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2. Juni 2011 Himmelfahrt! Messe und von Fulda nach Büchenberg

5 Jun

Von Gabriele

Christi Himmelfahrt ist Heute. Was für ein wundervoller Tag. Der Wecker klingelt um 7.30 Uhr, wir haben aber Zeit, da die Messe im Dom erst um 9:30 Uhr beginnt.

Das Leben ist schööön!!!! Unser Leitspruch unterwegs! Auch am frühen Morgen

Renate hat gestern für das Frühstück eingekauft. In der Küchenzeile im Vorraum bereiten wir uns ein hervorragendes Frühstück vor. Im Haus ist schon was los, der Chor probt für den Gottesdienst. Alle wissen, dass wir da sind und es kommt immer wieder jemand vorbei, um ns zu begrüßen. Wir frühstücken im Bastelraum zum Chorgesang. Wir scherzen ein wenig mit der herumstehenden Wodkaflasche über Lesyas wohl russischen Kaffee.

Kaffee mit Wodka 🙂 Zum Frühstück 🙂

Ja wirklich, das Leben ist schön, alle sind begeistert. Nach dem Frühstück beginnt das große Aufräumen, denn wir wollen alles picobello hinterlassen, damit die Leute hier Freude an den Pilgern haben. Abwasch, saubermachen, fegen, die Stühle wieder an den Platz räumen, lüften, Rucksäcke packen. Währenddessen bereitet sich die Dompfarrei auf Himmelfahrt vor. Es soll heute eine Flurprozession geben und vor dem Haus wird ein Fluraltar mit vielen, vielen Blumen aufgebaut. Wir sehen zu, dass wir niemandem groß im Wege rumstehen, bedanken uns nochmals bei den Anwesenden und wünschen einen schönen Himmelfahrtstag. Wir bedanken uns hiermit noch einmal herzlich bei der Dompfarrei, dass sie uns so nett die Räume zur Verfügung gestellt hat. Vergelt’s Gott!

Himmelfahrt 9.15 Uhr: 4 Pilgerinnen brechen dankbar auf

Himmelfahrt 9.15 Uhr: 4 Pilgerinnen brechen dankbar auf

Sehr frühzeitig gehen wir hinüber zum Dom, denn wir wollen gern einen guten Platz haben, von dem man alles sehen kann. Für die Anderen ist es die erste katholische Messe, die sie erleben werden und ich bin neugierig, wie es für sie werden wird. Der barocke Dom ist neben ihrer Funktion als Kathedralkirche des Bistums Fulda gleichzeitig die Grabkirche des Heiligen Bonifatius, dem sogenannten Apostel der Deutschen. Einen virtuellen Rundgang des Domes findet man hier. Vor dem Dom steht eine Tribüne mit einem Altar. Hier wird sicher auch ein Teil der Prozession stattfinden.

Himmelfahrt mit tiefblauem Himmel und Tribüne vor dem Dom

Wir parken unsere Rucksäcke an den großen Säulen und suchen uns einen Platz auf der linken Seite, weil dort eine wunderschöne Herz-Jesu-Statue ist. Ein wenig noch schauen wir uns die gewaltige Innenausstattung an, alles in Weiß und Gold und ein wenig Rot, ein wenig Schwarz.

Der prächtige Altarraum des Doms zu Fulda

Es wird immer voller und die Messe beginnt. Der Einzug ist riesig, da auch ganz viele Erstkommunionskinder und Fahnenträger mitkommen, die hinterher bei der Prozession dabei sein werden. Heute gibt es für meine anderskonfessionellen Mitpilgerinnen eine katholische Messe mit „allen Schikanen“: prächtige Gewänder, Baldachin, Weihrauch, starker Orgelklang, der klasse Chor (den wir ja schon kennengelernt hatten) und der  Bischof Algermissen von Fulda als Hauptzelebrant und Prediger. Viel feierlicher kann ein Gottesdienst kaum sein, dazu die gehobene Stimmung des Himmelfahrtstages, alle waren berührt. Wir wollten uns nicht an der Flurprozession beteiligen, wir hatten ja unsere eigene 🙂 und ab 12 Uhr noch 20 km auf dem Zettel. Nach dem Gottesdienst konnten wir gar nicht so schnell aufbrechen, weil einige von uns noch sehr mit sich beschäftigt waren nach diesem Gottesfest. Ich war voll Freude, Freude, Freude nach diesem Gottesdienst. Messe ist mir ein echtes Zuhause unterwegs.

3 Pilgerinnen scharen sich um Jesus - Stille und Andacht im Gesicht

Ein gemeinsames Foto vor diesem schönen Jesus scheitert, es wird leider unscharf. Schade! Wir treten aus dem Dom und suchen uns unsere Jakobsmuscheln. Der Weg aus Fulda heraus ist sehr einfach und wunderschön gewählt. Zunächst geht es rechts am Dom vorbei, dann durch eine alte Gasse namens „Tränke“ hinaus.

Die "Tränke" mit wundervollen Kletterrosen und malerischen Häusern

Am Ende der Tränke beginnen die Fuldaauen. Hier treffen wir die Flurprozession wieder, die mit Musik und Megaphon-Gebeten die vielen Menschen zusammenhält. Als sie an uns vorbeiziehen, singen sie gerade „Lobet den Herrn“, was wir alle kennen und mitsingen. So sind wir wenigstens ein wenig dabei.

Die Flurprozession in den Fulda-Auen

Vorn die Ministranten, dann ein wenig später die Musiker, dann wieder ein paar Ministranten und unter dem Baldachin der Priester, der die Monstranz trägt. Das muss mit der Zeit schwer sein: warmes Wetter, ein schweres Gewand und die Monstranz, die auf Brusthöhe getragen wird. Aber ich bin sicher, der Herr hilft ihm, so dicht, wie er bei ihm ist.

Der Priester mit der Monstranz

Da wir uns über die Prozession freuen und ihr ein wenig entgegen gehen, um sie noch anzuschauen, achten wir nicht so auf unsere Muscheln – und verlaufen uns prompt. Wir sollen nicht die Fulda-Auen durchqueren, sondern wir werden an ihnen eine Weile entlang laufen, schönste Pilger-Landschaft, die ein paar Meter nach dem Dom anfängt.

Auf Abwegen - im Hintergrund das Ende der Flurprozession

Hinter uns läuft eine Pilgerin und wir denken erst, na, dann sind wir richtig! Aber als wir umkehren und sie treffen, merken wir, dass sie uns nur hinterhergelaufen ist. Wir finden wieder unseren Weg und sie läuft flink mit ihren Trekkingstöcken uns voran. Der Weg ist herrlich – so durch das frische Grün und immer wieder am Wasser lang. Doch es herrscht natürlich Vatertagsstimmung auf dem Jakobsweg: viele Gruppen, viele Fahrräder, Eiswagen, Musik und natürlich einige feuchtfröhliche Herrentagsgruppen.

Blick zurück über die Auen auf den Fuldaer Dom

Wir nähern uns der Propstei St. Johannisberg, wo wir einige Pilgerzeichen entdecken. Hier sieht man auch eine gelb-blaue Jakobsmuschel. Bei meinem ersten Mal auf diesem Weg war ich nicht in Johannesberg gewesen, da ich aus Zeitmangel den Weg von Fulda bis nach Welkers mit dem Bus gefahren war. Wir steigen hinauf, vorbei am Hof der Propstei, wo in einem Biergarten eine ausgelassene Feiertagsstimmung herrscht. Wir laufen vorbei und suchen den Eingang zur Kirche. Durch einen schmalen Gang von der Kopfseite her ist das möglich. Drin ist es schön kühl. Ein beeindruckender Altar, ein stilles Gebet. Wir sind unterwegs…

Die gelb-blaue Muschel vom Jakobusverein Franken

Nach der Kirche sehen wir gegenüber wieder die gelb-blaue Muschel – und folgen ihr. Wir kommen an einer Mariengrotte vorbei und halten auch hier ein wenig an. Ich kann da schlecht vorbeigehen – doch lange verweilen möchte ich nicht, denn unser Weg ist noch weit und wir haben noch einen für mich wichtigen Programm-Punkt vor uns, die Rosenkranztreppe am Steinhauck. Doch es ist schwer, alle hier loszueisen. Wir treffen hier auch die Pilgerin von vorhin wieder. Monika spricht sie an und beide laufen gemeinsam los. Schön! So geht es vorwärts. Nach Johannesberg geht es aus der Stadt heraus und der Weg steigt an. Es geht auf den Wald zu, Fulda liegt bald in der Distanz hinter und unter uns.

Monika und Beate laufen vorneweg...

...Lesya und Renate hinterher... im Hintergrund Fulda

Besonders Renate macht der Weg wieder zu schaffen. Die Wärme und ihre Füße…und sie hat eine solch empfindliche Haut, dass sie direkte Sonnenbestrahlung darauf nicht vertragen kann. Ich habe ihr daher meine Spanienerprobte Funktionsjacke geliehen, mit der ich bei 40 Grad auf dem Camino Catalán unterwegs war. Sie muss in voller Montur laufen, während alle anderen sich inzwischen kurzärmelig und mit kurzen Hosen unterwegs sind. Lesya hilft ihr ein wenig:

Mit Anschub den Berg hinauf!

Haben wir mal wieder wundersame Wegvermehrung? Auch im Wald geht es immer weiter bergauf. Nach meiner Weginformation müssten wir nach 4 km in Eichenzell sein, aber das zieht sich hier hin. Irgendwann packt Beate ihre Karte aus. Nach den Hinweisschildern sind wir völlig falsch. Und da stellt sich unser fataler Irrtum heraus. Wir sind den falschen Muscheln gefolgt. Wir sind gerade unterwegs in Richtung Westen auf dem Jakobsweg in Richtung Frankfurt. Sowohl Beate wie ich – beide sind wir erfahrene Pilgerinnen -haben uns die bekannten Zeichen einfach für die unsrigen gehalten, statt weiter die blau-weißen Muscheln zu suchen!? In Johannesberg an der Propstei müssen wir falsch abgebogen sein. Das gibt mir zu denken! Vielleicht ist das auch ein Hinweis: Aus Gewohnheit orientieren sich gerade die Erfahrenen an bekannten Zeichen, statt auf das, was aktuell und wissentlich das Zeichen ist.  Fällt jemandem dazu etwas ein? Was kann uns das zur Ökumene sagen?

Ein paar Vatertagsradler kommen vorbei und orientieren uns. Wir müssen einfach jetzt links in Richtung Südosten abbiegen, um dann wieder nach Rothemann zu kommen. Als erstes durchqueren wir ein kleines Dorf. Dort fragen wir an einem Haus eine Frau nach Wasser. Die ersten beiden von uns erhalten ihre Flasche mit Leitungswasser gefüllt, die anderen nicht mehr, das ist ihr zuviel. Auch Wegeauskunft kann sie uns nicht weiter geben. Wir laufen ein wenig weiter und an einem anderen Haus – zum Glück – erhalten auch die Anderen frisches Wasser. An der kleinen Kirche pausieren wir, es ist jetzt schon 15 Uhr. Mist, so spät schon! Zwei Stunden haben wir gebraucht. Aber egal, wir holen jetzt die Pizzareste von gestern heraus und stärken uns erstmal. Das tut richtig gut! Beate bleibt jetzt bei uns und auch wir kommen ins Gespräch. Sie ist auch schon häufig auf dem Jakobsweg gepilgert, vor allem in Frankreich. Sie ist heute losgelaufen und ihr heutiges Ziel ist eine Pension ein Döllbach. Sie hat es sogar noch weiter als wir.

Die Leute am 2. Haus haben uns einen guten Rat gegeben, wie wir weiterkommen und wir laufen nun weiter in Richtung Hattenhof. Von dort aus ist es nicht weit bis nach Rothemann und dort werden wir wieder auf den Weg nach Büchenberg kommen. Und von Rothemann kann man auch noch zum Steinhauck zur Rosenkranztreppe aufsteigen. Das heißt allerdings, dass wir jetzt zügig voranlaufen müssen…was nicht geht. Sowohl Renate wie auch Monika kommen nur noch schlecht voran. In Hattenhof entdecken wir, dass man vor dort aus auch direkt nach Büchenberg laufen und so drei Kilometer einsparen kann. Renate will keine drei Kilometer Umweg für eine Rosenkranztreppe laufen, sie will nur noch ankommen. Ich muss meine Idee vom Steinhauck und meinem gelaufenen Himmelfahrtsrosenkranz fahren lassen. Sehr schade, das war mir sehr wichtig gewesen.

Kurz hinter Hattenhof gibt es einen Wegweiser, den man unterwegs mal einfach nur umtreten möchte. Der Weg nach Büchenberg zeigt mitten auf die Wiese, man kann nicht feststellen, ob der Weg nach links oder rechts gemeint ist, der nun nach Büchenberg führt. Rechts kann eigentlich nicht sein, denn das ist die Richtung nach Rothemann. Wir entscheiden uns für links und schon nach kurzer Zeit geht es bergan. Nun, das kann sein, denn unser heutiges Ziel heißt Büchenberg, und das liegt auf dem Berg. Nach einiger Zeit kommt uns eine Frau mit Hund entgegen. Ein Wegeengel – super! Und so begrüße ich sie auch: „Auf Sie habe ich die ganze Zeit gewartet!“ Sie lacht und muss uns trotzdem enttäuschen. Nein, wie sind nicht in Richtung Büchenberg unterwegs, sondern fast wieder in Richtung des anderen Jakobsweges, den wir vorhin verlassen haben. In ihrer Begleitung laufen wir den Anstieg wieder hinunter. Währenddessen telefoniert sie mit ihrer Mutter und dann passiert ein neues Wunder, vor allem für unsere Fußlahmen. Die Mutti will mit dem Auto kommen, sobald wir wieder unten an der Straße sind.

An dem trügerischen Wegweiser angekommen erfahren wir, dass wir tatsächlich nach links hätten abbiegen müssen und viel weiter hinten wieder nach rechts, so dass wir, hätten wir diagonal da entlang gehen können, den Wegweiser schon in der richtigen Richtung hatten. Wer soll das ahnen, wer soll das wissen? Aber das ist jetzt auch Vergangenheit, denn Mutti kommt und nimmt erstmal vier von uns mit. Ich bleibe mit der Frau auf der Straße und wir laufen gemeinsam mit dem Hund in Richtung Büchenberg weiter. Kurz darauf kommt die Mutti wieder und holt auch uns beide ab und bringt uns zum Bürgerhaus in Büchenberg, wo wir diese Nacht verbringen werden. Beate ist schon in Richtung Döllbach weitergelaufen. Das Haus ist offen und wir gehen erstmal rein und setzen uns hin. Eine große Mehrzweckhalle für Sport und mit Bühne, Duschen und Toiletten sind erstmal zu sehen. Das wichtigste geht, vor allem aber sind wir angekommen! GottseiDank!

Bald kommt eine Frau vor und stellt sich als Hannelore vor. Sie bezeichnete sich als die Küsterin des Bürgerhauses – ein Titel, den sie von einem Kind erhalten hatte und der wunderbar ihre Funktion beschreibt – und weist uns ein. Wir werden in einem schönen Raum im Obergeschoss schlafen und können Duschen und Toiletten unten benutzen. Wir fragten Hannelore, ob es in Büchenberg oder Umgebung ein Taxiunternehmen gab, da Renate auch für den morgigen Tag Unterstützung brauchte. Das mit den Blasen hörte nicht auf. Es sollte ja zudem auf den 900 m hohen Kreuzberg gehen! Sie würde später noch einmal zurückkommen und uns Bescheid geben. Dann zeigt sie uns die Küche und was die Büchenberger Frauen für uns vorbereitet hatten.

Auch in Büchenberg hat es eine Flurprozession gegeben. Und wie es im Fuldaer Land so Sitte am Himmelfahrtstag ist, gab es Flädlesuppe und Flurgönder (hier ist auch ein Bild). Das mag dem einen oder anderen nicht viel sagen, aber nach einem anstrengenden Pilgertag ist so etwas ein Wunderwerk menschlicher Kochkunst und GENAU das Richtige. Es waren, wie es aussah, selbstgemachte viereckige Nudeln in einer kräftigen Brühe mit einer Football-großen Wurst. Der Flurgönder ist eine sehr deftige Wurst in einem Schwartenmagen. Wir durften uns auch an den übrig gebliebenen Getränken bedienen. Es war ein Fest, ein wirkliches Fest! Wir aßen gleich in der Küche, um so wenig wie möglich Aufwand zu betreiben und in der Küche ist es sowieso immer gemütlich, es schien sogar noch die Sonne hinein. Die Büchenberger Frauen hatten auch für uns zum Frühstück reichlich eingekauft.

Ich habe zwischendurch ein wenig Zeit zum Lesen in der Sonne hinterm Haus. Ich hole mir das Heftchen der Bekennenden Kirche vor. Ein Artikel fällt mir sofort ins Auge, er heißt: Die (Heils-)Notwendigkeit der Kirche [Gemeinde]: römisch oder reformatorisch. Wechselweise stimme ich zu oder ich protestiere. Schon auf der 1. Seite stoße ich auf den Satz: „extra ecclesiam salus non est“ -„Außerhalb der Kirche ist kein Heil“ des Kirchenvaters Cyprian, um 200 Bischof in Karthago. Soviel Zufall kann doch gar nicht sein! Daher habe ich es also in Eisenach mitgenommen. Und: Ach herrje! In was für ein Nest setze ich mich denn nun gerade mit dem Satz, den ich in Luthers Schreibstube empfangen habe?

Nun, ich denke: Die Kirche ist der Ort, an dem wir Sakramente erhalten, Zeit für das Wort haben, für das Leben lernen, motiviert werden und Gemeinschaft finden. Doch Heil entsteht dann, wenn wir das, was wir dort aus der Lehre Jesu gelernt haben, im Leben direkt umsetzen. So war das nach meinem 1. Camino im Jahr 2007. Der Leiter des Pilgerbüros sagte uns bei der abendlichen Pilgerandacht über das spezielle Chrismon an der Westfassade der Kathedrale von Santiago, bei dem das Omega links und das Alpha rechts steht: „Ihr seid nun in Santiago angekommen, am Ende Eurer Reise. Eure Aufgabe ist es jetzt, im Alltag wieder anzukommen und dort das umzusetzen, was ihr auf dem Weg erfahren und gelernt habt. Vom Ende (Omega – das heißt auch „Der Große, Gott“) wieder zu einem echten Neuanfang im Leben kommen. Erst dann ist Euer Camino zuende.“ Es wirklich tun! Im Alltag Jesu Nachfolge, das höchste Gesetz leben – so verstehe ich: Im Leben (=Umsetzen) ist das Heil. Und so habe ich es auch erfahren.

Und dann komme ich in Gedanken wieder auf das Thema Ehe und Einheit der Kirche. Die Gemeinschaft der Kirche dürfte auch nicht auflöslich sein. Sowenig es im Katholischen eine Ehescheidung geben darf, sowenig darf man sich auch von seinen Brüdern trennen, sie exkommunizieren und so von Jesus trennen. Die Kirche macht es selbst nicht, was sie von den Ehepaaren verlangt. Und sie schafft es seit nunmehr fast 500 Jahren nicht, sich zu versöhnen. Dabei müsste doch Mt 5,23-24 gelten: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.“ Kann sich die Kirche noch als eingesetzt betrachten und die Welt Jesus als von Gott gesandt, wenn seine Kirche so unglaublich uneins ist, dass sie sich in dieser langen Zeit nicht wiedervereinigen kann? Was haben wir denn gekonnt, wenn wir Frieden und Vergebung predigen, er aber noch nicht mal im eigenen Haus umgesetzt wird?

Ich möchte mal ein Bild – aus dem Leben – zeichnen, das mir einfiel: Stellt Euch mal vor, Ihr feiert Hochzeit. Und Eure Freunde und Familie sind in mindestens drei Lager aufgeteilt und weigern sich, Eure Hochzeit gemeinsam mit Euch zu feiern, wenn sie dabei mit den anderen zusammenfeiern müssen. Ihr selbst habt sie aber alle gleich lieb, wollt keinen einzelnen von ihnen missen. Unendlich lange müsst ihr Euch das Gezicke anhören: „Mit denen setze ich mich nicht an einen Tisch!“ „Nee, so wie die sind und denken, das geht gar nicht!“ Euch ist es jetzt nicht völlig egal, wie jeder denkt. Ihr hättet sie halt einfach gern alle dabei, wünschtet Euch nur, sie würden Frieden untereinander halten. Wie würde es Euch dann gehen? Hättet Ihr noch Lust zum Feiern? Was sollte man tun? Das Hochzeits-Mahl aufteilen? Drei Hochzeiten feiern?

Im Leben ist das Heil – bei uns vieren! Wir leben hier Ökumene pur. Wir essen zusammen. Wir beten zusammen. Wir schlafen zusammen. Wir pilgern zusammen. Wir halten zusammen Gottesdienst. Wir sind dankbar für all die guten Menschen, denen wir begegnen, und das hat sich bei den Konfessionen nichts genommen. Wir freuen uns in Jesus Christus. Wir sind von Gott gesegnet und beschütz, in Ihm geborgen. Wie man sieht, bringt es Heil! 🙂 Ist es nicht das, was zählt?

Hannelore kam später noch einmal wieder. Sie bot Renate an, sie selbst zum Kreuzberg zu bringen. Noch mehr Engel! Dann würde Renate mit den Rucksäcken zum Kreuzberg fahren und wir würden erleichtert uns am nächsten Tag auf den Weg machen. Wir sammelten alle zusammen, damit wir der Gemeinde für all die guten Taten eine Spende hinterlassen konnten.

Ich musste doch noch dem Jakobus aka Santiago in Büchenberg einen Besuch abstatten und mich für die tolle Aufnahme hier bedanken!

Nach dem Essen flitzte ich dann zur Kirche, damit wir noch unsere Stempel für unsere Pilgerpässe erhielten, denn dies hier war eine Jakobuskirche. In der Kirche, es war kurz vor sechs Uhr, traf ich die Küsterin der Kirche. Wir kamen in ein sehr schönes Gespräch. Sie selbst bezeichnete sich als eine einfache Frau, die aber – verwitwet – mit diesem einfachen Leben sehr zufrieden war. Sie war immer gern in der Kirche und hatte durch ihre Arbeit eine sehr, sehr persönliche, tiefe  Beziehung mit Jesus im Tabernakel entwickelt, was ihr Halt, Quell der Freude und Zufriedenheit war. Wir unterhielten uns noch lange, ein ganz lieber Mensch! Das gehört für mich zu den schönsten Erlebnissen des Pilgerns: Mit den Menschen vor Ort ins Gespräch kommen und die ganz persönlichen Glaubenserlebnisse miteinander teilen und zu fühlen, wie ganz normale Menschen tief und zufrieden im Glauben leben.

Mit meinen Flip-Flops flitzte ich wieder zum Bürgerhaus zurück. Da hielt auf der Straße ein Auto an. Eine Frau fragte, ob ich eine der Pilgerinnen war. Nun traf ich auf Frau Goldbach, die Pfarrsekretärin, mit der ich diese Übernachtung ausgemacht hatte. Auch mit ihr führte ich auf der Straße lange ein so nettes, herzliches Gespräch. Ich konnte mich bei ihr gleich für die warmherzige Aufnahme in Büchenberg bedanken und erzählte ihr, wie uns die Frauen von Büchenberg so wunderbar geholfen hatten und was uns alles an Wundern passiert war.

Also: Ein riesiges Lob für die Büchenberger Frauen! Die vier Pilgerinnen danken von ganzem Herzen. Wir haben auf dem Rest der Reise mit sehr vielen guten Gedanken für Sie alle gebetet.

Heute war die zweite Nacht auf dem Fußboden angesagt und wir packten wieder Schlafsäcke aus und pusteten die Matten auf, damit wir es in der Nacht bequem hätten.

Hier kamen wir sehr gemütlich in Büchenberg unter

Da die Rosenkranztreppe am Steinhauck dem Verlaufen zum Opfer gefallen war, beteten wir an diesem Abend den Rosenkranz mit speziellen Geheimnissen zur Einheit, die ich für diese Reise zusammengestellt hatte und so auch schon als Novene zur Vorbereitung auf unsere Pilgerweg hin gebetet hatte. Er machte uns still und friedlich. Zum Abschluss gab es noch die Lesung des Tages mit Jesus großem Versprechen: Ich bin bei Euch alle Tage. Heute war das auf diesem Berg hier ganz deutlich gewesen!

EVANGELIUM                                                                              Mt 28, 16-20

Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus

In jener Zeit 16gingen die elf Jünger nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. 17Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Einige aber hatten Zweifel. 18Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. 19Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes,20und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

Lehre des Tages: Liebgewonnene Gewohnheit bestimmter Zeichen kann gerade Erfahrene vom Weg abbringen, wenn sie nicht aufmerksam in der Gegenwart sind und auf die Zeichen der Zeit achten. Doch der Herr ist bei uns alle Tage und hilft uns z.B. mit Hilfe lieber Menschen auf den Weg zurück.

3. Juni 2011: Von Büchenberg zum Kloster Kreuzberg

5 Jun

Von Gabriele

Unser letzter Lauftag! Um sieben Uhr klingelt unser Wecker, wir wollen gegen 8 Uhr aufbrechen. Renate erzählt uns, dass Sie kaum hat schlafen können, sie war ein Großteil der Nacht durch das Bürgerhaus getigert und nun wie zerschlagen. Wie gut, dass sie schon eine Verabredung mit Hannelore hatte. Wir anderen hatten gut geschlafen und waren wieder fit. Die Aussicht, heute mal wieder ohne Rucksack zu pilgern, das war verlockend, das Wetter sah hervorragend aus!

Hannelore kam vorbei und verabredete sich mit Renate. Die übernahm für uns alle den Abwasch, so dass wir nach dem Zurechträumen des Zimmers und dem Rucksackpacken aufbrechen konnten. Ich hatte meinen Tagesrucksack mit Verpflegung und den Wasserflaschen gefüllt, hatte also doch noch etwas zu tragen. Leider war es doch etwas später, als wir das Bürgerhaus verließen, die Jakobus-Kirche zeigte dreiviertelneun.

Die hochragende Jakobuskirche in Büchenberg

Im Vorbeigehen sah ich in einem Schaukasten zwei Zettel, die mir gut gefielen. Einer enthielt nur die Frage:

Wenn man Sie verdächtigen würde,
ein Christ zu sein,
würde man in Ihrem Leben Beweise finden?

Der zweite enthielt Comic-Zeichnungen von verschiedenen Lebenssituationen: Kindheit, Jugend, erste Verliebtheit, ein Schlafzimmer, Familienleben, Arbeitsleben, am Ende ein Grabstein. Unter jedem der Bilder stand eine kurze Feststellung (ob ich es  jetzt korrekt erinnere, es war jedenfalls so oder so ähnlich):

Zu JUNG um an Gott zu denken

Zu COOL um an Gott zu denken

Zu VERLIEBT um an Gott zu denken

Zu BESCHÄFTIGT um an Gott zu denken

Zu VIEL ZU TUN um an Gott zu denken

 Zu SPÄT um an Gott zu denken

Carpe diem, nutze den Tag. Beides gefällt mir gut! Sollte man mal darüber nachdenken! Wir machen es gleich, wir haben ja Zeit.

Auf dem Weg nach Döllbach

Heute ist ein Tag der landschaftlichen Pracht. Wir steigen zunächst nach Döllbach ab und pausieren ein wenig an der Ottilienquelle. Freude, Freude, Freude – wie ist diese Welt schön! Ein paar Beweise sind hier:

Die Rhön ist schön!

Kaum zum Sattsehen!

Unterwegs denkt an so viel an Gott angesichts Seiner wunderbaren Schöpfung!

Danke Gott, dass Du es uns so schön machst!

Am Döllbach entlang geht  es flach weiter nach Thalau. Mitten im Wald überqueren wir die Grenze nach Bayern. Jawohl, Hessen liegt hinter uns, ab jetzt wird es blau-weiß, die Blumen zeigen es schon! Wir haben heute eine anspruchsvolle Etappe vor uns, es sind 27 km und wir haben zwei ordentliche Anstiege: Einmal von jetzt 350 m zur Schwedenschanze auf 715 m, danach Abstieg nach Oberweißenbrunn auf 620 m und einmal zum Kloster Kreuzberg auf 900 m. Hier kann man im Winter auch Skifahren. In Thalau treffen wir vor der nächsten Jakobuskirche auch wieder einen schönen Jakobus als Pilgerstele.

Lesya und Jakobus – Sie ist inzwischen eine total begeisterte Pilgerin

Ganz regelmäßig kehren wir inzwischen in die Kirchen ein, sie sind hier in der Regel offen. Hier finden wir auch einen Stempel für unsere Pilgerpässe – aber die sind leider im Rucksack. Wir schaffen einen Behelfszettel für heute, damit er vollständig wird. Jeder wird für sich still und geht ins Gebet. Ja, nach der Zeit braucht jeder seinen Kopf auch für sich – so viele Eindrücke sind zu verarbeiten. In der Kirche befanden sich zwei riesige Symbole zum Abendmahl/Eucharistie: Ein riesiges Brot und eine riesiger Kelch samt Weintraube und Hostie.

Ein riesiges Brot des Lebens – Kelch, Hostige und Weinrebe – Symbolik der Eucharistie

Die Eucharistie / das Abendmahl ist ein großes Thema in der Ökumene. Noch ist der gemeinsame Tisch nicht möglich. Ein Zitat von Bischof Gerhard Ludwig Müller (Regensburg), Vorsitzender der Ökumenekommission in der Welt vom 29.4.2011: „Gemeinsame Eucharistiefeiern kann es nicht geben, weil es gravierende Unterschiede im Eucharistie- beziehungsweise Abendmahlsverständnis gibt, sie betreffen den Opfercharakter der Messe, die Wesensverwandlung, die Realpräsenz, die Einordnung der Eucharistie in das kirchliche Leben, den sakramental geweihten Priester. Bei uns ist die Eucharistiefeier vornehmlich eine Feier der Kirche, bei den Evangelischen ist das Abendmahl mehr auf den einzelnen Glaubenden bezogen. Die Protestanten erkennen die Sakramentalität der Kirche nicht an. Das ist bis heute der große Unterschied, den können wir nicht einfach überspielen.“ Kommt es wirklich darauf an, dass alle Beteiligten vor dem Abendmahl in all dem übereinstimmen? Darf ein Mensch einem anderen Menschen die Eucharistie verweigern? Ein „Du darfst Jesus nicht verinnerlichen“? Liegt nicht in Jesus Christus die Wandlung? Ist eine fundamentale Wandlung ohne Jesus überhaupt möglich? Eine Wandlung zur Vereinigung ohne einen gemeinsam verinnerlichten Jesus? Kann nicht gerade Jesus die Einheit bewirken bzw. nur er? Brauchen nicht die Kranken des Arztes Gott – wer auch immer das in diesem Zusammenhang sein mag? Wer weiß das denn? Wer kann es denn wissen?

Nach Thalau geht es bergauf. Auf der Hangmitte treffen wir auf eine ganz beschauliche Lourdesgrotte. Man könnte hier ständig anhalten und sich besinnen. Und wir tun es auch, es ist einfach zu schön. Das ist das andere am katholischen Land: Jesus Christus und Maria sind einfach sehr präsent. Ein Mangel an Zwiesprache mit „oben“ ist hier kaum möglich.

Mariengläubigkeit – eine offene Frage in der Ökumene. Auf dem Foto sieht es aus, als ob ein heller Strahl auf Maria fällt oder von ihr ausgeht.

Mariengläubigkeit ist auch noch eine offene Frage in der Ökumene. Obwohl ich evangelisch aufgewachsen bin, waren meine ersten Begegnungen mit Maria vorbehaltlos und offen. Ich habe sie als eine wundervolle Begleiterin entdeckt, ohne mir darum Gedanken zu machen. In Lourdes habe ich sie kennengelernt. Mein erster Jakobsweg begann dort, weil mein Mitpilger Santiago dort starten wollte. Aus meinem Pilgertagebuch:

Den 17. August 2007 verbrachten wir ganz in Lourdes, nahmen an verschiedenen Messen, an einer Führung von freiwilligen Helfern durch das Sanktuarium und zu den Lebensstationen der heiligen Bernadette und an der abendlichen Lichterprozession teil. Im Cachót, dem ärmlichsten Wohnort der Bernadette, hörte ich das erste Mal das Ave Maria, das dort ein junger, bayrischer Freiwilliger für uns betete. Ein riesiger Rosario (Rosario=span. Rosenkranz) hing dort über dem Kamin. Uns wurde erzählt, dass die Familie ihn jeden Abend gebetet hatte. In Lourdes erhielten wir den ersten Stempel in unserem Credencial und verbrachten die erste Nacht in einer Pilger-Herberge, im Ave Maria in der Avenue du Paradís – was für Namen! Bei der gegrüßten Maria im Paradies! Im Ave Maria gibt es morgens sogar noch Frühstück, ein schöner Morgen! Am nächsten Morgen kauften wir uns Andenken – ich mir einen Rosario-, dann füllten wir uns unsere Wasserflaschen mit dem heiligen, heilenden Wasser im Sanktuarium auf und machten uns auf unsere 1. Etappe auf dem Jakobsweg, dem Camino de Santiago. Wir hatten dafür im Infohäuschen des Sanctuariums Etappenbeschreibungen für den Voie de Piemont erhalten….

Die Herberge in Asson ist ganz klein, jedoch wunderschön: es gibt ein Zimmer mit einem Doppelstockbett, Kochgelegenheit, Esstisch und Badezimmer. Es war schon ein Pilger dort, den der Küster vorher wohl schnell an einem anderen Schlafplatz untergebracht hatte, wie wir hinterher merkten. Wir waren zahlende Pilger, er konnte nichts bezahlen. Wir haben gemütlich miteinander gekocht, gegessen und uns unsere Geschichten erzählt.

Olivier war in seinem Wohnort Albi (Sitz der Albigenser/Katharer) losgepilgert und ebenfalls über Lourdes gewandert. Sein Gepäck bestand aus einem kleinen Rucksack, einem Schlafsack, einer Isomatte und eine Schultertasche, in der er sein Schreibzeug mitführte. Er erzählte uns, dass er sehr wenig Geld hätte und er immer fragte, ob er kostenlos irgendwo schlafen könnte. Wenn er nichts fand, dann schlief er draußen, bei Regen suchte er sich ein überdachtes Plätzchen. Er war recht schnell bis Lourdes gelaufen, denn er wollte am 15. August dort bei den Feierlichkeiten zu Maria Himmelfahrt dabei sein, was wir leider verpasst hatten. Doch ab jetzt wollte er langsamer laufen, am Morgen war er in Betharram aufgebrochen. Er sagte über die Streckenwahl seinen Leitsatz: „Wenn dein Pferd einen langen Weg zurücklegen soll, dann geh gut mit ihm um.“

Und dieser Olivier entpuppte sich als ein Spezialist des Rosarios, er trug drei verschiedene mit sich. Er betete ihn jeden Morgen vor dem Aufstehen. Er erzählte uns von den 20  Mysterien, wie die einzelnen Stationen des Rosarios aussehen, d.h. was wo gebetet wird. Am Morgen kaufte ich einen Rosario, am Abend schickte mir Gott bereits den Lehrer dafür! Oder: Wenn der Schüler bereit ist, dann ist der Lehrer da! Da war es offensichtlich, dass gebetet werden sollte, oder? Beim Wandern begann Santiago mir das Vaterunser und das Ave Maria auf Spanisch beizubringen, da ich den Rosario eben selbst beten lernen wollte. Das deutsche Vaterunser hätte ich noch zusammen bekommen, aber das Ave Maria kannte ich ja gar nicht, hatte es nur in Lourdes einmal gehört….“

So begann ich meine Marienbeziehung. Auf meinem 1. Jakobsweg haben wir vielleicht 150 Rosenkränze gebetet. Unser Weg endete in Fátima in Portugal. Aus dem Plan zu einem Jakobsweg war ein Marienweg geworden. Das Rosenkranz-Gebet habe ich liebgewonnen, es war mir ein guter Einstieg in mystische Gebetserfahrung. Inzwischen gebe ich für den Glaubenskursus in unserer Gemeinde sogar eine Einführung in den Rosenkranz. Damals habe ich das einfach gemacht, weil es da war. Vielleicht ist auch das eine wichtige Sache bei der Ökumene: sich einfach mal ohne Vorbehalt auf das Einlassen, was die andere Konfession tut. Ich habe allerdings in der evangelischen Kirche inzwischen auch sehr scharfe Worte gegen meine Mariengläubigkeit gehört. Ich denke, das gehört für den Vereinigungsprozess bestimmt dazu: vorbehaltlose Offenheit für die Glaubenspraktiken der anderen Konfessionen. Sie werden praktiziert, weil sie heilswirksam sind.

Neben der Lourdesgrotte finden wir wieder eine Jakobus-Stele. Und sie trägt, als wollte sie uns die Antwort darauf geben, die Worte: Wer das Ziel kennt, wird den Weg finden. Der Pfeil zeigt nach oben, weist auf Gott. Das Ziel ist klar: Eine wiedervereinigte Kirche nach Jesu Auftrag in Johannes 17,22-23 „denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich.“ Der Weg muss also zu finden sein. Wer finden will, tut gut daran, sich auf den Weg zu machen – Pilgern zum Beispiel. Wir finden hier Zeichen ohne Unterlass.

Wer das Ziel kennt, wird den Weg finden.

Nach der Lourdesgrotte ging es steil bergan. Wir erreichten durch die Felder den Waldrand und fanden auf einen weichen, traumhaft schönen Waldweg, der uns nach Frauenholz, einem winzigen Dörfchen führte. Durch das Tal des Gichenbach und die gleichnamige Ortschaft waren wir hauptsächlich auf der Straße unterwegs.

Auch der Wald ist ein wundervolles Geschöpf Gottes.

Wir planen unsere Pause in der Haderwaldhütte, der einzigen Gaststätte in diesem Tal. Es ist eine kleine Holzhütte mit einem kleinen Garten dahinter. Wir bestellen uns Kaffee und Kuchen. Es ist mal wieder zum Piepen. Für diese Pause hatte ich für uns eine besondere Übung bereitgehalten. Es geht um den Umgang mit Ärger und Projektion, um das „Ich ärgere mich über, weil…“. Und dann heißt der Ort Haderwald. Es geht um das Hadern. Neben Kaffee und Kuchen gibt es „The Work“, „Hadern mal anders“. Es ist dies eine ausgezeichnete Übung der Amerikanerin Byron Katie,  mit der man jede Projektion auflösen kann. Damit kann man vor allem vor der eigenen Haustür fegen bzw. auf dem Acker arbeiten, der einem als einziger gehört, für den man wahrhaft verantwortlich ist, wo man selbst Hand anlegen kann, wo man darf, kann und sollte. Diese Übung ist so verblüffend einfach und funktioniert einfach. Man beginnt zunächst mit dem Hadern, d.h. man schreibt auf, was man an seinem Nächsten nicht in Ordnung findet, worüber man sich ärgert. Dann stellt man sich zu jeder der eigenen Aussagen zunächst 4 einfache Fragen (Die Fragen sind von der Seite http://www.thework.com kopiert):

 Ist das wahr?

 Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?

 Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst/denkst?

 Wer wärst du ohne den Gedanken?

Wenn man sich diese Fragen in Ruhe beantwortet hat, dann darf man eines tun, was geradezu biblisch ist: Die Umkehr. (Eine Aussage kann ins Gegenteil, auf die andere Person und auf Sie selbst umgekehrt werden (manchmal ist auch die Umkehrung zu „mein Denken“ möglich). Suchen Sie nach mindestens drei echten Bespielen in Ihrem Leben, bei denen die Umkehrung zutrifft.)

Wir alle machen diese Übung und unsere Erfahrungen damit. Der Ärger, der sich bisher untereinander aufgestaut haben mag, der verfliegt und es kommt stattdessen zu ganz ehrlichen Gesprächen. Ich habe natürlich auch gearbeitet. Zwischen den Zeilen wird es sicherlich inzwischen jeder mitgelesen haben, dass ich auch immer wieder genervt bin. Weil es manchmal so langsam voran geht, weil jemand immer wieder sich von der Gruppe absetzt, um Notizen zu machen und damit die Gruppe aufhält. Das bewirkt, dass wir immer wieder viel zu lange unterwegs sind.

Ich schreibe auf: …holt an jeder Ecke ihr Heft raus und schreibt und hält damit die Gruppe auf.

 Ist das wahr, dass … immer wieder die Gruppe aufhält, weil sie Notizen macht?

Nein, sie hält die Gruppe schon häufiger auf, aber nicht an jeder Ecke und nicht immer durch das Schreiben. Es gibt auch andere, die die Gruppe aufhalten.

 Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist, dass sie durch die Notizen die Gruppe aufhält?

Nein, vielleicht braucht die Gruppe ja mehr Langsamkeit oder ich. Vielleicht gibt sie der Gruppe ja damit mehr Raum. Oder es ist wichtig, sich das alles aufzuschreiben.

 Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst/denkst?

Ich bin genervt und denke immer an die Kilometer, die noch vor uns liegen oder das Programm, das ich für diesen Tag geplant habe und für das ich mal wieder die Zeit schwinden sehe. Ich versuche sie zum Weiterlaufen zu animieren.

 Wer wärst du ohne den Gedanken?

Ich würde mich nicht so genervt oder gehetzt fühlen, sondern einfach weitergehen. Es wäre wie ein paar Kilometer mehr. Ich hätte ein weniger schlechtes Gewissen, wenn die anderen so lange unterwegs sind, vielleicht ist es ja so für sie besser. … ist auch die Gruppe. Sie kann zwar gut laufen, aber auf diese Befindlichkeit „ich muss mir Notizen machen“ kann man Rücksicht nehmen und sie einkalkulieren und ihre Notizzeit für Pausen für die Anderen einplanen.

Meine Umkehr: Ich halte die Gruppe auf. Ich hetze die Gruppe. …hält die Gruppe nicht auf. … hetzt mich nicht. … hetzt die Gruppe nicht.

Das stimmt. Immer wieder hetze ich mich und auch die Gruppe. Es mag sein, dass ich die Distanzen zu groß gewählt habe. Es mag sein, dass ich zu viel Programm geplant habe. Und das Antreiben passiert auch, weil die Anderen den Weg und meinen Plan für diesen Tag nicht so genau kennen. Ich könnte auch die Führungsrolle mehr teilen,  alle stärker in die Einteilung des Tages mit einbeziehen, damit sie für das Ankommen selbst mehr Verantwortung übernehmen. (Inzwischen weiß ich auch: Ein paar Notizen mehr hätten mir das Schreiben schon erleichtert.)

Das ist ein schönes Ergebnis. Ich setze es sofort um. Ich erzähle von der Strecke, die noch vor uns liegt und welche besonderen Anforderungen der Weg noch an uns stellt. Im folgenden passiert etwas ganz erstaunliches. Ich bin tatsächlich meine alleinige Führungsrolle los, aber alles ist viel entspannter. Höre: „Wer das Ziel kennt, kann den Weg finden!“

Und hier möchte ich dem Blogleser die Möglichkeit geben, einmal mit uns in den Haderwald zu kommen, um zu seinem eigenen Thema in Bezug auf die Wiedervereinigung der Christen über die jeweils andere Konfession, einzelne Protagonisten wie z.B. Papst, Bischöfe, Luther, Kurfürsten, einzelne Themenbereiche sich auszulassen. Lassen Sie mal so richtig die Sau raus. Reden Sie mal Klartext und benutzen Sie dann The Work. Das Ergebnis werde ich dann hier in diesem Blog veröffentlichen, nach Ihrer Wahl anonym oder auch mit Ihrem Namen:

Die Anderen, die sich bisher auf mich verlassen haben, suchen und finden jetzt selbst die Zeichen und ich kann mich mehr auf mein eigenes Pilgern konzentrieren und finde jetzt Zeit, auch endlich unterwegs einen Rosenkranz zu beten. Ich bitte alle Heiligen des Weges dazu: Elisabeth, Martin Luther, Bonifatius und Franziskus. Beim Beten verändert sich etwas: Das Ave-Maria, das ich spreche, erhält zunächst einen Zusatz. Aus „und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus“ wird „Jesus, den wir alle so sehr lieben.“ Das finde ich hervorragend: Ja, so mag ich gerne beten. Aus „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder…“ wird ein schlichtes: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für die Einheit der Christen.“ Ja, bleiben wir beim Wesentlichen. Die Worte kommen einfach. Und in einem spanischen Extragebet, in dem ich Jesus immer um Hilfe, Führung, Schutz, Heilung und Segen bitte, kommt das Wort Aclaración dazu. Ich kenne das Wort nicht, bete es aber trotzdem. Im Lexikon finde ich zuhause folgende Bedeutung: Aufhellung, (Auf-)Klärung, Klarstellung, Verdeutlichung. Interessant, dringlich: Können wir gut gebrauchen!

Auch ein Zeichen? Ein Viererbaum für uns vier Pilgerinnen

Unser Dreiergespann zieht sich – auch wegen vereinbarter Schweigezeit – weit auseinander. Aber jeder kann den Weg auch selbst finden. Es geht nun kontinuierlich bergauf, kurz vor der Schwedenschanze auch recht steil. Aber eine so wunderschöne Strecke durch Feld und Wald, an Rommers und an Kalbenhof vorbei. Oben an der Passhöhe Schwedenschanze finden wir eine kleine Hütte, der Berggasthof ist geschlossen. Jemand spendiert ein Eis und wir setzen uns in den kleinen Biergarten der Hütte. Eine schöne Pause, ein echter Genuss. Die alte, sternförmige Wehranlage besuchen wir nicht. Wir müssen uns nicht mehr wehren… Noch 9 Kilometer sind es bis zum Kloster. Die zählen wir jetzt rückwärts, dann ist unser Pilgerweg zu Ende. Es macht sich ein wenig Traurigkeit breit, denn das Laufen haben wir alle sehr genossen.

Der Jakobsbrönn auf dem Weg nach Oberweißenbrunn

Ein vielgewundener Waldweg führt uns kurz hinauf und dann hinab nach Oberweißenbrunn. Auf dem Weg dorthin gibt es viele Brunnen, unter anderem einen Jakobsbrönn. So können wir auch frisches Wasser auftanken, es schmeckt gut und ist schön kühl. Auf dem Schild am Brunnen unten rechts steht die Entfernung nach Santiago de Compostela: 2385 km! In Oberweißenbrunn besuchen wir ebenfalls die Kirche. Wir stempeln unseren Behelfszettel mit dem Pilgerstempel, hier ist man gut auf den Pilger eingestellt. In den Fürbittekasten werfe ich die Bitte, für die Einheit der Christen zu beten. Je mehr dafür beten, umso besser! Eine Frau, die die Kirche beaufsichtigt, erklärt uns, wie wir am schnellsten wieder auf unseren Weg kommen. Jetzt geht es nur noch den Berg hinauf, so steil, dass es sich hier auch für Skilifte lohnt. Doch das alles ist keine große Last ob der Schönheit der Bergwiesen und der fußfreundlichen Wegführung hier.

Die letzten Kilometer in strahlendem Sonnenschein

Wir genießen nur noch, meist jeder für sich, schauen Sie einfach zu:

Rhönblick in die Höhe Rhön

Kreuzberg in Sicht – unser Ziel ist nah, der Weg nicht mehr zu verfehlen

Bergwiesen de luxe – filigran und vielfältig ist alles gestaltet aus Schöpferhand

Das letzte Stück wird durch den Wald gehen – auf zum Kloster Kreuzberg

Lesya fällt es schwer, das Pilgern aufzugeben, sie könnte noch tagelang weiterlaufen. Auf der Wiese und im Wald genießt sie noch einmal jeden Schritt und das innere Glück ist ihr wahrhaftig anzusehen. Das ist nicht nur ein Lächeln, das ist  echte Freude:

Die letzten Schritte im Wald – innige Freude

Am Waldesende kommen wir wieder zusammen. Ein letzter gemeinsamer Schritt – das soll es sein – so soll es werden. Die drei Konfessionen kommen gemeinsam am Kreuz(berg) an, friedlich und in Freude vereint: Evangelisch – katholisch – orthodox. Wir haben es geschafft.

Ich rufe Renate an, damit sie uns entgegen kommt. Es ist schon 18:20 Uhr, die Klosterpforte ist sowieso schon geschlossen. Wir kommen am Bruder-Franz-Haus vorbei, wir durchqueren den vollbesetzten und bierseelig-deftigen Franziskaner-Biergarten und kommen zum Haupthaus, wo wir auf Renate treffen.

Auf dem Weg zum und durch den Biergarten

Jawoll, und hier werden wir gleich einkehren, das haben wir uns verdient! Das Bier auch! Wir bleiben gleich unten, die Rucksäcke sind ja schon oben und stellen uns an der Essensausgabe an. Wir teilen uns Schweinshaxe, aber Knödel und Soße hat jeder für sich. Oh, ist das jetzt herrlich. Renate holt einen großen Humpen Bier, den wir uns auch teilen. Keine von uns könnte allein eine solche Menge trinken! Aber: Wir sind in Bayern und man gönnt sich ja sonst nix.

Nach der „Brotzeit“ zeigt uns Renate die Zimmer und wir lassen uns nieder und können nun duschen. Wir haben es super erwischt, zwei schöne Doppelzimmer im Marienbau mit Blick nach Westen auf den Garten und den Wald, der Biergarten geht zur anderen Seite! Ach, haben wir das gut!

Gemütliche Zimmer im Kloster Kreuzberg

Um halb neun treffen wir uns nochmals im Antonius-Saal auf einen Absacker und den Sonnenuntergang. Renate erzählt uns ihren Tag und wir ihr unseren. Wir sind da! Leben ist schön. Und die heutige Lesung? Lest selbst:

EVANGELIUM                                                                                Mt 5, 1-12a

Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus

1Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.2Dann begann er zu reden und lehrte sie. 3Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. 4Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. 5Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. 6Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. 7Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. 8Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. 9Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. 10Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich. 11Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. 12aFreut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.

Noch Fragen? Jemand? Danke Gott!!!! Für alles unterwegs!!!!
Ja, wir freuen uns und jubeln!

Sonnenuntergang vom Logenplatz im Antonius-Saal

Lehre des Tages: 1. Im Leben ist das Heil – das kann ich annehmen, wenn es bedeutet, die Nachfolge im Leben umzusetzen und das höchste Gesetz im Alltag zu leben. 2. Was wir nicht selbst leben, können wir auch keinem anderen predigen. 3. Jede Führungsrolle muss irgendwann aufgegeben werden, damit Gott selbst führt und alle Gläubigen diese Führung selbst wahrnehmen.

Nächster Artikel: 4. Juni 2011 – Auf dem Kreuzberg

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