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27. Mai 2011: Anreise nach Eisenach

5 Jun

Von Gabriele

Viertel vor zwölf war unser Treffpunkt Bahnhof Alexanderplatz und pünktlich waren wir alle vier da. Mit einem Quer-durchs-Land-Ticket haben wir nur Regionalzüge genutzt, um unser Leben an diesem Tag in vollen Zügen zu genießen. Ebenso pünktlich war unser Zug nach Magdeburg.

4 Pilgerinnen auf dem Bahnsteig Alexanderplatz

Anina war im Engelskostüm erschienen, was uns einerseits überraschte, andererseits aber auch sehr freute! Denn wenn Engel reisen, wird alles gut! Für die erste Strecke hatten wir viel Glück mit unseren Plätzen wir hatten gegenüberliegende Sitze, so dass auf jeder Seite zwei sitzen konnte und jeder für seinen Rucksack auch noch einen Platz hatte. Vergnüglich ging es los, die stressigen Vorbereitungen ließen wir hinter uns und echte Freude machte sich breit.

In Magdeburg hatten wir eine halbe Stunde Aufenthalt und nutzten diesen für letzte Einkäufe und Verpflegung. An einem Zeitungskiosk fiel unser Blick auf die aktuelle Ausgabe der Zeit. Das passte zu unserem Pilgerthema:

Ist die Kirche noch zu retten? Wir hoffen und beten: Ja!

Der Zug nach Erfurt war kurz, total voll und laut. Mit viel Glück hatten wir nach einiger Zeit des Einzeln fahrens wieder gemeinsame Sitzplätze. Ich sprach über eine Regel, die ich für die Reise gern unter uns einführen wollte als Konfliktvorsorge. Jeder, der mit einem Anderen ein Problem hat, sollte den anderen ansprechen, um mit ihm zu beten. Ein paar Tage vor unserer Reise hatte ich diese Lösungsmöglichkeit während eines meiner Einstimmungsgebete bekommen. Niemand kann wirklich sagen, wer bei einem Konflikt, die ja  innerhalb einer 7×24-Gruppe schnell auftreten können, Recht hat und wer falsch liegt. Das weiß nur Gott. Und Projektionen schießen gern ins Kraut. Doch im gemeinsamen Gebet legt man diese Dinge vor Ihn, was beide für eine Lösung öffnet. Als wir überlegten, ob wir weitere Regeln festlegen wollten, merkten wir schnell, dass wir uns zunächst nicht durch Regeln einknasten, sondern erstmal nur darauf achten wollten, uns einander mit gegenseitigem Respekt und handelsüblichem zwischenmenschlichem Anstand zu behandeln. Alles Weitere würde sich zeigen.

Entspannte Zugpilgerei

In Erfurt mussten wir nochmals umsteigen und mit viel Glück erreichten wir den Zug nach Eisenach. Im Gepäckabteil hatten wir wieder einen bequemen Sitzplatz mit genug Raum für unsere Rucksäcke. Uns hat das Regionalbahnfahren gut gefallen, die Landschaft war so schön frisch und grün, die kleinen Städtchen zogen an uns vorbei (eigentlich wir an ihnen), der Geist stellte sich auf Weite und Horizont ein. Kurz vor der Ankunft in Eisenach erhielt ich einen Anruf. Monika, die nicht aus Berlin kommt und eigentlich ein paar Minuten vor uns da sein wollte, war noch zuhause und würde erst um 21.45 Uhr in Eisenach sein. Sie hatte es nicht geschafft früher loszukommen.

Das Diakonissen-Mutterhaus in Eisenach

Für Eisenach hatten wir uns in der Pilgerherberge des Diakonissen-Mutterhauses am Karlsplatz angemeldet. Vom Bahnhof war das für uns gut zu erreichen. Nachdem wir durch den Torbogen der alten Stadtmauer getreten waren, lag der wunderschöne Platz mit dem Lutherdenkmal schon vor uns. Sehr freundlich wurden wir bei den Diakonissen aufgenommen. Wir ließen unsere jungfräulichen Credenziale stempeln und bezahlten. Wegen der verspäteten Ankunft Monikas wurde ich gleich verpflichtet, sie vom Bahnhof abzuholen und mit hineinzunehmen. Ok, mache ich das! Hier bei den Diakonissen fühlten uns wir goldrichtig, denn unsere bezaubernde Gastgeberin machte uns auf das Hausmotto aufmerksam: in der Eingangshalle am Treppenaufgang standen die ersten Worte des Psalm 23, der für jeden Pilger zur Heimat wird:

Psalm 23, Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln

Der gute Hirte ist schon da! Eine von uns hatte diesen Psalm zur Pilgervorbereitung Anfang Mai schon gezogen, für sie war es etwas ganz Besonderes, hier so begrüßt zu werden. Am nächsten Tag würde hier ein Fest stattfinden, alles war schon herausgeputzt und surrte ein wenig vor freudiger Geschäftigkeit. Wir bekamen eine kleine Hausführung und wurden dann zu unserem Zimmer im 2. Stock geführt. Als wir dort ankamen, war es uns, als wären wir im Himmelreich gelandet. Ein wunderschöner, lichtdurchfluteter, weißgestrichener Raum mit ebenso weißen Holzbalken und pink bezogenen Matratzen auf dem Fußboden. Durch das Fenster sahen wir direkt auf die Seitenwand der Nikolaikirche. Eines der Betten war schon belegt, man hatte uns am Empfang gesagt, dass schon eine Pilgerin dort wäre. Jeder suchte sich einen Schlafplatz aus, dann bereiteten wir uns zum Ausgehen vor.

Unsere himmlische Pilgerherberge

Wir wollten für das Wochenende einkaufen, da es unterwegs auf dieser Strecke nicht viele Verpflegungsmöglichkeiten gab. Für den nächsten Tag hatten wir wegen des steilen Aufstiegs zur Wartburg einen Rucksacktransport geplant, da würden wir all das, was wir nicht brauchten, gleich mitgeben. Ein Supermarkt hatte noch offen und wir kauften ein, auf was wir uns schnell einigen konnten. Zum Abendessen hatte man uns den Italiener gegenüber empfohlen, wo es im Innenhof sehr romantisch aussah, aber das war nicht unsere Preisklasse. Auf dem Weg vom Bahnhof hatten wir einen günstigen Chinesen gesehen. Dort suchten wir uns jeder etwas aus und nahmen unser Essen mit in unsere gemütliche Herberge, das war genauso angenehm wie beim Italiener.

Abendessen in unserem Eisenacher Himmelsstübchen

Es ging uns richtig gut! Als wir mit Essen fertig waren, kam der Besitzer des Rucksacks hinzu, der schon vorher hier eingezogen war. Keine Frau, sondern ein Mann. Er war auf dem Ökumenischen Pilgerweg unterwegs, jedes Jahr ein Stück. Er hatte sich nach einer Trennung dazu entschieden und fühlte sich damit sehr wohl. Sehr schnell begann er, uns sein Herz auszuschütten. Bisher war er – bis auf einen Abend – allein gepilgert, da stauen sich schnell mal die Eindrücke an. Um halb zehn machte ich mich auf den Weg, um Monika vom Bahnhof abzuholen. Sie war ganz freudig überrascht, dass ich sie abholte. Es war aber auch wirklich gut, dass ich da war. Ich hatte ihr einen Rucksack aus Berlin mitgebracht und sie hatte ihr Gepäck vorläufig in großen Plastiktüten verpackt, das war nicht so einfach zu tragen.

Sie nahm Quartier bei uns und es dauerte ein wenig. Nach Pilgermanier wollten wir gerne bald das Licht löschen, aber sie und unser Mitpilger brauchten noch eine Weile, bis sie zu Stille kamen. Ich schlug kurzentschlossen ein gemeinsames Abendgebet mit der Lesung  des Tages und einem Pilgergebet vor, was von den Müden  erleichtert und dankbar aufgenommen wurde, die noch Wachen jedoch etwas dominant und krass empfanden. Eine Lehre des Tages: Man kann es nicht allen rechtmachen!

Führe mich (Franz von Sales)

Komm, Gottes Geist, gib uns Einsicht in das ewige Wort,
gib uns Bereitschaft, es anzunehmen, gib uns Kraft aus ihm zu leben.
Komm, Geist Gottes, zeige uns den Weg zum Heil,
zeige uns die Möglichkeit, ihn zu finden,
zeige uns Menschen, die ihn mitgehen.
Komm, Geist Gottes, führe uns in Deiner Barmherzigkeit in die Vergebung,
führe uns in Deiner Treue in die Zukunft, führe uns in Deiner Liebe zurm Ziel.

Die wundervoll-passende Lesung des Tages aus dem Schott-Register:

EVANGELIUM Joh 15, 12-17

Dies trage ich euch auf: Liebt einander!

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

12Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.13Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. 14Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch
auftrage. 15Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. 16Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. 17Dies trage ich euch auf: Liebt einander!

Konnte es eine bessere Einstimmung zu unserer Reise geben? Ich war die Tage vor der Reise sehr enttäuscht darüber gewesen, dass noch so viele abgesagt hatten, doch offentsichtlich hatte er uns in genau dieser Zusammensetzung  erwählt! Einander unterwegs zu lieben und Frucht zu tragen. Nun, möge dies hier – neben dem, was es in unseren Herzen entzündet hat – eine Frucht für viele werden.

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