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28. Mai 2011: Von Eisenach zur Wartburg und nach Hütschhof

5 Jun

Von Gabriele

Wir stehen früh auf, um halb sieben klingelt mein Wecker. Als erste wollte Lesya ins Bad, ich bin die zweite. Dann die anderen, zwischendurch unser Mitpilger Manfred. Kurz bevor wir zum Frühstück gehen, kommt eine der Teilnehmerinnen sehr sauer aus dem Bad. Sie hatte ihr Handtuch über den Wäscheständer gehängt und jemand anderes hat es benutzt. Sie weiß nicht, wer es war, ist aber wegen dieses Übergriffs  in ihre Intimzone entsetzt und will auch wissen, wer das war. Keiner war’s! Schade, schade. Keine Ehrlichkeit unter uns und keine  Entschuldigung. Kein guter Start. Lasst uns beten!

Frühstück bei den Diakonissen in Eisenach

Einen besseren Start haben wir mit dem Frühstück, das kann auch in einem Hotel nicht schöner sein. Es gbt alles, was wir brauchen: Kaffee, Brötchen, Käse, Aufschnitt, Ei. Wir sehen im Frühstücksraum auch die weiteren Gäste der Diakonissen. Zwei weitere Pilger sind auf dem Elisabethweg unterwegs, Manfred setzt sich zu ihnen. An einem anderen Tisch sitzt eine Gruppe mit Frauen und fast einheitlich Golf-T-Shirts. Vor dem Frühstück schon haben wir unsere Rucksäcke zur Pforte gebrachte, damit sie dort vom Pilgervater des Gutes Hütschhof abgeholt werden können, ebenso unsere Einkäufe, die wir heute tagsüber nicht brauchen.

Unsere 1. Pilgermarkierung

Nach dem Frühstück packen zwei von uns Tagesrucksäcke mit der Verpflegung und den Wasserflaschen, die wir heute brauchen. In einem Ständer finde ich eine Zeitung der Bekennenden Kirche. Da ich vor kurzem einen Vortrag einer evangelischen Pfarrerin zu den ökumenischen Aktivitäten von Dietrich Bonhoeffer gehört habe, die in diesem Zusammenhang  auch von der bekennenden Kirche sprach, nahm ich sie mit. Dafür steht es ja da. Um uns herum sind die Festvorbereitungen im vollen Gange. Doch es dauert eine Weile, bis wir alle vor der Tür stehen, da ist noch einige Zeit für Fotos. Noch an der Häuserecke finden wir unsere erste Pilgermarkierung vom Ökumenischen Pilgerweg. Die Sonne scheint, der Himmel ist wunderbar blau. Doch nur nach wenigen Schritten halten wir wieder an. Wir brauchen ja ein stimmungsvolles Bild für unseren Pilgerstart. Direkt auf dem Karlsplatz vor der Statue des Reformationsführers Luther muss natürlich ein Gruppenbild gemacht werden.

Luther und wir in Eisenach

Um 9.30 Uhr sind wir in der Georgenkirche angemeldet zu unserem Pilgersegen. Es ist nicht so ganz einfach, durch die Fußgängerzone dahin zu kommen. Mal verschwindet rechts einer im Laden, mal links einer! Es wird eine neue Haarbürste und ein neues Handtuch (für das fremdbenutzte) und eine Zahnbürste und eine Lesebrille gekauft. Das kann ja nett werden…ich bin nicht die Geduld in Person. Auf einem Haus finde ich einen dazu passenden Spruch:

Trink und iß, Gott nit vergiß!

Als wir gerade so um 9.30 Uhr an der Georgenkirche ankommen, da ist die Kirchentür zwar schon offen, aber das Eisentor noch verschlossen. Doch schon ganz bald kommt von innen eine Dame und schließt uns auf. Wir bekommen unseren 2. Pilgerstempel. Kurz darauf erscheint auch der Pfarrer Stephan Köhler. Er erklärt uns ein wenig die Kirche, dann erhalten wir einen sehr berührenden Pilgersegen von ihm. Wir dürfen noch ein wenig bleiben. Diese Kirche ist wirklich sehr, sehr schön und stimmungsvoll. An den Seiten finden sich viele Bibelsprüche, das Wort ersetzt das Bild. Die Kirche ist an sich sehr alt, 1196 Ersterstellung. Hier hat nicht nur Luther gepredigt, hier wurde auch die Heilige Elisabeth von Thüringen getraut (das sagt unser Pilgerstempel) und Johann Sebastian Bach getauft.

In der Georgenkirche

Da immer noch geschäftige Unruhe in der Gruppe herrscht und jeder noch irgendwas möchte, verabreden wir uns zu 10 nach 10 wieder an der Kirche. Ein feste Burg ist unser Gott steht da. Und jetzt wollen wir ganz feste zur Burg aufsteigen.

Gute Laune, denn JETZT GEHTS LOOOOS !

Mit viel Ausdauer und noch mehr Puste steigen wir den steilen Weg zur Wartburg auf. Lesya vermutet, dass sie mit ihrem Rucksack auf diesem Weg einfach nur nach hinten gekippt wäre. Unterwegs halten wir bei den Eseln, dann geht es weiter! Eine halbe Stunde später kommen wir atemlos an der Wartburg an. Auch ohne Rucksack heftig genug.

Ankunft auf der Wartburg...meist aus der Puste...

Es ist recht frisch auf dem Berg, der Himmel hat sich inzwischen reichlich bezogen. Wir beschließen, die Wartburg auch innen zu besichtigen, Anina als Studentin und als Prinzessin im Herzen macht die ganze Tour inklusive Palas, die anderen beschränken sich auf die Kunstsammlung und die Lutherstube. Natürlich ist alles voll, doch es sind ein paar interessante Bilder zu sehen von Luther und anderen Protagonisten der Reformation. Spannend finde ich Friedrich den Weisen, tatsächlich sieht ihm nach den Bildern Peter Ustinov ähnlich, der ihn im Lutherfilm gespielt hat.

Als letztes geht es durch den langen Gang zu Luthers Schreibstube.

Luthers Schreibstube

Es ist ein ganz einfacher, mit Holz verkleideter Raum mit einem grünen Kachelofen. Man sieht einen Schreibtisch mit einem geschnitzten Holzdrehstuhl und einen Wirbelknochen eines Wales, den er als Fußschemel benutzt haben soll. Ein Bild von ihm hängt über dem Schreibtisch. Viele Fragen werden gestellt. Die Aufseherin erzählt, der Tintenfleck war eigentlich ein Rußfleck, aber man hätte ihn immer wieder nachgemalt, weil alle ihn sehen wollten. Irgendwann stehe ich mit zwei weiteren Teilnehmerinnen allein in der Stube, nur die Aufseherin ist noch da. Ich schlage vor, dass wir genau hier ein Vaterunser für die Einheit der Christen zu sprechen. Mich bewegt das Gebet sehr. Dein Wille geschehe, Vater! Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Erlöse uns von dem Bösen. Dein ist die Kraft, mein lieber Vater im Himmel. Und dann bitte ich Ihn um ein Wort für mich mit einem Satz, den ich in der katholischen Liturgie besonders gern mag. „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!“ Und ich höre in mir ganz klar die Worte: „Im Leben ist das Heil!“

Klingt ganz ok für mich. Ich habe sowohl innerhalb wie außerhalb der Christenheit mit guten Menschen zu tun gehabt. Und Glauben ist dazu da, sich im Leben zu zeigen. Viele Menschen, die Jesu Lehre nicht kennen, handeln so, als kennten sie sie. Noch weiß ich nicht, in welchen Gegensatz mich das Gehörte stellt…

Ich verlasse das Gebäude, die Schreibstube war der letzte Punkt der Tour und finde meine zwei Mitbeterinnen schnell wieder. Anina macht die große Tour, ihre Führung dauert noch, aber wo ist dann die dritte, die mit uns begann? Wir gehen erstmal in den hinteren Burghof neben dem Palas und setzen uns dort zum Essen in die Sonne. Die Zeit vergeht. Irgendwann gehe ich suchen und finde – eine alte Bekannte, eine Rose. Es ist eine englische Rose von Austin in Apricot. Ich denke, ich erkenne am Duft auch die Sorte Evelyn.ich hatte sie in meinem Garten, als ich noch einen Garten hatte. Diese Rose erinnert mich wieder an eine andere Person, die hier lebte und wirkte: Elisabeth von Thüringen, das Rosenwunder. Mir gefällt diese Heilige sehr gut, weil sie so gar nicht auf Standesunterschiede achtete, sondern sich einfach dem Bedürftigen widmete…Im Leben ist das Heil… Ja, sie lebte die Nachfolge. Schön, auf diese besondere, persönliche Weise an sie erinnert zu werden. Heilige Elisabeth, bitte für uns und für die Einheit der Christen. Ich habe sie unterwegs immer in unsere Gebete mit einbezogen.

Eine duftende Rose auf der Wartburg erinnert an Elisabeth von Thüringen...Im Leben ist das Heil!...

Immer wieder laufe ich die Wartburg von vorn bis hinten ab, während sich die beiden anderen einen Kaffee gönnen. …Im Leben ist das Heil!…Irgendwann begegne ich Anina, die ihre große Tour hinter sich hat. Sie sagt, sie hätte die Dritte gesehen, aber aus den Augen verloren. Ich erzähle ihr, wo die anderen sind und suche weiter und mache dabei vom vorderen Ausschau noch ein Foto mit der wundervollen Landschaft rund um die Wartburg…Im Leben ist das Heil!…

Hier durch den Wald geht es nachher weiter! Aber wann?

Ich bin seit 12 Uhr da raus, inzwischen ist es ein Uhr… Dann endlich treffe ich sie und nehme sie mit nach hinten. Natürlich will sie jetzt auch ihre Pause machen, während die anderen schon etwas im Winde schlottern. Es ist gegen 14 Uhr, dass wir uns auf den Weg machen können. Wir steigen unter der Brücke hinab auf den Ökumenischen Pilgerweg. Gleich am Anfang entdecken wir ein Schild. Hier führt nicht nur unser Pilgerweg entlang, sondern auch der Pumpälzweg. Auf dem  Schild lesen wir, was der Pumpälz ist: Der Pumpälz ist der Sage nach ein rauhaariger Kobold, der all denen in den Nacken springt und dabei Ohrfeigen gibt, die wichtige Dinge unseres Zusammenlebens zu leicht nehmen und das Finstere suchen.

Der Pumpälz...

Der Pumpälz...

Das ist ja eine feine Vorstellung und ich beginne so zu lachen, dass ich über lange Zeit gar nicht mehr aufhören kann. Ich stelle mir den Pumpälz in allen möglichen Lebenslagen vor. Ach, wünscht sich nicht jeder einen Pumpälz? Ich wüsste ihn für eine Menge Leute… Das Dumme daran ist nur, wer weiß denn, wen der Pumpälz in der jeweiligen Situation anspringen würde. Vielleicht landet er ja auch im eigenen Nacken! Und dann stelle ich mir vor, wie es den ungeeinten Konfessionen mit dem Pumpälz gehen würde. Würden wir wissen, auf wessen Schultern er springen würde? Wer würde denn hinter die Ohren kriegen? Einzelne? Alle? Jeder für seine eigene Beteiligung an dem Dilemma? Können wir das wissen? Natürlich weiß jeder, dass aus eigener subjektiver Sicht der Pumpälz auf die Schultern des jeweils anderen gehört. Ja der Pumpälz. Das wäre doch was, oder? Dann wüssten wir wenigstens…und die Schuldigen wären rasch bestraft. 🙂

Irgendwann kann ich mich wieder beruhigen und meine Gedanken schweifen wieder ab zu …“Im Leben ist das Heil!“ Ich erinnere mich an ein Zitat von Christoph Kolumbus über die Ureinwohner Amerikas, das ich gelesen hatte, als ich meinem Neffen bei seiner Englisch-Hausarbeit über die Rechte der amerikanischen Ureinwohner unterstützte.

Christopher Kolumbus sagte über die Indianer: „Sie sind die besten Menschen auf der Welt und vor allem die sanftesten – ohne Wissen davon, was das Böse ist – weder morden noch stehlen sie…Sie lieben ihren Nächsten wie sich selbst und haben die süßeste Redeweise in der Welt, sie lachen immer.“ Aber dann fügte er hinzu: „Sie würden gute Sklaven machen. Mit fünfzig Mann könnten wir sie alle unterwerfen und dazu bringen, dass sie alles tun, was wir wollen.“  In dem Buch las ich auch, dass es das Ziel der Indianer war, ein großes Niemandsland zu haben. Ein Land, das jeder nutzen kann, der es gerade braucht. Der es hinterher wieder freigibt. Der keinen Besitz hat außer dem, was er gerade braucht. „3.Mose 25,23: 23 Besitz an Grund und Boden darf nicht endgültig verkauft werden, weil das Land nicht euer, sondern mein Eigentum ist. Ihr lebt bei mir wie Fremde oder Gäste, denen das Land nur zur Nutzung überlassen ist.“

Als ich das damals las, war ich erschüttert. Die Ureinwohner lebten dort so, wie Jesus es uns vorgeschlagen hatte! Ja, auch im Leben ist das Heil!“ Und da kommt dieser Christ Kolumbus, geboren in dem Christenland Italien und im Auftrage des Christenlandes Spanien und sagt so was krass Liebloses und Unchristliches! Mal ganz nebenbei, doch ein klarer Fall für den Pumpälz, oder? Ich meine, inwieweit leben wir wirklich das Wort Jesu Christi? Wieviel Pumpälze hätte eigentlich jeder von uns auf seinen Schultern? Wieviele Legionen müsste es davon geben? Ist ein Pumpälz eine Lösung – es gäbe ihn, wenn es eine gute Lösung wäre… Das Problem ist nämlich: Man kriegt Ohrfeigen, aber wofür jetzt genau? Gottes Wege sind besser, eindeutiger!

Pilgerinnen auf dem Ökumenischen Pilgerweg

Das geht mir durch den Kopf, während wir laufen…Im Leben ist das Heil!…Aber auch hier bei uns geht es darum. Hier ist das Leben, hier kann das Heil sein. Hier können wir uns anschauen, inwieweit wir das selbst verinnerlicht haben. Wie wir gemeinsam in unserer Gruppe klarkommen. Wir gehören jeder einer anderen Konfession an und werden nun für 10 Tage alles gemeinsam machen.

Rennsteig und Ökumenischer Pilgerweg verlaufen hier miteinander

Auf der Sängerwiese machen wir eine Pause und ruhen aus. Es wird Kaffee gekauft und etwas zu essen. Renate sagt mit bester Laune zu der Bedienung: „Schön haben Sie es hier!“ Die genervte Antwort: „Das nützt nichts, wenn es nichts einbringt!“ Ooops.

Nach einer Weile erreichen wir den Rennsteig, der durch ein großes, weißes R gekennzeichnet ist. Es gibt ihn für Radfahrer und Fußgänger. Wir entdecken, die Fußgänger gehen immer über den Berg, die Radfahrer außenrum. Bald tun wir so, als wären wir Radfahrer…es ist unser erster Tag, ich bitte um Nachsicht. Was für ein schöner Weg ist das heute! Wir genießen den Wald, die Geräusche und langsam beruhigen sich meine Gedanken über Pumpälz und all das. Das Leben ist schön!So gegen 16 Uhr treffen wir auf das erste Schild „Hütschhof“. Wir sind nicht nur richtig, sondern auch bald da! Das ist gut so. Es gibt so viele Eindrücke und ein erster Pilgertag für Neue braucht auch seine Ruhephasen. Zum Glück geht es jetzt weitestgehend bergab. Wir haben den Wald verlassen und laufen durch Felder, haben wieder Horizont und freuen uns an der Natur der Jahreszeit. Ja, es muss so sein, Gott liebt die Welt. Er hat sie nicht nur zweckmäßig, sondern auch schön erschaffen. Und da, wo man ihn machen lässt, bereitet er uns immer wieder eine bunte Freude.

Blühender Frühling - Gott liebt die Welt

Von Renate

Uns sind viele helfende Menschen begegnet. Auf dem Weg nach Oberellen verlor ich meine Mütze, ohne es zu bemerken. Plötzlich hielt ein Auto an,und der Fahrer fragte mich,ob ich meine Mütze vermissen würde? (Warum fragt er mich, wir waren doch 5 Frauen ). Da ich einfach so kaputt war, um zurück zu laufen, bot er sich an, mir meine grüne Mütze von der Grünen Wiese zu holen, toll. Er bekam von mir ein Lächeln und den Namen „Engel des Weges“. Gabriele hatte uns gerade erst von diesen helfenden Menschen berichtet. Und so ging es täglich weiter, viele liebe, helfende Menschen kreuzten unseren Weg.

Weiter von Gabriele

Gegen halb fünf erreichen wir unser Ziel Hütschhof. Auf Pferde und Ziegen und Katzen treffen wir zuerst. Ein Weilchen suchen wir, bis uns ein Einheimischer zu dem Haus mit dem Schmitz auf dem Klingelschild führt. Frau Schmitz führt uns zu einem kleinen, weißgestrichenen Anbau und zeigt uns alles. 3 Holz-Stockbetten, zwei Tische, genug Stühle für uns, eine Küchenzeile, unser Essen im Kühlschrank und ein Bad. Exzellente, alles da! Vor dem Anbau stehen Tische und Stühle und zwei Liegen. Super. Hier kann man vom Pilgrim zum Chillgrim werden.

Chillgrims

Als Erstes kochen wir uns einen schönen Früchtetee und setzen uns in die Sonne. Danach beginnen die  Pilgerroutinen, ich leite ein wenig die Neupilger an. Das Programm besteht aus Duschen, Wäsche waschen, kochen, essen, abwaschen und unserem abendlichen Gespräch. Wer zwischendurch Zeit hat, kann sich draußen ein wenig an die Luft setzen, auch wenn es inzwischen etwas windig ist. Lesya und ich kochen. Lesya hat Buchweizen mitgebracht und gestern haben wir Tofu und Tomatensauce gekauft, es gibt also Buchweizen Tofunaise. Das schmeckt besser, als es klingt und wir schaffen es nicht einmal! Aber wir merken: beim nächsten Mal müssen wir auch was Süßes einkaufen. Private Vorräte kommen auf den Tisch, es wird christlich geteilt. Monika stiftet eine Tüte M&M’s, Lesya Trockenaprikosen. Renate und Monika waschen hinterher ab. Dann ist alles wieder schick und schön, und alle erzählen von ihrem Tag.

In der Herberge liegt eine Bibel aus. Wir nutzen die Gelegenheit und jeder zieht sich eine Bibelstelle  aus dem Bibelsäckchen mit der Frage: Was hält mich selbst von der Einheit ab? Ich ziehe eine Bibelstelle aus der Offenbarung 3, 2 Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott.

Oops, landet der Pumpälz da gerade auf meinen Schultern?

Der Tagesabschluss beginnt mit der heutigen Lesung:

EVANGELIUM                                                                             Joh 15, 18-21

Ihr stammt nicht von der Welt, sondern ich habe euch aus der Welt erwählt

+Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

18Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat. 19Wenn ihr von der Welt stammen würdet, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben. Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. 20Denkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Sklave ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen; wenn sie an meinem Wort festgehalten haben, werden sie auch an eurem Wort festhalten. 21Das alles werden sie euch um meines Namens willen antun; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat.

Er hat alle von uns hierher gewählt. Ungeplant sind mit uns hie die vier größten Konfessionen in Deutschland hier vertreten: Evangelisch, katholisch, orthodox und neu-apostolisch. Daher sind wir alle gehalten, miteinander auszukommen. Lasst uns beten: Ein gemeinsames Gebet für die Einheit unter uns und zur friedlichen Lösung entstehender Gruppendynamik-Probleme und  am Ende Luthers Abendsegen aus dem Pilgerbüchlein für den ökumenischen Pilgerweg, das wir in der Pilgerherberge vorfanden:

Luthers Abendsegen

Wir danken Dir, Herr Gott,
himmlischer Vater,
durch Jesum Christum,
Deinen lieben Sohn,
dass Du uns diesen Tag
gnädiglich behütet hast,
und bitten dich,
Du wolltest uns vergeben alle unsere Sünde,
wo wir Unrecht getan haben,
und uns diese Nacht gnädiglich auch behüten,
denn wir befehlen uns,
unseren Leib und Seele
und alles in Deine Hände.

Dein heiliger Engel sei mit uns,
dass der böse Feind keine Macht an uns finde,
um Deines Sohnes Jesu Christi,
unseres Herrn, willen.

Eine Spinne stört die die beginnende Nachtruhe…dann war Ruhe. In der Nacht prüfe ich mich immer wieder und bitte darum, dann nun auch wach zu werden, um zu erkennen, was ich denn anders machen muss, was denn nun so unvollkommen an meinem Tun ist. Irgendwann kehrt Frieden ein, als ein liebevoller Gedanke mich erreicht. Es ist genau andersherum: dieser Satz  trennt mich von der Einheit, von mir selbst. Ich denke immer, ich tue nicht genug oder nicht das Richtige, die ewige Leistungsfalle, die ich schon so lange kenne und nun immer noch auf Gott projiziere. Mich trennt empfundener Leistungsdruck von der Einheit.

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29. Mai 2011: Hütschhof bis Dorndorf

5 Jun

Von Gabriele

Um sieben Uhr klingelt der Wecker, es ist ja Sonntag. Ich schnappe mir das grüne Heftchen mit den Gebeten für den Ökumenischen Pilgerweg und lese Luthers Morgensegen:

Ich danke Dir, mein himmlischer Vater durch Jesus Christus,
deinen lieben Sohn, dass Du mich diese Nacht
vor allem Schaden und Gefahr behütet hast,
und bitte Dich, du wolltest mich diesen Tag
auch behüten vor Süden und allen Übel,
dass all mein Tun und Leben gefalle.

Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele
und alles in Deine Hände.
Dein Heiliger Engel sei mit mir,
dass der böse Feind keine Macht an mir finde.

Wir haben eine weite Strecke heute! Einige springen schnell aus den Betten, andere bleiben liegen. Nach Pilgermanier haben wir ja alle gestern geduscht, da ist morgens nur kurze Wäsche dran. Wir bereiten das Frühstück vor und decken den Tisch. Erst gegen 8 Uhr setzt sich die letzte an den Tisch. Es ist gemütlich bei uns, wir haben uns schöne Sachen besorgt, so gefällt es uns. Jeder macht sich für unterwegs Stullen, nur für Anina bleibt zuwenig übrig. Irgendjemand muss sich besonders viele Stullen gemacht haben, zwei Scheibchen sind nur noch für sie da. Schade auch!

Zügig waschen wir ab und die Rucksäcke werden gepackt. Die Verpflegung muss jetzt für heute Abend auf die Rucksäcke aufgeteilt werden. Ich packe mir mal den Löwenanteil ein, mein Rucksack und ich sind ein eingespieltes Team, aber für die anderen wird es heute eine lange Etappe. Das geht aber nicht anders, denn es gibt keine Übernachtungsmöglichkeit zwischen Wünschensuhl und Oberzella/Vacha und wir wollen sogar bis Dorndorf.

Meine Geduld wird strapaziert: um halb zehn liegen noch immer die Sachen einer Teilnehmerin herum und sie packt mit einer Langsamkeit, die mir persönlich die Nackenhaare aufstellt. In mir zickt es…hätt sie ja auch früher aufstehen können… Ich mahne zum zügigen Aufbruch, doch erst 10 vor 10 sind wir auf dem Pilgerweg.

Kirche des Waldes

Ich sehe eine in einen Baumstamm geschnitzte Kirche. Ein schönes Sinnbild für unseren heutigen Tag. Der Wald wird unsere Kathedrale sein, wir beten mit den Füßen. Die Luft ist angenehm frisch, der Weg geht bergab, alle sind hochmotiviert und haben Freude am Laufen.

Auf dem Weg nach Oberellen

Wir erreichen offene Felder kurz vor dem Dorf. Anina pflückt Feldblumen und beginnt, sich einen Kranz flechten. Der Mohn und die Kornblumen leuchten intensiv, die Margaritten sanfter. Schön! In Oberellen befindet sich die letzte Gaststätte des Tages, aber wir haben ja erst gefrühstückt und daher geht es gleich weiter in Richtung Wünschensuhl, ordentlich den Berg hinauf. Noch sind wir in der Region Thüringer Wald, es ist noch sehr hügelig. Je höher wir kommen, umso prachtvoller wird die Sicht, weitet sich unser Horizont wieder. Das Getreide beugt sich in Wellen mit dem Wind wie ein Meer. Gottes Welt – ein einziger Genuss hier. Bald erreichen wir den Waldrand. Wir haben den größeren Teil dieses Aufstiegs gemeistert.

Blick zurück auf Oberellen

Es wird langsam warm und so ist es sehr angenehm, durch den frisch duftigen Wald zu wandern. Überall kleine Blumen. Nach einer Dreiviertelstunde erreichen wir Wünschensuhl. Alle haben Kaffeedurst, aber gibt es was in Wünschensuhl? Aber der Name sagte es ja, wünschen wir uns einen hier! Wir halten an und ich spreche ein kleines Bittgebet, dass er uns hier Rast und einen Kaffee schenkt. Die Straßen und die Gärten sind weitestgehend leer, ein geruhsamer Sonntagvormittag.

Auf der Straße vor uns sehe ich eine Frau. Neben dem Kaffee haben wir noch eine weiteres Bedürfnis: Wasser.  Es gibt unterwegs keine weitere Wasserquelle. Ich frage sie, ob sie uns für unsere Trinkflaschen Leitungswasser geben könnte. Sie nimmt uns mit und gibt uns weiter an ihre Mutter, die dort Wäsche aufhängt. Die ist unglaublich freundlich und bietet uns sogar Mineralwasser mit Kohlensäure an. Wir nehmen dankbar an und füllen unsere Flaschen. Sie weist auf den Sitzplatz und fordert uns auf, doch uns bei ihr ein wenig auszuruhen. Wieder nehmen wir dankbar an. Kurz darauf fragt sie uns, ob wir gern was zu essen hätten. Ich fasse mir ein Herz: „Etwas zu Essen brauchen wir nicht, aber wenn Sie uns einen Kaffee machen könnte, das wäre für uns himmlisch.“ Und so kommen wir in Wünschensuhl zu unserem gewünschten Kaffee und einer liebevollen Aufnahme. Liebe, liebe Frau Brandau, herzlichen Dank! Wir dürfen auch unser 3. Bedürfnis befriedigen und gehen eine nach der anderen.

Und unsere „Langsame“ braucht auch – für mein persönliches Gefühl – unendlich lange, hat dort sogar ihre Kaffeetasse dabei. Mein innerer Kilometerzähler rotiert… Erst nach weit mehr als einer Stunde können wir aufbrechen. Wir bedanken uns herzlich für all das Gute! Wieder gibt es einen neuen Aufstieg, aber als wir dann am Waldrand ankommen, sind unsere Markierungen weg. Oooops…Verlaufen! Auch das noch. Wo haben wir da nicht aufgepasst? Ich setze meinen Rucksack ab und laufe schnell den Weg nach rechts bis zum nächsten Weg. Die anderen wollen solange Fotos von Anina mit ihrem Kranz machen. Nach ein paar hundert Metern merke ich, das ist nicht die richtige Richtung und drehe um. Also an unserer Abzweigung nach links.

Von der Fotosession

Als ich zurückkomme, ist die Fotosession in vollem Gange.  Es sieht auch wirklich sehr hübsch aus. Währenddessen kommen zwei Männer vorbei, ein Radfahrer und ein Mopedfahrer. Ich halte beide an und erkundige mich nach dem Weg. Der zweite kennt sich aus: Ja, es geht nach links. Die Fotos von Anina sind fertig, aber jetzt will auch noch eine andere Teilnehmerin fotografiert werden. Dann geht dabei auch noch ihre Brille verloren, die gesucht werden muss. Unsere Zeit läuft und läuft und wir haben noch viele, viele Kilometer vor uns und meine Pilgerinnen sind nicht alle die allerfittesten. Ich mache mir langsam Sorgen, wie wir diese Distanz heute noch schaffen wollen und trotzdem zur vereinbarten Zeit in der Wanderherberge ankommen wollen. Als wir unseren erste Wegmarkierung des ökumenischen Pilgerweges wiederfinden, da ist es schon halb drei. Besser  wären wir vor 2 Stunden hier gewesen.

Wieder auf dem Ökumenischen...

Pilgern heißt es jetzt- wir müssen einen Zahn zulegen! Daher mache ich eine Ansage zur Orientierung. Es sind noch ca. 20 km. Aber bald reißt es wieder zwischen uns ab, hinten ist schon bald keiner mehr zu sehen. Es brodelt in mir. Anina macht kurzerhand ihren iPod an und tanzt den Weg entlang. Und auch ich entschließe mich, mir hilft jetzt nur noch eine Messe – die Misa Andina, die ich auf meinem Handy habe. Das ist eine lateinamerikanische Messe für Chor und Folklore-Instrumente wie Panflöte, Zampoña, Charango, Gitarre und Percussion. Ich gewinne innere Balance dadurch und komme so geistig wieder in die schöne Welt zurück. Messe mitten im Wald, geht doch: Gloria al Dios en las Alturas! Ehre sei Gott in der Höhe!

Immer wieder müssen wir warten, und wenn die anderen aufgeschlossen haben, dann wollen sie natürlich auch ihre Pause haben, die wir hatten, als wir gewartet haben. Erste Blasen werden gefühlt. Der Waldweg ist wunderschön, wir wandern auf der Napoleonroute und dem Lulluspfad. Im Zickzack geht der Weg durch den Wald und Kilometer für Kilometer geht es weiter. Es wird später und später. Nur nicht verrückt machen lassen, davon ist keinem geholfen. Wir pausieren wieder und besprechen kurz die Situation. Ich schlage vor, dass die, die morgens am längsten brauchen, als erste aufstehen, damit wir ab jetzt zeitig aufbrechen können.

Auf dem Weg schaue ich überall auf den Abzweig nach Dorndorf. Als er dann kommt, bin ich etwas überfordert. Denn es geht drei Richtungen nach Dorndorf. Nach meiner Karte aus dem Pilgerführer müßte der Weg über die Kammbachmühle der kürzeste sein. Wir müssen ja auch noch über die Werra. Also rufe ich in der Wanderherberge an. Der Hospitalero ist entsetzt und stinkig, als er hört, wo wir jetzt sind. Und er sagt: Auf keinen Fall zur Kammbachmühle, die Werrabrücke da ist nicht passierbar. Ok, doch über Oberzella, obwohl das jetzt in die andere Richtung geht. Und die Gefahr, dass der Typ da einfach abhaut, wenn das hier mit uns noch lange dauert. Was mach ich DANN?

Ich bete um eine Lösung, ein Wunder. Von meinem Jakobsweg in Spanien kenne ich eine „Wunderhymne“, die ich dort bei einem Taufgottesdienst kennengelernt habe. „El señor nos hace maravillas, Gloria al señor!“ Ich singe sie ein paar Mal. Da kommt die rettende Idee. Ich hole mein Handy raus und bitte Anina, damit die Auskunft anzurufen und sich ein Taxiunternehmen in Vacha geben zu lassen, während ich versuche herauszufinden, wo wir jetzt genau sind. Wir schaffen es, ein Taxi nach Oberzella zu lotsen, was uns auf dem Pilgerweg abholt. Unser Blasenopfer ist erleichtert und kann wieder besser laufen. So flitzen wir das letzte Stück bis zum 1. Haus in Oberzella. Das Wunder in Form eines Großraumtaxis ist wirklich da. Und ich denke: wirklich ein Wunder an einem Sonntagabend. Der superfreundliche Fahrer erklärt uns gleich die Gegend. Und noch eine Idee: Bitte gleich morgen früh uns wieder in Dorndorf abholen und nach Vacha bringen. Das mach ich nicht nochmal mit. Der Fahrer telefoniert und jawohl, er kommt uns morgen um 8 Uhr abholen. Prima.

Der Hospitalero von Dorndorf sitzt mit einem Buch vor der Herberge und guckt ganz schmal. Natürlich entschuldige ich mich für uns. Dann zeigt er uns die Herberge – und die ist richtig schön! Ein schöner Schlafraum, ein sehr sauberes Bad, eine gut ausgestattete Küche. Lesya und ich kümmern uns um das Essen, das richtet sich gerade so ein. Wir dürfen dann nach dem Essen die Füße hochlegen bzw. duschen. Es gibt wieder Buchweizen und dazu eine Ratatouille-Sauce. Wir kommen sogar zwischendurch schon zum Duschen. Wir merken, dass wir ganz viel im Kühlschrank im Hütschhof stehen gelassen haben müssen. Aber ok so. Jetzt weiß jeder, dass er mitschauen, sich mitkümmern und auch mittragen muss. Das Essen gelingt uns gut und wir essen draußen an den Holztischen bis zum Sonnenuntergang.

Im Schlafraum wollen wir nun noch unser geistiges Abendprogramm durchführen und vor allem Beten, doch eine fehlt und braucht eine Stunde im Bad. Wir anderen beten um bessere gemeinsame Koordination in der Gruppe, wir beten um Lösungsmöglichkeiten für unsere Probleme, um Geduld und um Teamgeist, wir beten für gesunde Füße und um Einheit untereinander und natürlich für die Einheit der Christen. Wir danken für alles Gute, das wir erlebt haben und all Menschen, die uns weitergeholfen haben. Wir singen auch noch ein wenig. Friede kehrt ein. Danke!

EVANGELIUM                                                                             Joh 14, 15-21

Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: 5Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. 16Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. 17Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. 18Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch. 19Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet. 20An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch. 21Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

Lehre des Tages: Eine klarere, deutlichere Ansage wäre besser gewesen. Morgen!

Und: Wunschgebete können ganz schnell in Erfüllung gehen.

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