Annäherung an den Kreuzpartikel, der dort bewahrt wird. Ich selbst bin zu unruhig, mir das zu gönnen, weil die Anderen warten. Heute denke ich, wie entsetzlich dumm von mir.

Hinter der Kirche treffen wir auf die beiden anderen und machen uns auf den Kreuzweg. Wir haben uns für die Betrachtung als Weg der Erkenntnis entschieden, beten und betrachten. Direkt an der Rückseite der Kirche ist die erste Station: Jesus wird zum Tod verurteilt.

1. Station Jesus wird zum Tode verurteilt

1. Station Jesus wird zum Tode verurteilt

Jesus ist unter anderem verurteilt worden, weil er die bestehenden Machtstrukturen in Frage stellte, sogar für die Machthaber bedrohlich wirkte. Uns fällt an diesem Bild besonders Pontius Pilatus auf. Wie ist er mit der Schuld umgegangen, die er mit der Verurteilung auf sich lud? Wir erinnern uns an die Brücke der Einheit bei Vacha und den Spruch „Scheiß auf das Richtepack!“ Die fortgesetzte Spaltung der Kirche beruht auch auf Be- und Verurteilung. Wie kann also im Zuge der Wiedervereinigung der Kirche mit der Schuld für gegenseitige Verurteilung umgegangen werden? Schuld tragen wir alle, nicht nur die Protagonisten, sondern auch die, die es geschehen ließen bzw. sich damit abfanden und bis heute immer noch abfinden.

Martin Luther hat das Handeln des Papstes und einiger seiner Beauftragten öffentlich kritisiert. Wir haben die Thesen gelesen und es uns geschichtlich angeschaut und gesehen: Die Kirche hat sich bemüht, Geld/Mammon/das Weltliche zu gewinnen, u.a. um den Petersdom zu bauen. Sie hat auch im Mittelalter immer wieder mit den weltlichen Mächten konkurriert. Die weltlichen Mächte haben im Verlaufe der Auseinandersetzung ihre Chance genutzt, Macht über die Kirche zu gewinnen. Im Augsburger Religionsfrieden wurde die weltliche Macht über die Religion gesetzt: Wessen Regierung, dessen Religion. Der Landesherr durfte bestimmen. Wenn wir uns die Situation heute anschauen, dann sehen wir noch immer Urteile gegenüber den Anderen. Wenn man es liest, fällt einem auf: Es liegt immer an den Anderen, dass eine Wiedervereinigung nicht möglich ist, es sind festgefahrene Positionen. Solange die Anderen nicht SO sind und SO denken, sind uns die Hände gebunden.

2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Jesus ist umgeben von kräftigen Soldaten. An der Seite steht ein Mann mit einem langen Bart. Wir vermuten, es soll einen Hohepriester darstellen. Er kratzt sich am Kopf. Jesus wirkt zunächst stark und aufrecht, senkt aber leicht den Kopf. Er nimmt sein Kreuz auf sich.

3. Station: Jesus fällt zum ersten Male unter dem Kreuz

3. Station: Jesus fällt zum ersten Male unter dem Kreuz

Ein Mann mit einem erhobenen Knüppel, ein Mann, der ratlos den Finger in den Mund steckt, ein Mann, der Jesus an seinem Gürtel zieht. Uns fällt besonders der Knüppel auf, das Brutale. Die Einheit entgleitet und was passiert. Man haut drauf, man weiß auch nicht, man hält fest. Jesus fällt einfach, er, der alle Macht haben könnte, lässt es einfach geschehen.

4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter

4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter

Wir sehen schon wieder den Knüppel über dem Kopf von Jesus. Maria ist da, der erste freundliche Mensch auf den Bildern. Die Männer haben alle Waffen, Insignien der Macht, aber auch der Angst. Maria ist ohne Waffen gekommen. Sie ist mutig, sie lässt sich von nichts abhalten, von keiner Angst. Sie ist einfach da, weil sie liebt, weil es ihr Sohn ist.

5. Station Simon von Cyrene hilft Jesus

5. Station Simon von Cyrene hilft Jesus

Simon von Cyrene hilft Jesus, das Kreuz zu tragen. Wie Jesus ist er barfuß, schaut etwas unwirsch. Er wird dazu gezwungen. Hinter ihm stehen wieder zwei Männer – einer davon mit Waffen.

Beim Betrachten der Kreuzwegstationen

Für die 6. Station haben wir leider kein Bild. Es ist dies die Station, wo eine weitere Frau – Veronika – zu Jesus herantritt, um ihm das Schweißtuch zu reichen. Wieder ist es eine Frau, die freundlich an ihn herantritt.

7. Station Jesus stürzt zum zweiten Male

7. Station Jesus stürzt zum zweiten Male

Wieder sind die drei Männer da, wieder Waffen, wieder ein erhobener Knüppel. Einer allerdings hält das Kreuz fest, damit es nicht auf Jesus fällt. Jesus liegt schon, doch der Mann mit dem Stock stößt auf ihn ein. Die Männer tragen alle Schuhe im Gegensatz zu Jesus und den Frauen. Auch hier: Jesus verzichtet auf alle seine Macht. Und es scheint ihm auch gar nicht peinlich zu sein. Er weiß und vertraut: Alles wird Gott immer zum Guten richten.

8. Station Jesus spricht mit den Frauen

8. Station Jesus spricht mit den Frauen

Wieder trifft Jesus auf Frauen und es sind immer wieder die Frauen, die Emotionen der Bestürzung, der Trauer, des Schmerzes zeigen.  Das erste Mal ist ein Kind auf dem Bild. Auf der anderen Seite steht wieder ein Mann mit einem langen Bart und einem talarartigen Gewand. Wieder ein Hohepriester? Sein Mund ist geöffnet, als ob er spricht. Er scheint nichts an der Situation zu bedauern. Dieses Bild berührt uns sehr stark. Wo sind die Männer, die zu Jesus stehen könnten? Wo ist die Betroffenheit der Männer? Auf keinem Bild bisher war ein Mann mit einer positiven Geste Jesus gegenüber. Alle Männer hier walten ihres Amtes und wirken gnadenlos.

9. Station Jesus fällt zum 3. Male

9. Station Jesus fällt zum 3. Male

Und nun zum dritten Male drei Soldaten um Jesus herum, einer inzwischen sogar auf einem Pferd und mit einem Schwert.  Ungehaltenheit spricht aus den Gesichtern. Langsam bekomme ich das Gefühl, dass hier Männer und Frauen für etwas sehr Geschlechter-archetypisches stehen: Die Männer für den Verstand, die Macht, die Regeln und die Unterscheidung, die Frauen für die Emotionen, die Herzlichkeit, die Annahme und das Gemeinsame stehen. Und das Kind steht für das Leben. Und das wendet sich im vorherigen Bild an die Frauen. Das hat hier nichts mit Feminismus zu tun, die Bilder haben wir nicht gemacht.

10. Station Jesus wird seiner Kleider beraubt

10. Station Jesus wird seiner Kleider beraubt

Mit starken Bewegungen berauben zwei der Männer Jesus seiner Kleidung. Der dritte hält einen Krug in der Hand. Hinter dem Kopf des Anderen reicht er Jesus seinen Kelch mit der Galle. Jetzt ist es so weit, jetzt kommt das Bittere. Jesus Gesicht wirkt demütig, er lässt es über sich ergehen. Ein grausiges Detail entdecken wir auf dem Bild, es erinnert an Hammer und Zirkel auf dem Kreuzweg von Point Alpha:

Die Nägel, mit denen Jesus ans Kreuz genagelt wird

Die Nägel, mit denen Jesus ans Kreuz genagelt wird

Die Nägel, ein grausames Detail der Kreuzigung. Nicht festgebunden, sondern ans Kreuz genagelt! Wir sind inzwischen innerlich schon sehr betroffen und berührt. Menschen, die ihren Job machen und dabei einen Menschen verletzen und töten werden. Ich saß einmal in einem Gottesdienst in unserer Kirche. Auch bei uns gibt es gemischtkonfessionelle Paare, bei denen nur einer zur Kommunion zugelassen ist. Tief in meinem Herzen hat es mich da berührt und ebenso betroffen gemacht: Wie grausam und hartherzig muss man sein, um mit einem gläubigen und christlich engagierten Menschen so umzugehen und ihn gegenüber Jesus außen vor zu lassen – aus Gehorsam gegenüber der Kirche?! Mal so gefragt: Würde Jesus so handeln? Sorry, du kriegst hier nichts. Du darfst mich hier nicht verinnerlichen. Mir steigt es dabei kalt den Rücken herauf. Ist ja nur ein Gefühl? Fühlen sich hier nicht Kelch und Hostienschale wie diese Nägel an?

11. Station Jesus wird ans Kreuz geschlagen

11. Station Jesus wird ans Kreuz geschlagen

Dies ist der schmerzlichste Moment insgesamt, man sieht den Hammer in voller Aktion. Die Hände Jesu sind schon festgenagelt. Wieder drei Männer. Einer mit dem Hammer, einer, der das Kreuz festhält, und in der anderen Hand auch einen Hammer hält. Einer, der abfällig zeigt. Einer der eine Peitsche? in die Luft hält. Eine von uns beginnt angesichts dieser Station zu weinen. Ich nehme sie in den Arm. Sie sagt: „So geht es mir immer wieder. Immer wieder fühle  ich mich wie ans Kreuz geschlagen!“ Sie ist auf ihrer letzten Stelle gemobbt worden. Ich fordere sie auf: „Frage ihn: Wie soll ich damit umgehen?“ Und ich selbst schaue Jesus auch an und frage ihn: „Sag mir das doch bitte auch!“ Und in mir kommen die Worte hoch: „Bleib in der Liebe und segne sie!“ Ein einfacher wenn auch schwerer Weg, sein Weg.

Und während ich noch die eine Pilgerin im Arm halte, während sie auf Jesus schaut und um Fassung ringt, beginnen neben uns ein paar Männer auf einer Bank neben uns sich über Fußball und Urinieren zu unterhalten, ca. 1,5 m von dieser Station entfernt? Wissen die nicht, wo sie gerade sind bzw. ist es ihnen egal? Keine Pietät? Ich spreche sie an und bitte sie, sich an einem solchen Ort vielleicht anderer Themen zu anzunehmen bzw. uns die Möglichkeit zu geben, hier unseren Weg in Bedachtsamkeit zu erleben. Kaum sind sie ruhig, beginnt auf der anderen Seite eine Fünfergruppe, sich mit lauten Stimmen darüber zu einigen, wo sie jetzt hingehen sollen: In den Biergarten, noch etwas spazieren, ein paar Fotos machen, was auch immer. Und das zieht sich und zieht sich und zieht leider unsere Aufmerksamkeit von der Szene weg. Auch sie spreche ich darauf an, uns etwas Besinnung zu gönnen. Sie fühlen sich ungerecht angemacht und bleiben weiter so laut, um ihren Verbleib zu klären. Nochmals bitte ich um Ruhe. Ungehalten verschwinden sie.

12. Station Jesus stirbt am Kreuz

12. Station Jesus stirbt am Kreuz

Nur wenige Meter weiter ist die Kalvarie, eine große Treppe führt hinauf. Dieser Moment, zu Jesu Füßen vor seinem Kreuz zu stehen, geht immer zu Herzen. Allerdings auch hier nicht allen. Wir sprechen zusammen ein Vaterunser. Wieder ein ähnlicher Zwischenfall. Eine Gruppe Touristen macht irgendwas, was uns schwer ablenkt. Wieder sage ich was und direkt danach fühle ich mich wie Petrus, als der Hahn krähte. Ich habe das Wort, was ich so kurz vorher erhalten habe, nicht umgesetzt. Ich habe dreimal die Chance gehabt es auszuprobieren. Ich bin nicht in der Liebe geblieben und habe sie gesegnet, sondern habe mit weltlichen Methoden gearbeitet. Jetzt war es deutlich. Am Fuß des Kreuzes konnte ich es wahrhaftig annehmen und seither praktiziere ich es, wann immer ich ein Problem mit jemandem habe. Segen! Der Weg ist:

Bleib in der Liebe und segne sie.

Das ist der Weg zur Wiedervereinigung. Kein Einklagen von Positionen, kein Einfordern von Pietät. Nicht dem Anderen was zu sagen zu haben glauben. Keine Führung, keine Sonderrollen, keine Macht. Teil des Ganzen sein, Einordnen, den Anderen nehmen und so lassen, wie er ist. Zeit geben. Liebe und Segen: Um Gottes Heilkraft für den anderen Menschen bitten. Das ist es, was uns allein zusteht. Alles Andere liegt in Gottes Hand. Das liebende Herz, das die Vereinigung sucht, siegt über Verstand und Gedanken. Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus (Phil. 4,7).

13. Station Jesus wird vom Kreuz abgenommen

13. Station Jesus wird vom Kreuz abgenommen

Ja, werden wir alle zu Josef von Arimathäa und nehmen Jesus vom Kreuz ab, damit die tägliche Kreuzigung – wie im Klostergarten von Hünfeld benannt – endlich ein Ende hat. Er ist der erste konstruktiv und emotional wirkende Mann auf diesem ganzen Kreuzweg. Die letzte Station auf dem Kreuzweg ist ein Haus, ein Mausoleum. Wenn man durch ein Fensterchen schaut, liegt Jesus noch drin. Wir sind innerlich durchgeschüttelt.

Wir steigen die Treppe herunter, da ist es schon ein Uhr. Der Biergarten ist voller Wallfahrer und Touristen. Uns ist auch nicht so recht nach Bratwurst und Bier und bierseliger Stimmung, sondern eher nach Kaffee und Kuchen und Besinnlichkeit. Und so gibt es jetzt eine wundervolle Belohnung für uns. Wir gehen ins Café oberhalb der Klosterkirche und finden einen schönen Platz auf der Terrasse. Eine gibt eine Kuchenlage aus.

Im Cafe ‚Zum Elisäus‘

Wir unterhalten uns noch ein wenig über die Eindrücke. Plötzlich wird es laut und ein Traktor fährt auf den Hof. Und dann noch einer. Und noch einer. Es wird immer lauter. Und noch einer und das könnte ich jetzt 60 mal schreiben, denn ca. 50, 60 Traktoren fahren an uns vorbei zur Kirche, wenden und stellen sich davor im Kreis auf. Kleine Traktoren, große Traktoren, vor allem alte Traktoren sind es. Jetzt sind wir neugierig. Wir sind Stadtmenschen, wann sehen wir schon mal einen Trecker? Wir entdecken: Hier findet eine Trecker-Oldtimer-Wallfahrt statt. Renate und Lesya wollen aufs Zimmer gehen, Monika und ich lassen uns das Erlebnis nicht entgehen. Nun, da muss also vorher noch ein Abschiedsfoto her:

Abschiedsfoto von unserer Vierergruppe mit Trekkern

Abschiedsfoto von unserer Vierergruppe mit Treckern

Oldtimer-Wallfahrt für Traktoren

Oldtimer-Wallfahrt für Traktoren

Wir schauen uns die Fahrzeuge an und sprechen mit den Leuten, die die Maschinen zum Glück ausgestellt haben. Kurz darauf beginnt eine Andacht. Die Traktorfahrer haben auch ihre eigene „Blasmusi“ mitgebracht, die statt Orgelklang die Gesänge der Andacht begleiten.  Wir Zwei bleiben dabei und singen mit. Der Vereinsvorsitzende hält eine schöne Ansprache über die Verschiedenheit der Menschen und vergleicht – passend zu Franziskus – die Menschen mit Tieren mit so üblichen Redensarten, mit denen wir unseren Nächsten oft uncharmant bezeichnen. Er ruft dazu auf, die Anderen in ihrer Verschiedenheit einfach anzunehmen. Auch der Priester hält eine Andachtsansprache und segnet die Trecker mit Weihwasser. Ich bin innerlich so amüsiert von dieser Wallfahrt und denke: Wenn Du in der Liebe bist, dann ist es wirklich egal, mit wem zusammen man Gottesdienst feiert, dann kann man sogar mit Treckern feiern. Wir singen zum Abschluss: „Großer Gott, wir loben Dich“, ein Lied, was oft zu großen Anlässen gesungen wird. Das passt für uns zum Abschluss. Wir loben Dich wirklich von ganzem Herzen für all das, was wir erleben durften!

Als Monika aufbricht, verabschieden wir uns von ihr am Bruder-Franz-Haus, das wir nun besichtigen wollen. Komm gut heim!

Das erste, was uns begegnet, ist sein Sonnengesang, den ich uns auch zum Beten mitgebracht hatte. Hier ist er wunderschön dargestellt in Verbindung mit all den Elementen, in denen wir Gott verehren können. Total schön! Im Haus ist auch sein Lebensweg dargestellt. Franz von Assisi hat allem Materiellen entsagt und hat den Weg der Demut gewählt, die intensive Nachfolge Jesu Christi. Man sagt ihm ein sonniges Gemüt nach und die Fähigkeit, mit Tieren, der ganzen Schöpfung kommunizieren zu können. Er soll sogar den Jakobsweg beschritten haben, in Santiago de Compostela gewesen sein, das verbindet uns. Besonders beeindruckt mich sein Berufungserlebnis. Zum einen die Frage: „Wer kann dir besseres geben, der Herr oder der Knecht?“ als er an einem Kriegszug im Auftrage des Papstes teilnehmen will. Franziskus entscheidet sich für den Herrn und gegen Krieg und Papst und kehrt um.

Er bittet um Sendung. Sein Gebet: „Höchster lichtvoller Gott, erleuchte die Finsternis in meinem Herzen. Gib mir einen Glauben, der weiterführt, eine Hoffnung, die durch alles trägt und eine Liebe, die niemanden ausschließt. Lass mich spüren, wer du bist, und erkennen, wie ich deinen Auftrag erfülle.“ Diese Gebet finde ich großartig. Eine Liebe, die niemanden ausschließt, genau das ist es, was wir brauchen, um die Einheit der Christen vollziehen zu können. Dieses Gebet können wir immer wieder sprechen.

Die Antwort, die er erhält, lautet: „Gehe und baue mein Haus wieder auf, das zerfällt, wie du siehst!“ Dieser Auftrag an Franziskus, der kann für uns alle gelten. Das gemeinsame Haus der Kirche ist unleugbar zerfallen. Wer könnte nach diesen Worten ignorieren, dass Gott das zuhöchst missfällt. Halten wir uns an Franziskus und bemühen wir uns um einen Liebe, die niemanden ausschließt. Die Mittel und Wege des Franziskus waren Buße, konkrete Arbeit, Demut, Machtverzicht, Liebe zur Armut, ja sogar Hochzeit, ewige Bindung mit ihr. Das Haus Gottes ist nicht feudal, denn (Joh 13,16:) Ich sage euch die Wahrheit: Ein Diener steht niemals höher als sein Herr, und ein Botschafter untersteht dem, der ihn gesandt hat.

Einen weiterer Ausspruch von Franziskus gegenüber dem Bischof von Assisi fällt mir ebenfalls als bemerkenswert und passend ein: „Mein Herr, wenn wir Eigentum hätten, so wären uns Waffen notwendig zu unserem Schutz. Denn aus ihm erwachsen Rechtsstreit und Händel, und hierdurch pflegt die Liebe Gottes und des Nächsten Abbruch zu leiden.“ Bei der Ökumene empfinde ich ebenfalls Rechtsstreit und Händel zwischen den Konfessionen. Und so frage ich mich: „Was haben die Konfessionen zu verlieren? Was fürchten sie zu verlieren?“  Einheit zu schaffen ist Gottes Wille zu erfüllen. Kann es anders sein, als dass Gott in diesem Prozess dann genau das erhalten wird, was er für wahr und wichtig hält? Wird es nicht so sein, wie es Gamaliel in der Apostelgeschichte (5,38-39) sagt: „Ist dies Vorhaben oder dies Werk von Menschen, so wird’s untergehen; ist es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten – damit ihr nicht dasteht als solche, die gegen Gott streiten wollen.“ Das könnte zum einen bedeuten, dass es in allen Konfessionen Erhaltenswertes gibt, weil sie bisher nicht untergegangen sind. Und es bedeutet bestimmt, dass auf diesem Weg der Liebe Gott alles, was Sein Willen ist, erhalten bleiben wird.  Und das ist das Beste, was es für die Christenheit geben kann. Denn sein Wille ist die Liebe an sich. Und dazu fällt mir dann der Taizé-Song „Gott ist nur Liebe“ ein.

Gott ist nur Liebe.
Wagt für die Liebe alles zu geben!
Gott ist nur Liebe.
Gebt Euch ohne Furcht!

Alles geben! Ja bitte! 

Im Bruder-Franz-Haus befinden sich auch Bilder der Franziskaner in Berlin-Wedding, die hier eine große Suppenküche für die Armen betreiben. Ca. 500 Mittagessen am Tag geben sie aus.  Ach es ist schön hier, Freude an wahrer Christenheit. Wir erstehen uns noch Andenken. Ich nehme mir von dieser Reise ein einfaches Holz-Tau mit, Renate eine silberne Jakobsmuschel.

Anschließend beginnt für mich eine weitere wunderbare Belohnung. Für das Kümmern und Vorbereiten der Reise bekomme ich eine wundervolle Massage, vor allem von Lesya eine exzellente Fußreflexzonenmassage. Das können meine vielbeschäftigten Pilgerfüße sehr gut gebrauchen.  Ich genieße und bedanke mich. Ich nutze die entstandene Entspannung und erlaube mir ein erholsames Schläfchen.

Das gute Wetter hat sich jetzt ausgewettert. Es beginnt zu regnen. Wahrscheinlich wurden darum gestern überall noch die Wiesen gemäht. An der Essensausgabe leisten wir uns heute abend nochmals ein echt bayrisches Abendessen. Wir treffen uns auf ein letztes Glas Wein im Wintergarten des Antoniusbau und schließen den Tag mit einem Spätgebet und der Lesung ab. Es ist alles gut jetzt.

EVANGELIUM                                                                            Joh 16, 23b-28

Der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt und weil ihr geglaubt habt

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

23bAmen, amen, ich sage euch: Was ihr vom Vater erbitten werdet, das wird er euch in meinem Namen geben. 24Bis jetzt habt ihr noch nichts in meinem Namen erbeten. Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen ist. 25Dies habe ich in verhüllter Rede zu euch gesagt; es kommt die Stunde, in der ich nicht mehr in verhüllter Rede zu euch spreche, sondern euch offen den Vater verkünden werde. 26An jenem Tag werdet ihr in meinem Namen bitten, und ich sage nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde;27denn der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt und weil ihr geglaubt habt, dass ich von Gott ausgegangen bin. 28Vom Vater bin ich ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.

Lehre des Tages ganz klar: Wenn Dich jemand nervt oder sogar verletzt, so bleibe in der Liebe und segne ihn. Damit öffnest Du Gottes Heilstrom auf diesen Menschen, die einzige Möglichkeit für Wandel. Und selbst versündigst Du Dich nicht durch Lieblosigkeit.

Nächster Artikel: 5. Juni 2011 – Vom Kloster Kreuzberg nach Berlin 

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