27. Mai 2011: Anreise nach Eisenach

5 Jun

Von Gabriele

Viertel vor zwölf war unser Treffpunkt Bahnhof Alexanderplatz und pünktlich waren wir alle vier da. Mit einem Quer-durchs-Land-Ticket haben wir nur Regionalzüge genutzt, um unser Leben an diesem Tag in vollen Zügen zu genießen. Ebenso pünktlich war unser Zug nach Magdeburg.

4 Pilgerinnen auf dem Bahnsteig Alexanderplatz

Anina war im Engelskostüm erschienen, was uns einerseits überraschte, andererseits aber auch sehr freute! Denn wenn Engel reisen, wird alles gut! Für die erste Strecke hatten wir viel Glück mit unseren Plätzen wir hatten gegenüberliegende Sitze, so dass auf jeder Seite zwei sitzen konnte und jeder für seinen Rucksack auch noch einen Platz hatte. Vergnüglich ging es los, die stressigen Vorbereitungen ließen wir hinter uns und echte Freude machte sich breit.

In Magdeburg hatten wir eine halbe Stunde Aufenthalt und nutzten diesen für letzte Einkäufe und Verpflegung. An einem Zeitungskiosk fiel unser Blick auf die aktuelle Ausgabe der Zeit. Das passte zu unserem Pilgerthema:

Ist die Kirche noch zu retten? Wir hoffen und beten: Ja!

Der Zug nach Erfurt war kurz, total voll und laut. Mit viel Glück hatten wir nach einiger Zeit des Einzeln fahrens wieder gemeinsame Sitzplätze. Ich sprach über eine Regel, die ich für die Reise gern unter uns einführen wollte als Konfliktvorsorge. Jeder, der mit einem Anderen ein Problem hat, sollte den anderen ansprechen, um mit ihm zu beten. Ein paar Tage vor unserer Reise hatte ich diese Lösungsmöglichkeit während eines meiner Einstimmungsgebete bekommen. Niemand kann wirklich sagen, wer bei einem Konflikt, die ja  innerhalb einer 7×24-Gruppe schnell auftreten können, Recht hat und wer falsch liegt. Das weiß nur Gott. Und Projektionen schießen gern ins Kraut. Doch im gemeinsamen Gebet legt man diese Dinge vor Ihn, was beide für eine Lösung öffnet. Als wir überlegten, ob wir weitere Regeln festlegen wollten, merkten wir schnell, dass wir uns zunächst nicht durch Regeln einknasten, sondern erstmal nur darauf achten wollten, uns einander mit gegenseitigem Respekt und handelsüblichem zwischenmenschlichem Anstand zu behandeln. Alles Weitere würde sich zeigen.

Entspannte Zugpilgerei

In Erfurt mussten wir nochmals umsteigen und mit viel Glück erreichten wir den Zug nach Eisenach. Im Gepäckabteil hatten wir wieder einen bequemen Sitzplatz mit genug Raum für unsere Rucksäcke. Uns hat das Regionalbahnfahren gut gefallen, die Landschaft war so schön frisch und grün, die kleinen Städtchen zogen an uns vorbei (eigentlich wir an ihnen), der Geist stellte sich auf Weite und Horizont ein. Kurz vor der Ankunft in Eisenach erhielt ich einen Anruf. Monika, die nicht aus Berlin kommt und eigentlich ein paar Minuten vor uns da sein wollte, war noch zuhause und würde erst um 21.45 Uhr in Eisenach sein. Sie hatte es nicht geschafft früher loszukommen.

Das Diakonissen-Mutterhaus in Eisenach

Für Eisenach hatten wir uns in der Pilgerherberge des Diakonissen-Mutterhauses am Karlsplatz angemeldet. Vom Bahnhof war das für uns gut zu erreichen. Nachdem wir durch den Torbogen der alten Stadtmauer getreten waren, lag der wunderschöne Platz mit dem Lutherdenkmal schon vor uns. Sehr freundlich wurden wir bei den Diakonissen aufgenommen. Wir ließen unsere jungfräulichen Credenziale stempeln und bezahlten. Wegen der verspäteten Ankunft Monikas wurde ich gleich verpflichtet, sie vom Bahnhof abzuholen und mit hineinzunehmen. Ok, mache ich das! Hier bei den Diakonissen fühlten uns wir goldrichtig, denn unsere bezaubernde Gastgeberin machte uns auf das Hausmotto aufmerksam: in der Eingangshalle am Treppenaufgang standen die ersten Worte des Psalm 23, der für jeden Pilger zur Heimat wird:

Psalm 23, Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln

Der gute Hirte ist schon da! Eine von uns hatte diesen Psalm zur Pilgervorbereitung Anfang Mai schon gezogen, für sie war es etwas ganz Besonderes, hier so begrüßt zu werden. Am nächsten Tag würde hier ein Fest stattfinden, alles war schon herausgeputzt und surrte ein wenig vor freudiger Geschäftigkeit. Wir bekamen eine kleine Hausführung und wurden dann zu unserem Zimmer im 2. Stock geführt. Als wir dort ankamen, war es uns, als wären wir im Himmelreich gelandet. Ein wunderschöner, lichtdurchfluteter, weißgestrichener Raum mit ebenso weißen Holzbalken und pink bezogenen Matratzen auf dem Fußboden. Durch das Fenster sahen wir direkt auf die Seitenwand der Nikolaikirche. Eines der Betten war schon belegt, man hatte uns am Empfang gesagt, dass schon eine Pilgerin dort wäre. Jeder suchte sich einen Schlafplatz aus, dann bereiteten wir uns zum Ausgehen vor.

Unsere himmlische Pilgerherberge

Wir wollten für das Wochenende einkaufen, da es unterwegs auf dieser Strecke nicht viele Verpflegungsmöglichkeiten gab. Für den nächsten Tag hatten wir wegen des steilen Aufstiegs zur Wartburg einen Rucksacktransport geplant, da würden wir all das, was wir nicht brauchten, gleich mitgeben. Ein Supermarkt hatte noch offen und wir kauften ein, auf was wir uns schnell einigen konnten. Zum Abendessen hatte man uns den Italiener gegenüber empfohlen, wo es im Innenhof sehr romantisch aussah, aber das war nicht unsere Preisklasse. Auf dem Weg vom Bahnhof hatten wir einen günstigen Chinesen gesehen. Dort suchten wir uns jeder etwas aus und nahmen unser Essen mit in unsere gemütliche Herberge, das war genauso angenehm wie beim Italiener.

Abendessen in unserem Eisenacher Himmelsstübchen

Es ging uns richtig gut! Als wir mit Essen fertig waren, kam der Besitzer des Rucksacks hinzu, der schon vorher hier eingezogen war. Keine Frau, sondern ein Mann. Er war auf dem Ökumenischen Pilgerweg unterwegs, jedes Jahr ein Stück. Er hatte sich nach einer Trennung dazu entschieden und fühlte sich damit sehr wohl. Sehr schnell begann er, uns sein Herz auszuschütten. Bisher war er – bis auf einen Abend – allein gepilgert, da stauen sich schnell mal die Eindrücke an. Um halb zehn machte ich mich auf den Weg, um Monika vom Bahnhof abzuholen. Sie war ganz freudig überrascht, dass ich sie abholte. Es war aber auch wirklich gut, dass ich da war. Ich hatte ihr einen Rucksack aus Berlin mitgebracht und sie hatte ihr Gepäck vorläufig in großen Plastiktüten verpackt, das war nicht so einfach zu tragen.

Sie nahm Quartier bei uns und es dauerte ein wenig. Nach Pilgermanier wollten wir gerne bald das Licht löschen, aber sie und unser Mitpilger brauchten noch eine Weile, bis sie zu Stille kamen. Ich schlug kurzentschlossen ein gemeinsames Abendgebet mit der Lesung  des Tages und einem Pilgergebet vor, was von den Müden  erleichtert und dankbar aufgenommen wurde, die noch Wachen jedoch etwas dominant und krass empfanden. Eine Lehre des Tages: Man kann es nicht allen rechtmachen!

Führe mich (Franz von Sales)

Komm, Gottes Geist, gib uns Einsicht in das ewige Wort,
gib uns Bereitschaft, es anzunehmen, gib uns Kraft aus ihm zu leben.
Komm, Geist Gottes, zeige uns den Weg zum Heil,
zeige uns die Möglichkeit, ihn zu finden,
zeige uns Menschen, die ihn mitgehen.
Komm, Geist Gottes, führe uns in Deiner Barmherzigkeit in die Vergebung,
führe uns in Deiner Treue in die Zukunft, führe uns in Deiner Liebe zurm Ziel.

Die wundervoll-passende Lesung des Tages aus dem Schott-Register:

EVANGELIUM Joh 15, 12-17

Dies trage ich euch auf: Liebt einander!

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

12Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.13Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. 14Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch
auftrage. 15Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. 16Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. 17Dies trage ich euch auf: Liebt einander!

Konnte es eine bessere Einstimmung zu unserer Reise geben? Ich war die Tage vor der Reise sehr enttäuscht darüber gewesen, dass noch so viele abgesagt hatten, doch offentsichtlich hatte er uns in genau dieser Zusammensetzung  erwählt! Einander unterwegs zu lieben und Frucht zu tragen. Nun, möge dies hier – neben dem, was es in unseren Herzen entzündet hat – eine Frucht für viele werden.

28. Mai 2011: Von Eisenach zur Wartburg und nach Hütschhof

5 Jun

Von Gabriele

Wir stehen früh auf, um halb sieben klingelt mein Wecker. Als erste wollte Lesya ins Bad, ich bin die zweite. Dann die anderen, zwischendurch unser Mitpilger Manfred. Kurz bevor wir zum Frühstück gehen, kommt eine der Teilnehmerinnen sehr sauer aus dem Bad. Sie hatte ihr Handtuch über den Wäscheständer gehängt und jemand anderes hat es benutzt. Sie weiß nicht, wer es war, ist aber wegen dieses Übergriffs  in ihre Intimzone entsetzt und will auch wissen, wer das war. Keiner war’s! Schade, schade. Keine Ehrlichkeit unter uns und keine  Entschuldigung. Kein guter Start. Lasst uns beten!

Frühstück bei den Diakonissen in Eisenach

Einen besseren Start haben wir mit dem Frühstück, das kann auch in einem Hotel nicht schöner sein. Es gbt alles, was wir brauchen: Kaffee, Brötchen, Käse, Aufschnitt, Ei. Wir sehen im Frühstücksraum auch die weiteren Gäste der Diakonissen. Zwei weitere Pilger sind auf dem Elisabethweg unterwegs, Manfred setzt sich zu ihnen. An einem anderen Tisch sitzt eine Gruppe mit Frauen und fast einheitlich Golf-T-Shirts. Vor dem Frühstück schon haben wir unsere Rucksäcke zur Pforte gebrachte, damit sie dort vom Pilgervater des Gutes Hütschhof abgeholt werden können, ebenso unsere Einkäufe, die wir heute tagsüber nicht brauchen.

Unsere 1. Pilgermarkierung

Nach dem Frühstück packen zwei von uns Tagesrucksäcke mit der Verpflegung und den Wasserflaschen, die wir heute brauchen. In einem Ständer finde ich eine Zeitung der Bekennenden Kirche. Da ich vor kurzem einen Vortrag einer evangelischen Pfarrerin zu den ökumenischen Aktivitäten von Dietrich Bonhoeffer gehört habe, die in diesem Zusammenhang  auch von der bekennenden Kirche sprach, nahm ich sie mit. Dafür steht es ja da. Um uns herum sind die Festvorbereitungen im vollen Gange. Doch es dauert eine Weile, bis wir alle vor der Tür stehen, da ist noch einige Zeit für Fotos. Noch an der Häuserecke finden wir unsere erste Pilgermarkierung vom Ökumenischen Pilgerweg. Die Sonne scheint, der Himmel ist wunderbar blau. Doch nur nach wenigen Schritten halten wir wieder an. Wir brauchen ja ein stimmungsvolles Bild für unseren Pilgerstart. Direkt auf dem Karlsplatz vor der Statue des Reformationsführers Luther muss natürlich ein Gruppenbild gemacht werden.

Luther und wir in Eisenach

Um 9.30 Uhr sind wir in der Georgenkirche angemeldet zu unserem Pilgersegen. Es ist nicht so ganz einfach, durch die Fußgängerzone dahin zu kommen. Mal verschwindet rechts einer im Laden, mal links einer! Es wird eine neue Haarbürste und ein neues Handtuch (für das fremdbenutzte) und eine Zahnbürste und eine Lesebrille gekauft. Das kann ja nett werden…ich bin nicht die Geduld in Person. Auf einem Haus finde ich einen dazu passenden Spruch:

Trink und iß, Gott nit vergiß!

Als wir gerade so um 9.30 Uhr an der Georgenkirche ankommen, da ist die Kirchentür zwar schon offen, aber das Eisentor noch verschlossen. Doch schon ganz bald kommt von innen eine Dame und schließt uns auf. Wir bekommen unseren 2. Pilgerstempel. Kurz darauf erscheint auch der Pfarrer Stephan Köhler. Er erklärt uns ein wenig die Kirche, dann erhalten wir einen sehr berührenden Pilgersegen von ihm. Wir dürfen noch ein wenig bleiben. Diese Kirche ist wirklich sehr, sehr schön und stimmungsvoll. An den Seiten finden sich viele Bibelsprüche, das Wort ersetzt das Bild. Die Kirche ist an sich sehr alt, 1196 Ersterstellung. Hier hat nicht nur Luther gepredigt, hier wurde auch die Heilige Elisabeth von Thüringen getraut (das sagt unser Pilgerstempel) und Johann Sebastian Bach getauft.

In der Georgenkirche

Da immer noch geschäftige Unruhe in der Gruppe herrscht und jeder noch irgendwas möchte, verabreden wir uns zu 10 nach 10 wieder an der Kirche. Ein feste Burg ist unser Gott steht da. Und jetzt wollen wir ganz feste zur Burg aufsteigen.

Gute Laune, denn JETZT GEHTS LOOOOS !

Mit viel Ausdauer und noch mehr Puste steigen wir den steilen Weg zur Wartburg auf. Lesya vermutet, dass sie mit ihrem Rucksack auf diesem Weg einfach nur nach hinten gekippt wäre. Unterwegs halten wir bei den Eseln, dann geht es weiter! Eine halbe Stunde später kommen wir atemlos an der Wartburg an. Auch ohne Rucksack heftig genug.

Ankunft auf der Wartburg...meist aus der Puste...

Es ist recht frisch auf dem Berg, der Himmel hat sich inzwischen reichlich bezogen. Wir beschließen, die Wartburg auch innen zu besichtigen, Anina als Studentin und als Prinzessin im Herzen macht die ganze Tour inklusive Palas, die anderen beschränken sich auf die Kunstsammlung und die Lutherstube. Natürlich ist alles voll, doch es sind ein paar interessante Bilder zu sehen von Luther und anderen Protagonisten der Reformation. Spannend finde ich Friedrich den Weisen, tatsächlich sieht ihm nach den Bildern Peter Ustinov ähnlich, der ihn im Lutherfilm gespielt hat.

Als letztes geht es durch den langen Gang zu Luthers Schreibstube.

Luthers Schreibstube

Es ist ein ganz einfacher, mit Holz verkleideter Raum mit einem grünen Kachelofen. Man sieht einen Schreibtisch mit einem geschnitzten Holzdrehstuhl und einen Wirbelknochen eines Wales, den er als Fußschemel benutzt haben soll. Ein Bild von ihm hängt über dem Schreibtisch. Viele Fragen werden gestellt. Die Aufseherin erzählt, der Tintenfleck war eigentlich ein Rußfleck, aber man hätte ihn immer wieder nachgemalt, weil alle ihn sehen wollten. Irgendwann stehe ich mit zwei weiteren Teilnehmerinnen allein in der Stube, nur die Aufseherin ist noch da. Ich schlage vor, dass wir genau hier ein Vaterunser für die Einheit der Christen zu sprechen. Mich bewegt das Gebet sehr. Dein Wille geschehe, Vater! Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Erlöse uns von dem Bösen. Dein ist die Kraft, mein lieber Vater im Himmel. Und dann bitte ich Ihn um ein Wort für mich mit einem Satz, den ich in der katholischen Liturgie besonders gern mag. „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!“ Und ich höre in mir ganz klar die Worte: „Im Leben ist das Heil!“

Klingt ganz ok für mich. Ich habe sowohl innerhalb wie außerhalb der Christenheit mit guten Menschen zu tun gehabt. Und Glauben ist dazu da, sich im Leben zu zeigen. Viele Menschen, die Jesu Lehre nicht kennen, handeln so, als kennten sie sie. Noch weiß ich nicht, in welchen Gegensatz mich das Gehörte stellt…

Ich verlasse das Gebäude, die Schreibstube war der letzte Punkt der Tour und finde meine zwei Mitbeterinnen schnell wieder. Anina macht die große Tour, ihre Führung dauert noch, aber wo ist dann die dritte, die mit uns begann? Wir gehen erstmal in den hinteren Burghof neben dem Palas und setzen uns dort zum Essen in die Sonne. Die Zeit vergeht. Irgendwann gehe ich suchen und finde – eine alte Bekannte, eine Rose. Es ist eine englische Rose von Austin in Apricot. Ich denke, ich erkenne am Duft auch die Sorte Evelyn.ich hatte sie in meinem Garten, als ich noch einen Garten hatte. Diese Rose erinnert mich wieder an eine andere Person, die hier lebte und wirkte: Elisabeth von Thüringen, das Rosenwunder. Mir gefällt diese Heilige sehr gut, weil sie so gar nicht auf Standesunterschiede achtete, sondern sich einfach dem Bedürftigen widmete…Im Leben ist das Heil… Ja, sie lebte die Nachfolge. Schön, auf diese besondere, persönliche Weise an sie erinnert zu werden. Heilige Elisabeth, bitte für uns und für die Einheit der Christen. Ich habe sie unterwegs immer in unsere Gebete mit einbezogen.

Eine duftende Rose auf der Wartburg erinnert an Elisabeth von Thüringen...Im Leben ist das Heil!...

Immer wieder laufe ich die Wartburg von vorn bis hinten ab, während sich die beiden anderen einen Kaffee gönnen. …Im Leben ist das Heil!…Irgendwann begegne ich Anina, die ihre große Tour hinter sich hat. Sie sagt, sie hätte die Dritte gesehen, aber aus den Augen verloren. Ich erzähle ihr, wo die anderen sind und suche weiter und mache dabei vom vorderen Ausschau noch ein Foto mit der wundervollen Landschaft rund um die Wartburg…Im Leben ist das Heil!…

Hier durch den Wald geht es nachher weiter! Aber wann?

Ich bin seit 12 Uhr da raus, inzwischen ist es ein Uhr… Dann endlich treffe ich sie und nehme sie mit nach hinten. Natürlich will sie jetzt auch ihre Pause machen, während die anderen schon etwas im Winde schlottern. Es ist gegen 14 Uhr, dass wir uns auf den Weg machen können. Wir steigen unter der Brücke hinab auf den Ökumenischen Pilgerweg. Gleich am Anfang entdecken wir ein Schild. Hier führt nicht nur unser Pilgerweg entlang, sondern auch der Pumpälzweg. Auf dem  Schild lesen wir, was der Pumpälz ist: Der Pumpälz ist der Sage nach ein rauhaariger Kobold, der all denen in den Nacken springt und dabei Ohrfeigen gibt, die wichtige Dinge unseres Zusammenlebens zu leicht nehmen und das Finstere suchen.

Der Pumpälz...

Der Pumpälz...

Das ist ja eine feine Vorstellung und ich beginne so zu lachen, dass ich über lange Zeit gar nicht mehr aufhören kann. Ich stelle mir den Pumpälz in allen möglichen Lebenslagen vor. Ach, wünscht sich nicht jeder einen Pumpälz? Ich wüsste ihn für eine Menge Leute… Das Dumme daran ist nur, wer weiß denn, wen der Pumpälz in der jeweiligen Situation anspringen würde. Vielleicht landet er ja auch im eigenen Nacken! Und dann stelle ich mir vor, wie es den ungeeinten Konfessionen mit dem Pumpälz gehen würde. Würden wir wissen, auf wessen Schultern er springen würde? Wer würde denn hinter die Ohren kriegen? Einzelne? Alle? Jeder für seine eigene Beteiligung an dem Dilemma? Können wir das wissen? Natürlich weiß jeder, dass aus eigener subjektiver Sicht der Pumpälz auf die Schultern des jeweils anderen gehört. Ja der Pumpälz. Das wäre doch was, oder? Dann wüssten wir wenigstens…und die Schuldigen wären rasch bestraft. 🙂

Irgendwann kann ich mich wieder beruhigen und meine Gedanken schweifen wieder ab zu …“Im Leben ist das Heil!“ Ich erinnere mich an ein Zitat von Christoph Kolumbus über die Ureinwohner Amerikas, das ich gelesen hatte, als ich meinem Neffen bei seiner Englisch-Hausarbeit über die Rechte der amerikanischen Ureinwohner unterstützte.

Christopher Kolumbus sagte über die Indianer: „Sie sind die besten Menschen auf der Welt und vor allem die sanftesten – ohne Wissen davon, was das Böse ist – weder morden noch stehlen sie…Sie lieben ihren Nächsten wie sich selbst und haben die süßeste Redeweise in der Welt, sie lachen immer.“ Aber dann fügte er hinzu: „Sie würden gute Sklaven machen. Mit fünfzig Mann könnten wir sie alle unterwerfen und dazu bringen, dass sie alles tun, was wir wollen.“  In dem Buch las ich auch, dass es das Ziel der Indianer war, ein großes Niemandsland zu haben. Ein Land, das jeder nutzen kann, der es gerade braucht. Der es hinterher wieder freigibt. Der keinen Besitz hat außer dem, was er gerade braucht. „3.Mose 25,23: 23 Besitz an Grund und Boden darf nicht endgültig verkauft werden, weil das Land nicht euer, sondern mein Eigentum ist. Ihr lebt bei mir wie Fremde oder Gäste, denen das Land nur zur Nutzung überlassen ist.“

Als ich das damals las, war ich erschüttert. Die Ureinwohner lebten dort so, wie Jesus es uns vorgeschlagen hatte! Ja, auch im Leben ist das Heil!“ Und da kommt dieser Christ Kolumbus, geboren in dem Christenland Italien und im Auftrage des Christenlandes Spanien und sagt so was krass Liebloses und Unchristliches! Mal ganz nebenbei, doch ein klarer Fall für den Pumpälz, oder? Ich meine, inwieweit leben wir wirklich das Wort Jesu Christi? Wieviel Pumpälze hätte eigentlich jeder von uns auf seinen Schultern? Wieviele Legionen müsste es davon geben? Ist ein Pumpälz eine Lösung – es gäbe ihn, wenn es eine gute Lösung wäre… Das Problem ist nämlich: Man kriegt Ohrfeigen, aber wofür jetzt genau? Gottes Wege sind besser, eindeutiger!

Pilgerinnen auf dem Ökumenischen Pilgerweg

Das geht mir durch den Kopf, während wir laufen…Im Leben ist das Heil!…Aber auch hier bei uns geht es darum. Hier ist das Leben, hier kann das Heil sein. Hier können wir uns anschauen, inwieweit wir das selbst verinnerlicht haben. Wie wir gemeinsam in unserer Gruppe klarkommen. Wir gehören jeder einer anderen Konfession an und werden nun für 10 Tage alles gemeinsam machen.

Rennsteig und Ökumenischer Pilgerweg verlaufen hier miteinander

Auf der Sängerwiese machen wir eine Pause und ruhen aus. Es wird Kaffee gekauft und etwas zu essen. Renate sagt mit bester Laune zu der Bedienung: „Schön haben Sie es hier!“ Die genervte Antwort: „Das nützt nichts, wenn es nichts einbringt!“ Ooops.

Nach einer Weile erreichen wir den Rennsteig, der durch ein großes, weißes R gekennzeichnet ist. Es gibt ihn für Radfahrer und Fußgänger. Wir entdecken, die Fußgänger gehen immer über den Berg, die Radfahrer außenrum. Bald tun wir so, als wären wir Radfahrer…es ist unser erster Tag, ich bitte um Nachsicht. Was für ein schöner Weg ist das heute! Wir genießen den Wald, die Geräusche und langsam beruhigen sich meine Gedanken über Pumpälz und all das. Das Leben ist schön!So gegen 16 Uhr treffen wir auf das erste Schild „Hütschhof“. Wir sind nicht nur richtig, sondern auch bald da! Das ist gut so. Es gibt so viele Eindrücke und ein erster Pilgertag für Neue braucht auch seine Ruhephasen. Zum Glück geht es jetzt weitestgehend bergab. Wir haben den Wald verlassen und laufen durch Felder, haben wieder Horizont und freuen uns an der Natur der Jahreszeit. Ja, es muss so sein, Gott liebt die Welt. Er hat sie nicht nur zweckmäßig, sondern auch schön erschaffen. Und da, wo man ihn machen lässt, bereitet er uns immer wieder eine bunte Freude.

Blühender Frühling - Gott liebt die Welt

Von Renate

Uns sind viele helfende Menschen begegnet. Auf dem Weg nach Oberellen verlor ich meine Mütze, ohne es zu bemerken. Plötzlich hielt ein Auto an,und der Fahrer fragte mich,ob ich meine Mütze vermissen würde? (Warum fragt er mich, wir waren doch 5 Frauen ). Da ich einfach so kaputt war, um zurück zu laufen, bot er sich an, mir meine grüne Mütze von der Grünen Wiese zu holen, toll. Er bekam von mir ein Lächeln und den Namen „Engel des Weges“. Gabriele hatte uns gerade erst von diesen helfenden Menschen berichtet. Und so ging es täglich weiter, viele liebe, helfende Menschen kreuzten unseren Weg.

Weiter von Gabriele

Gegen halb fünf erreichen wir unser Ziel Hütschhof. Auf Pferde und Ziegen und Katzen treffen wir zuerst. Ein Weilchen suchen wir, bis uns ein Einheimischer zu dem Haus mit dem Schmitz auf dem Klingelschild führt. Frau Schmitz führt uns zu einem kleinen, weißgestrichenen Anbau und zeigt uns alles. 3 Holz-Stockbetten, zwei Tische, genug Stühle für uns, eine Küchenzeile, unser Essen im Kühlschrank und ein Bad. Exzellente, alles da! Vor dem Anbau stehen Tische und Stühle und zwei Liegen. Super. Hier kann man vom Pilgrim zum Chillgrim werden.

Chillgrims

Als Erstes kochen wir uns einen schönen Früchtetee und setzen uns in die Sonne. Danach beginnen die  Pilgerroutinen, ich leite ein wenig die Neupilger an. Das Programm besteht aus Duschen, Wäsche waschen, kochen, essen, abwaschen und unserem abendlichen Gespräch. Wer zwischendurch Zeit hat, kann sich draußen ein wenig an die Luft setzen, auch wenn es inzwischen etwas windig ist. Lesya und ich kochen. Lesya hat Buchweizen mitgebracht und gestern haben wir Tofu und Tomatensauce gekauft, es gibt also Buchweizen Tofunaise. Das schmeckt besser, als es klingt und wir schaffen es nicht einmal! Aber wir merken: beim nächsten Mal müssen wir auch was Süßes einkaufen. Private Vorräte kommen auf den Tisch, es wird christlich geteilt. Monika stiftet eine Tüte M&M’s, Lesya Trockenaprikosen. Renate und Monika waschen hinterher ab. Dann ist alles wieder schick und schön, und alle erzählen von ihrem Tag.

In der Herberge liegt eine Bibel aus. Wir nutzen die Gelegenheit und jeder zieht sich eine Bibelstelle  aus dem Bibelsäckchen mit der Frage: Was hält mich selbst von der Einheit ab? Ich ziehe eine Bibelstelle aus der Offenbarung 3, 2 Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott.

Oops, landet der Pumpälz da gerade auf meinen Schultern?

Der Tagesabschluss beginnt mit der heutigen Lesung:

EVANGELIUM                                                                             Joh 15, 18-21

Ihr stammt nicht von der Welt, sondern ich habe euch aus der Welt erwählt

+Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

18Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat. 19Wenn ihr von der Welt stammen würdet, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben. Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. 20Denkt an das Wort, das ich euch gesagt habe: Der Sklave ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen; wenn sie an meinem Wort festgehalten haben, werden sie auch an eurem Wort festhalten. 21Das alles werden sie euch um meines Namens willen antun; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat.

Er hat alle von uns hierher gewählt. Ungeplant sind mit uns hie die vier größten Konfessionen in Deutschland hier vertreten: Evangelisch, katholisch, orthodox und neu-apostolisch. Daher sind wir alle gehalten, miteinander auszukommen. Lasst uns beten: Ein gemeinsames Gebet für die Einheit unter uns und zur friedlichen Lösung entstehender Gruppendynamik-Probleme und  am Ende Luthers Abendsegen aus dem Pilgerbüchlein für den ökumenischen Pilgerweg, das wir in der Pilgerherberge vorfanden:

Luthers Abendsegen

Wir danken Dir, Herr Gott,
himmlischer Vater,
durch Jesum Christum,
Deinen lieben Sohn,
dass Du uns diesen Tag
gnädiglich behütet hast,
und bitten dich,
Du wolltest uns vergeben alle unsere Sünde,
wo wir Unrecht getan haben,
und uns diese Nacht gnädiglich auch behüten,
denn wir befehlen uns,
unseren Leib und Seele
und alles in Deine Hände.

Dein heiliger Engel sei mit uns,
dass der böse Feind keine Macht an uns finde,
um Deines Sohnes Jesu Christi,
unseres Herrn, willen.

Eine Spinne stört die die beginnende Nachtruhe…dann war Ruhe. In der Nacht prüfe ich mich immer wieder und bitte darum, dann nun auch wach zu werden, um zu erkennen, was ich denn anders machen muss, was denn nun so unvollkommen an meinem Tun ist. Irgendwann kehrt Frieden ein, als ein liebevoller Gedanke mich erreicht. Es ist genau andersherum: dieser Satz  trennt mich von der Einheit, von mir selbst. Ich denke immer, ich tue nicht genug oder nicht das Richtige, die ewige Leistungsfalle, die ich schon so lange kenne und nun immer noch auf Gott projiziere. Mich trennt empfundener Leistungsdruck von der Einheit.

29. Mai 2011: Hütschhof bis Dorndorf

5 Jun

Von Gabriele

Um sieben Uhr klingelt der Wecker, es ist ja Sonntag. Ich schnappe mir das grüne Heftchen mit den Gebeten für den Ökumenischen Pilgerweg und lese Luthers Morgensegen:

Ich danke Dir, mein himmlischer Vater durch Jesus Christus,
deinen lieben Sohn, dass Du mich diese Nacht
vor allem Schaden und Gefahr behütet hast,
und bitte Dich, du wolltest mich diesen Tag
auch behüten vor Süden und allen Übel,
dass all mein Tun und Leben gefalle.

Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele
und alles in Deine Hände.
Dein Heiliger Engel sei mit mir,
dass der böse Feind keine Macht an mir finde.

Wir haben eine weite Strecke heute! Einige springen schnell aus den Betten, andere bleiben liegen. Nach Pilgermanier haben wir ja alle gestern geduscht, da ist morgens nur kurze Wäsche dran. Wir bereiten das Frühstück vor und decken den Tisch. Erst gegen 8 Uhr setzt sich die letzte an den Tisch. Es ist gemütlich bei uns, wir haben uns schöne Sachen besorgt, so gefällt es uns. Jeder macht sich für unterwegs Stullen, nur für Anina bleibt zuwenig übrig. Irgendjemand muss sich besonders viele Stullen gemacht haben, zwei Scheibchen sind nur noch für sie da. Schade auch!

Zügig waschen wir ab und die Rucksäcke werden gepackt. Die Verpflegung muss jetzt für heute Abend auf die Rucksäcke aufgeteilt werden. Ich packe mir mal den Löwenanteil ein, mein Rucksack und ich sind ein eingespieltes Team, aber für die anderen wird es heute eine lange Etappe. Das geht aber nicht anders, denn es gibt keine Übernachtungsmöglichkeit zwischen Wünschensuhl und Oberzella/Vacha und wir wollen sogar bis Dorndorf.

Meine Geduld wird strapaziert: um halb zehn liegen noch immer die Sachen einer Teilnehmerin herum und sie packt mit einer Langsamkeit, die mir persönlich die Nackenhaare aufstellt. In mir zickt es…hätt sie ja auch früher aufstehen können… Ich mahne zum zügigen Aufbruch, doch erst 10 vor 10 sind wir auf dem Pilgerweg.

Kirche des Waldes

Ich sehe eine in einen Baumstamm geschnitzte Kirche. Ein schönes Sinnbild für unseren heutigen Tag. Der Wald wird unsere Kathedrale sein, wir beten mit den Füßen. Die Luft ist angenehm frisch, der Weg geht bergab, alle sind hochmotiviert und haben Freude am Laufen.

Auf dem Weg nach Oberellen

Wir erreichen offene Felder kurz vor dem Dorf. Anina pflückt Feldblumen und beginnt, sich einen Kranz flechten. Der Mohn und die Kornblumen leuchten intensiv, die Margaritten sanfter. Schön! In Oberellen befindet sich die letzte Gaststätte des Tages, aber wir haben ja erst gefrühstückt und daher geht es gleich weiter in Richtung Wünschensuhl, ordentlich den Berg hinauf. Noch sind wir in der Region Thüringer Wald, es ist noch sehr hügelig. Je höher wir kommen, umso prachtvoller wird die Sicht, weitet sich unser Horizont wieder. Das Getreide beugt sich in Wellen mit dem Wind wie ein Meer. Gottes Welt – ein einziger Genuss hier. Bald erreichen wir den Waldrand. Wir haben den größeren Teil dieses Aufstiegs gemeistert.

Blick zurück auf Oberellen

Es wird langsam warm und so ist es sehr angenehm, durch den frisch duftigen Wald zu wandern. Überall kleine Blumen. Nach einer Dreiviertelstunde erreichen wir Wünschensuhl. Alle haben Kaffeedurst, aber gibt es was in Wünschensuhl? Aber der Name sagte es ja, wünschen wir uns einen hier! Wir halten an und ich spreche ein kleines Bittgebet, dass er uns hier Rast und einen Kaffee schenkt. Die Straßen und die Gärten sind weitestgehend leer, ein geruhsamer Sonntagvormittag.

Auf der Straße vor uns sehe ich eine Frau. Neben dem Kaffee haben wir noch eine weiteres Bedürfnis: Wasser.  Es gibt unterwegs keine weitere Wasserquelle. Ich frage sie, ob sie uns für unsere Trinkflaschen Leitungswasser geben könnte. Sie nimmt uns mit und gibt uns weiter an ihre Mutter, die dort Wäsche aufhängt. Die ist unglaublich freundlich und bietet uns sogar Mineralwasser mit Kohlensäure an. Wir nehmen dankbar an und füllen unsere Flaschen. Sie weist auf den Sitzplatz und fordert uns auf, doch uns bei ihr ein wenig auszuruhen. Wieder nehmen wir dankbar an. Kurz darauf fragt sie uns, ob wir gern was zu essen hätten. Ich fasse mir ein Herz: „Etwas zu Essen brauchen wir nicht, aber wenn Sie uns einen Kaffee machen könnte, das wäre für uns himmlisch.“ Und so kommen wir in Wünschensuhl zu unserem gewünschten Kaffee und einer liebevollen Aufnahme. Liebe, liebe Frau Brandau, herzlichen Dank! Wir dürfen auch unser 3. Bedürfnis befriedigen und gehen eine nach der anderen.

Und unsere „Langsame“ braucht auch – für mein persönliches Gefühl – unendlich lange, hat dort sogar ihre Kaffeetasse dabei. Mein innerer Kilometerzähler rotiert… Erst nach weit mehr als einer Stunde können wir aufbrechen. Wir bedanken uns herzlich für all das Gute! Wieder gibt es einen neuen Aufstieg, aber als wir dann am Waldrand ankommen, sind unsere Markierungen weg. Oooops…Verlaufen! Auch das noch. Wo haben wir da nicht aufgepasst? Ich setze meinen Rucksack ab und laufe schnell den Weg nach rechts bis zum nächsten Weg. Die anderen wollen solange Fotos von Anina mit ihrem Kranz machen. Nach ein paar hundert Metern merke ich, das ist nicht die richtige Richtung und drehe um. Also an unserer Abzweigung nach links.

Von der Fotosession

Als ich zurückkomme, ist die Fotosession in vollem Gange.  Es sieht auch wirklich sehr hübsch aus. Währenddessen kommen zwei Männer vorbei, ein Radfahrer und ein Mopedfahrer. Ich halte beide an und erkundige mich nach dem Weg. Der zweite kennt sich aus: Ja, es geht nach links. Die Fotos von Anina sind fertig, aber jetzt will auch noch eine andere Teilnehmerin fotografiert werden. Dann geht dabei auch noch ihre Brille verloren, die gesucht werden muss. Unsere Zeit läuft und läuft und wir haben noch viele, viele Kilometer vor uns und meine Pilgerinnen sind nicht alle die allerfittesten. Ich mache mir langsam Sorgen, wie wir diese Distanz heute noch schaffen wollen und trotzdem zur vereinbarten Zeit in der Wanderherberge ankommen wollen. Als wir unseren erste Wegmarkierung des ökumenischen Pilgerweges wiederfinden, da ist es schon halb drei. Besser  wären wir vor 2 Stunden hier gewesen.

Wieder auf dem Ökumenischen...

Pilgern heißt es jetzt- wir müssen einen Zahn zulegen! Daher mache ich eine Ansage zur Orientierung. Es sind noch ca. 20 km. Aber bald reißt es wieder zwischen uns ab, hinten ist schon bald keiner mehr zu sehen. Es brodelt in mir. Anina macht kurzerhand ihren iPod an und tanzt den Weg entlang. Und auch ich entschließe mich, mir hilft jetzt nur noch eine Messe – die Misa Andina, die ich auf meinem Handy habe. Das ist eine lateinamerikanische Messe für Chor und Folklore-Instrumente wie Panflöte, Zampoña, Charango, Gitarre und Percussion. Ich gewinne innere Balance dadurch und komme so geistig wieder in die schöne Welt zurück. Messe mitten im Wald, geht doch: Gloria al Dios en las Alturas! Ehre sei Gott in der Höhe!

Immer wieder müssen wir warten, und wenn die anderen aufgeschlossen haben, dann wollen sie natürlich auch ihre Pause haben, die wir hatten, als wir gewartet haben. Erste Blasen werden gefühlt. Der Waldweg ist wunderschön, wir wandern auf der Napoleonroute und dem Lulluspfad. Im Zickzack geht der Weg durch den Wald und Kilometer für Kilometer geht es weiter. Es wird später und später. Nur nicht verrückt machen lassen, davon ist keinem geholfen. Wir pausieren wieder und besprechen kurz die Situation. Ich schlage vor, dass die, die morgens am längsten brauchen, als erste aufstehen, damit wir ab jetzt zeitig aufbrechen können.

Auf dem Weg schaue ich überall auf den Abzweig nach Dorndorf. Als er dann kommt, bin ich etwas überfordert. Denn es geht drei Richtungen nach Dorndorf. Nach meiner Karte aus dem Pilgerführer müßte der Weg über die Kammbachmühle der kürzeste sein. Wir müssen ja auch noch über die Werra. Also rufe ich in der Wanderherberge an. Der Hospitalero ist entsetzt und stinkig, als er hört, wo wir jetzt sind. Und er sagt: Auf keinen Fall zur Kammbachmühle, die Werrabrücke da ist nicht passierbar. Ok, doch über Oberzella, obwohl das jetzt in die andere Richtung geht. Und die Gefahr, dass der Typ da einfach abhaut, wenn das hier mit uns noch lange dauert. Was mach ich DANN?

Ich bete um eine Lösung, ein Wunder. Von meinem Jakobsweg in Spanien kenne ich eine „Wunderhymne“, die ich dort bei einem Taufgottesdienst kennengelernt habe. „El señor nos hace maravillas, Gloria al señor!“ Ich singe sie ein paar Mal. Da kommt die rettende Idee. Ich hole mein Handy raus und bitte Anina, damit die Auskunft anzurufen und sich ein Taxiunternehmen in Vacha geben zu lassen, während ich versuche herauszufinden, wo wir jetzt genau sind. Wir schaffen es, ein Taxi nach Oberzella zu lotsen, was uns auf dem Pilgerweg abholt. Unser Blasenopfer ist erleichtert und kann wieder besser laufen. So flitzen wir das letzte Stück bis zum 1. Haus in Oberzella. Das Wunder in Form eines Großraumtaxis ist wirklich da. Und ich denke: wirklich ein Wunder an einem Sonntagabend. Der superfreundliche Fahrer erklärt uns gleich die Gegend. Und noch eine Idee: Bitte gleich morgen früh uns wieder in Dorndorf abholen und nach Vacha bringen. Das mach ich nicht nochmal mit. Der Fahrer telefoniert und jawohl, er kommt uns morgen um 8 Uhr abholen. Prima.

Der Hospitalero von Dorndorf sitzt mit einem Buch vor der Herberge und guckt ganz schmal. Natürlich entschuldige ich mich für uns. Dann zeigt er uns die Herberge – und die ist richtig schön! Ein schöner Schlafraum, ein sehr sauberes Bad, eine gut ausgestattete Küche. Lesya und ich kümmern uns um das Essen, das richtet sich gerade so ein. Wir dürfen dann nach dem Essen die Füße hochlegen bzw. duschen. Es gibt wieder Buchweizen und dazu eine Ratatouille-Sauce. Wir kommen sogar zwischendurch schon zum Duschen. Wir merken, dass wir ganz viel im Kühlschrank im Hütschhof stehen gelassen haben müssen. Aber ok so. Jetzt weiß jeder, dass er mitschauen, sich mitkümmern und auch mittragen muss. Das Essen gelingt uns gut und wir essen draußen an den Holztischen bis zum Sonnenuntergang.

Im Schlafraum wollen wir nun noch unser geistiges Abendprogramm durchführen und vor allem Beten, doch eine fehlt und braucht eine Stunde im Bad. Wir anderen beten um bessere gemeinsame Koordination in der Gruppe, wir beten um Lösungsmöglichkeiten für unsere Probleme, um Geduld und um Teamgeist, wir beten für gesunde Füße und um Einheit untereinander und natürlich für die Einheit der Christen. Wir danken für alles Gute, das wir erlebt haben und all Menschen, die uns weitergeholfen haben. Wir singen auch noch ein wenig. Friede kehrt ein. Danke!

EVANGELIUM                                                                             Joh 14, 15-21

Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: 5Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. 16Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. 17Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. 18Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch. 19Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet. 20An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch. 21Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

Lehre des Tages: Eine klarere, deutlichere Ansage wäre besser gewesen. Morgen!

Und: Wunschgebete können ganz schnell in Erfüllung gehen.

30. Mai 2011: Von Dorndorf über Vacha nach Geisa/Point Alpha

5 Jun

Von Gabriele

Als Morgengebet gibt es heute ein  Gedicht eines südafrikanischen Autors über das langsame Gehen als Vorbereitung für unsere heutige Überquerung der Brücke der Einheit:

Lass mich langsamer gehen, Herr,
entlaste das eilige Schlagen meines Herzens
durch das Stillwerden meiner Seele.

Lass meine hastigen Schritte stetiger werden
mit dem Blick auf die weite Zeit der Ewigkeit.

Gib mir inmitten der Verwirrung des Tages die Ruhe der ewigen Berge.

Löse die Anspannung meiner Nerven und Muskeln
durch die sanfte Musik der singenden Wasser,
die in meiner Erinnerung lebendig sind.

Lass mich die Zauberkraft des Schlafes erkennen, die mich erneuert.

Lehre mich die Kunst des freien Augenblicks.
Lass mich langsamer gehen, um eine Blume zu sehen,
ein paar Worte mit einem Freund zu wechseln,
einen Hund zu streicheln, ein paar Zeilen in einem Buch zu lesen.

Lass mich langsamer gehen, Herr, und gib mir den Wunsch,
meine Wurzeln tief in den ewigen Grund zu senken,
damit ich emporwachse zu meiner wahren Bestimmung. Amen.“

Heute stehen alle zeitig um 7 Uhr auf. Unser Großraumtaxi wird um 8 Uhr vor der Tür stehen, bis dahin muss jeder seinen Rucksack gepackt haben und abreisefertig vor der Tür stehen. Kaffee wird schnell gemacht, damit jeder wach werden kann. Heute klappt es, keiner will das Taxi warten lassen. Gefrühstückt wird heute nicht in der Herberge, sondern in Vacha auf dem Marktplatz. Dort ist eine Bäckerei mit ein paar Tischchen vor der Tür. Das ist relativ günstig und zügig und kein Abwasch für die Pilger. Unser Taxifahrer bringt uns direkt zum Marktplatz. Zum Glück werden die Tische vor der Bäckerei gerade frei und so können wir bei schönstem Sonnenschein jeder frühstücken, was sein Herz begehrt. Die Bandbreite reichte von Pizza über Knusperstangen zu Sahnetorte und Heiße Schokolade. Wir fragten noch in der Bäckerei, ob wir unsere Rucksäcke ein wenig dort lassen könnten, bis wir von der Brücke der Einheit zurück wären. Man verwies uns auf das Rathaus schräg gegenüber.

Vacha Markt: Frühstück ist hier Freustück

Wir gingen auf die Tür des Rathauses zu, um dort jemanden zu suchen. Dort sprach uns eine Frau an, die sich gerade vor der Tür mit einer Anderen unterhielt. Ja, wir könnten die Rucksäcke abgeben, sie führte uns zum Sekretariat. Auf dem Weg dorthin zeigte sie uns in der Eingangshalle die Wandbilder und wies besonders auf eines, von dem Sie sagte, es sei während der DDR-Zeit verdeckt gewesen:

Dem Mutigen ist kein Weg verschlossen - vor der Wende war der Spruch verhängt

OK, das durfte natürlich in dieser Zeit nicht sein. Das damalige Feindesland war nur einige Meter entfernt, eine solche Aufforderung konnte nicht stehen gelassen werden. In Vacha beginnt der Fränkische Jakobsweg, in Vacha lebte auch Hermann Künig von Vach, ein Servitenmönch. Er hat Ende des 15. Jahrhunderts den ersten deutschen Pilgerführer verfassT: Die Straß zu Sankt Jakob. Auf diesen Menschen traf der Spruch bestimmt zu.

Wir durften unsere Rucksäcke im Sitzungssaal abstellen, danach wurde die Toilette frequentiert. Ich weiß nicht, warum, aber es dauerte und dauerte. Irgendwie war auch Streit entstanden. Äußerlich erleichtert aber innerlich in Aufruhr verließen einige das Rathaus. Auf dem Weg über den Marktplatz eskalierte der Konflikt. Oh nee, dabei waren wir gerade unterwegs zur Brücke der Einheit, um uns dort über den Weg zur Einheit inspirieren zu lassen. Aber vielleicht braucht man erst Uneinheit, um diesen Weg zu entdecken. Die Brücke der Einheit verbindet – die Werra  mit 11 Bögen überspannend – das thüringische Vacha mit dem hessischen Phillipstal. Die uralte Handelsstraße Via Regia führte hinüber, sie ist seit 1186 erwähnt. Seit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung am 3.10.1990 ist sie als Brücke der Einheit bekannt. Hier wollen wir als geistige Übung eine Gehmeditation durchführen.

Brücke der Einheit zwischen Vacha und Phillipstal

Wir laufen zunächst über die Brücke, um dann wieder auf Vacha zu – mit dem Kirchturm im Blick – zurückzulaufen. Auf der anderen Seite treffen wir auf das Haus auf der Grenze. In diesem Haus war während der deutschen Teilung nur die Westseite bewohnt, in der Ostseite durfte niemand wohnen. Die Grenze ging direkt durch das Haus. Auch ein Symbol für die Kirchenspaltung – eine Grenze geht direkt durch das Haus Gottes.

Bild einfügen

Das Haus auf der Grenze

Um uns auf die Gehmeditation auf der Brücke der Einheit vorzubereiten und um Inspiration für die „Brücke zur Einheit“ für die Christenheit zu bitten, beteten wir gemeinsam ein Vaterunser und sangen ein Lied zum Heiligen Geist „Atme in mir, Du Heiliger Geist“. Dann gingen wir eine nach der anderen los über die Brücke, das geteilte Haus hinter uns lassend.

Von Renate

In Vacha sind wir ganz langsam und besinnlich über die „Brücke der Einheit “ gelaufen. Dies war  für mich ein erhabenes ein verbindendes Gefühl. Es war wieder da „Ich bin ein Teil der gesamten Schöpfung“.

Weiter von Gabriele

Das habe ich  erlebt: Zunächst fiel mir ein Schwarm von weißen Vögeln auf, die in mit vielen Kurven relativ schnell durch die Häuser flogen. Sie wirkten ohne Hierarchie, es gab keinen Anführer. Es war, als ob eine innere Kraft, eine innere Verständigung sie als Gruppe zusammenhielt, die Flugrichtung vorgab und vor Kollisionen schützte. Ein interessantes Bild.

Auf der Brücke der Einheit zur Einheit der Kirche

Auf der Brücke der Einheit zur Einheit der Kirche - das Dreifaltigkeitssymbol zur Anschaulichkeit per Computer eingefügt - am Himmel wieder ein Kreuz

Als nächstes habe ich eine innere Wahrnehmung. Vor mir steht das Dreifaltigkeitssymbol, die drei ineinander übergehenden Kreise,  in der Luft und ich soll es einatmen, damit ich es ausatmen kann. Das tue ich dann auch eine Weile und dann kommt die Erkenntnis in mir: Jeder, der zur Einheit beitragen will, ist gehalten, in sich die Einheit mit Gott herzustellen, damit er im Außen auch die Einheit ermöglicht. Wir können es nicht allein. Indem wir Gott verinnerlichen durch Bereitschaft zur Einheit mit ihm, wirkt er Einheit zwischen uns. Einheit beginnt mit und in uns selbst. Mit ihm und in ihm und durch ihn. Es heißt, der Camino beginnt an der eigenen Haustür. Die Einheit beginnt in und bei uns selbst. Nur dort sind wir zuständig.

Johannes 17, 21 – 23:

Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.  Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich.

Dann kommen Worte: „Die Einheit ist der Schlüssel. Jeder Tag, an dem sich die Kirche nicht eint, ist ein verlorener Tag….verlorener Tag….verlorener Tag.“ In diesem Moment fliegt ein schwarzer Vogel vor mir über die Brücke und in mir entsteht die Assoziation: Solange die Kirche nicht eins ist, darf die dunkle Kraft durch die Lande streifen. Wir können unseren Beitrag dazu leisten, es zu beenden.

Mt 5,13 "Ihr seid das Salz der Erde" - das weiße im Hintergrund ist der Salzberg

Mt 5,13 "Ihr seid das Salz der Erde" - das Weiße im Hintergrund ist der Salzberg

Als nächstes fällt mein Blick nach rechts und ich sehe in der Entfernung einen hohen Salzberg. Es kommen die Worte: „IHR seid das Salz der Erde“.

Dann fällt mein Blick nach links und ich sehe über der Werra die strahlende Sonne: „IHR seid das Licht der Welt“

Mt 5,14 "Ihr seid das Licht der Welt"

Mt 5,14 "Ihr seid das Licht der Welt" - im Kreuz

Wenn wir Christen – die Bergpredigt im Alltag lebend – alle als Salz der Erde und das Licht der Welt wiedervereint in einer Richtung wirken als ca. 2 Milliarden Menschen auf der Welt und damit ca. 1/3 der Menschheit! Gott wahrhaftig in uns und wir in ihm – ja, dann kann sich unsere Erde gewaltig verändern und Gottes Reich Wirklichkeit werden.

Ich bitte nochmals: „Atme in mir, Du Heiliger Geist, damit ich Einheit spüre!“ Und dann gibt es wieder neue Worte: „Einheit mit den Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft! Einheit mit der Schöpfung, Einheit unter den Menschen – Die Liebe ist weit!“ Das fühlt sich gut an, erstrebenswert! Ja, alles ist Eins. Am Ende der Brücke angekommen bekreuzige ich mich und komme dabei zu einem Satz, den ich irgendwo her kenne: „Mögen Himmel und Erde und alle meine Nächsten auf dieser Erde sich hier in meinem Herzen in Liebe vereinen.“ Mein Herz geht auf und glüht.

Der „weise“ Pavillon neben der Brücke

Wir treffen uns nach und nach in einem kleinen Pavillon neben der Brücke, warten, bis auch die letzte da ist und erzählen von unseren Erlebnissen. Das Erstaunliche: In dem Pavillon gibt es neben diversen Handynummern und anderen Grafittis zwei Sprüche, die sehr gut für die zwei Wege stehen, die den Christen (und auch uns auf dem Weg hier) zur Auswahl stehen. Zum einen:

Vom Richten....in ganz moderner Sprache

Wir können einander beurteilen: Du siehst das und das falsch und daher kann ich mich nicht mit dir vereinen bzw. vertragen und versöhnen. Wir können uns in theologische Diskussionen und Lehrmeinungen verfangen über unterschiedliche Auffassungen, unterschiedliche Sicht der Sakramente. Wir können ringen um Worte und Vereinbarungen, bei dem jedes einzige Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Hier steht allerdings gleich, was man davon halten kann. Oder wir können den Weg wählen, den Jesus uns als das höchste Gebot genannt hat:

Die Alternative....ebenfalls auf neudeutsch

Ich muss ähnlich lachen wie beim Pumpälz gestern. Dieser Weg, wenn man auf die kleinen Dinge achtet, hat eine ganz eigene Weisheit… Das einzige Problem, welches entsteht, ist: Die Zeit  verrinnt unaufhörlich, weil einzelne sich von der Gruppe absondern müssen und wir nicht zum Ende kommen. Wir müssen heute auch noch loslaufen. Es ist schon halb elf und wir haben noch ca. 25 km zu laufen, die Sonne scheint und es wird gerade richtig heiß.

Ach, so meinst Du das auch mit der Wiedervereinigung, lieber Gott? Ja, die Zeit verrinnt und verrinnt wegen der Absonderungen und es geht und geht nicht weiter… Stimmt schon, danke für den Hinweis.

Also mal einen Zahn zulegen, ab zum Rathaus und die Rucksäcke geholt. Ich schicke die anderen in die Kirche am Friedhof, das ist eine alte Klosterkirche des Servitenordens. Selbst flitze ich schnell zur Buchhandlung, um uns für unsere Pilgerpässe die Stempel von Vacha zu holen. Gut, dass ich dorthin ging! In der Buchhandlung ist der Schlüssel für diese Kirche geparkt. Ich nehme ihn mit, damit wir sie besichtigen und uns dort von Anina verabschieden können, die uns nun verlassen muss. Wir beten noch zusammen in der Kirche. Anina bringt uns als Andenken ein Lobpreis-Lied aus Afrika bei. Wir singen zusammen, umarmen sie, dann nehmen wir voneinander Abschied. Sie geht zum Bus, der sie zum nächsten Bahnhof bringt. Schade, dass sie nicht bleiben kann! Schnell geht es für mich wieder zurück zur Buchhandlung, den Schlüssel wieder abgeben und meinen Rucksack, der als Pfand dort blieb, wieder schultern. Endlich, es ist halb zwölf, verlassen wir Vacha auf dem Jakobsweg. Ein wolkenloser Himmel ist über uns, ein wundervoller Weg liegt vor uns. Es geht weitab der Straße durch die Felder, linkerhand ein Berg, rechterhand ein langgestrecktes Tal.

Endlich auf dem Jakobsweg - spanische Temperaturen haben wir auch!

Endlich auf dem Jakobsweg - spanische Temperaturen haben wir auch!

Wir durchqueren Sünna und Mosa, dann erreichen wir nach ca. 10 km einen kombinierten Wander- und Radweg. Es sind über dreißig Grad. Auf dem Radweg finden wir ein Hinweisschild auf eine Gaststätte. Wir hoffen auf ein schönes Kaltgetränk und finden so nach Mieswarz. Doch eine offene Gaststätte finden wir nicht, stattdessen eine Bushaltestelle. Renate ist schon sehr erschossen und entschließt sich für heute, unsere gestrige Lösung noch einmal zu probieren. Wir lassen uns einen Taxidienst in Geisa geben, dem nächsten größeren Ort. Taxiruf gibt es, aber leider kein Taxi. In meinem Handy habe ich noch die Rufnummer von gestern, der Taxidienst aus Vacha. Der kennt uns noch und schickt ein Taxi nach Mieswarz. Monika entschließt sich auch, mit dem Taxi mitzufahren. Lesya und ich freuen uns, dass wir unsere Rucksäcke mitgeben können. Wir packen meinen kleinen Rucksack mit Wasser und der restlichen Verpflegung voll und machen uns wieder auf den Weg.

Mohnwiese

Die Mohnwiesen malen rote Flecken in die Landschaft

Ohne Rucksack läuft es sich wunderbar. Bald biegen wir ab nach Otzbach und laufen am Waldrand entlang einen fußfreundlichen Weg in Richtung Bremen. Es ist so ein wunderschöner Tag. Auf den Feldern blühen die Korn- und die Mohnblumen, ein leichter Wind wiegt sie, ein herrlicher Blick in dieses sanfte Tal. Was für eine traumhafte Erde wir haben, das erfahren wir hier immer wieder. Des Pilgers Lohn! Diesen Wegabschnitt hätte ich auf keinen Fall missen wollen. Von meinem letzten Mal weiß ich, dass der Jakobsweg ab hier wieder eine riesige Schleife dreht, um auch das letzte Steinkreuz noch stolz vorzuzeigen. Davor hatte mich hier vor zwei Jahren schon jemand gewarnt, daher steigen wir vorfristig ab in Richtung Bremen und weil es dann auch schon 16 Uhr ist, gehen wir trotz Jakobuskirche und Labyrinth nicht mehr nach Bremen hinein, sondern an der Landstraße entlang nach Geisa. Es genügt ja für uns nicht, nur nach Geisa zu kommen. Den Aufstieg nach Point Alpha haben wir ja auch noch auf dem Zettel für heute.

Lesya und ich haben es für den Rucksacktransport übernommen, den heutigen Einkauf zu erledigen. Zum Glück finden wir am Weg einen großen Supermarkt und davor sogar eine mobile Hähnchenbraterei. Damit ist geklärt, was es heute gibt: Es bestand ein großer Appetit auf Obst mit Joghurt bei der Hitze, aber auch ein halber Broiler ist zur Stärkung des Pilgers willkommen. Wir suchen uns wieder die Markierungen und finden hinaus, ohne uns auch Geisa näher angesehen zu haben. Ich kenne Geisa schon, diesmal ist Point Alpha dran. Darauf bin ich schon sehr gespannt und freue mich. Aber hiervor hat in diesem Falle der liebe Gott eine mächtige Mühe gesetzt, denn es geht sehr steil den Berg hinauf. Mittendrin halten wir an, weil uns ganz schön die Pumpe geht. Es ist immer noch ordentlich heiß!

Endlich kommen wir an dem komplett eingezäunten Gelände auf der Bergkuppe an. Point Alpha war in der Zeit des kalten Krieges ein Beobachtungsstützpunkt der US-Alliierten, auf dem Grenzüberwachung und Abhören von Funk stattfanden. Point Alpha sollte vor allem den sogenannten Fulda Gap unter Beobachtung halten, da hier aus geografischen Gründen ein Angriff schnell und leicht möglich gewesen wäre. Ca. 40 Soldaten arbeiteten hier, die regelmäßig ausgewechselt wurden, denn dieser Berg direkt an der Grenze war schon recht einsam.  Von Renate und Monika werden wir herzlich empfangen. Sie sind begeistert! Es ist eine wahrhaft luxuriöse Herberge für uns, sehr bequeme Betten, gut ausgestattete Waschräume, eine Küche. Sie waren schon im Café, haben alles entdeckt und nette Leute kennen gelernt. Während Lesya und ich uns duschen, bereiten die anderen das Abendessen vor und schneiden das ganze Obst. Es sind Erdbeeren, Mango, Birnen und Äpfel, es gibt nur keine Schüsseln, aber beide sind kreativ! Zunächst wird das Hühnchen vertilgt, dann kommt ein großer Obstteller. Herrlich!

Abendliche Pilgerpflicht - Wäsche waschen

Es ist der 3. Pilgertag, gestern sind wir erst spät angekommen, daher greift heute jeder zum Waschmittel und bringt seine Montur auf Vordermann. Als uns die Trockenplätze ausgehen, hängen wir unsere Klamotten in die Bäume, wo alles schnell trocknet. Ich stromere durch  Point Alpha, welches wir an diesem Abend ganz für uns haben. Wir sind allein hier, aber mit dem Zaun drum herum fühlt sich jeder sicher… Damit ist die Besichtigung im Übernachtungspreis mit enthalten. Wir schlafen ja schon in einer ehemaligen Baracke. Es gibt hier viel zu sehen: Panzer, Feldfahrzeuge, Zelte mit Soldatenpuppen, kaputte Hubschrauber (hier war mal das Dach der Fahrzeughalle wegen Schneemassen runtergekommen und hatte die Hubschrauber demoliert). Das ganze Gelände ist eingezäunt, ein großer Beobachtungsturm steht am Ostrand. Jenseits des Zaunes sieht man die Überreste der DDR-Grenzanlage mit Erdbunker, Hundelaufanlage, Beobachtungsturm, Metallgitterzaun, ehemaligen Minenfeldern, Grenzsteinen. Das ist zwar alles schon über 20 Jahre her, aber ich kenne das alles noch in echt – als Berlinerin eben ein immer wiederkehrendes Schreckensmal.

US-amerikanische Überbleibsel in Point Alpha

US-amerikanische Überbleibsel in Point Alpha

Mir kommen zwei Ideen für Bilder, die ich gerne mit den Anderen umsetzen möchte. Einmal habe ich die Sperrlinie entdeckt. Es ist eine rote Linie auf der innenliegenden Straße, die kein Panzer überqueren durfte, es hätte sonst als Grenzprovokation gegolten. Nur Jeeps und kleine Fahrzeuge durften den Wendekreis um den Fahnenmast benutzen. Und ich denke, manche Grenzen muss man einfach überschreiten. Für uns ist der getrennte Tisch auch ein Schreckensmal. Wir sind zu viert miteinander unterwegs, teilen die gleiche Religion, aber nicht Konfession. Wir teilen hier den ganzen Tag miteinander, laufen zusammen, essen zusammen, schlafen zusammen, beten zusammen, aber Jesus gemeinsam in der Eucharistie verinnerlichen dürfen wir nicht.

Die Sperrlinie

Die christliche Sperrlinie liegt im Abendmahl und wir wollen sie überschreiten

Doch wir suchen keine Revolution, wir wünschen uns eine friedliche Öffnung auch dieser Grenzen. Für niemand von uns machen sie einen Sinn. Daher möchten wir allen aus Point Alpha einen Friedensgruß senden, wir hoffen, dass man ihn erkennt (die Idee war wahrscheinlich besser als das Ergebnis…)

P A X - Frieden, Paix, Peace, Paz, Pace

Nach dem Foto klettern wir alle auf den Beobachtungsturm, um in der Abendsonne die Aussicht zu genießen. Geisa liegt vor uns im Tal und Lesya und ich zeigen, wo wir aufgestiegen sind. Der Abend ist total mild und warm!

Geisa im Abendlicht

Beim Heruntersteigen werden wir von einem Mann im Grünmann imit einem langen Stock angesprochen. Er fragt uns, was wir Tanten denn auf dem Turm hinter dem Zaun machen. Renate wechselt ein paar Worte mit ihm, er erzählt, dass er Schäfer ist. Er ist ein einfacher Mann, man merkt es schnell. Da ich solche Menschen von der Obdachlosenarbeit kenne, spreche ich mit ihm und es beginnt ein bemerkenswerter Dialog. Ich frage ihn: „Sind Sie der gute Hirte?“ Er sagt: „Ja, ich hüte die Schafe meines Vater!“ Weiter sagt er: „Ich bekomme kein Geld dafür, nur etwas zum Essen und einen Platz zum Schlafen.“ „Nicht mal ein Taschengeld?“ „Nein!“ Er weist auf seine Schafe und erklärt mir, es sind Rhönschafe.

Ich bin total überrascht und perplex ob dieses Dialogs. So hätte auch Jesus antworten können. Dann fragt er mich nach 2 Euro und sagt, er hätte „Durscht“. Ich habe nichts außer Wasser und biete es ihm an, was er gerne annimmt. Ich laufe schnell zur Baracke, wasche eine kleine Flasche aus und fülle sie mit kaltem Wasser. Dann gehe ich zu ihm zurück, er steht nun an der Stelle mit dem Birkenkreuz.  Ich stecke ihm die 2 Euro zu und werfe ihm die Flasche über den Zaun zu, weil sie nicht durch den Zaun passt. Beim ersten Mal bleibt sie am Stacheldraht hängen, beim zweiten Mal geht sie rüber. Es ist wie damals, als  meine Eltern Zigaretten über den Stacheldraht geworfen haben. Er nimmt beides und geht zu seinen Schafen, er, der gute Hirte auf der anderen Seite des Stacheldrahtzauns. Nicht er war draußen, sondern ich. Das Kreuz steht auf seiner Seite, im Licht, für mich hinter dem Zaun…

Hinterm Zaun der gute Hirte Winfried, der Freund des Friedens - nur das Kreuz steht im Licht

Ich frage ihn, ob ich ein Foto von ihm machen darf. Ich darf, aber kommt nicht sehr nahe heran, er ist mehr nur als ein Schatten auf dem Bild erkennbar. Und ich frage ihn aus alter Pilgergewohnheit nach seinem Namen, manchmal gibt es da bemerkenswerte Aussagen. Er sagt, er hieße Winfried = Friedensfreund (Der Name Winfried ist ein aus den Gliedern „wini“ (Freund) und „fried“ (Frieden) gebildeter germanischer Rufname.) Ich bin erneut perplex. Meine erste Assoziation ist: Der Friede gewinnt. Was haben wir da gerade auf dem Turm dargestellt? Pax – Friede. Was geschieht hier? Der Name des guten Hirten fühlt sich für mich auch an wie eine Prophezeihung: Der Friede wird gewinnen! Er wurde auch mal Friedensfürst genannt…

Gleichzeitig war es interessant, dass er genau 2 Euro sich gewünscht hat. Am Sonntag vor dem Pilgern hatte ich noch gar kein Geld zum Pilgern gehabt, obwohl ich diese Reise nun schon seit so vielen Monaten vorbereitete. In einem Gebet sagte ich zu Gott: „Wenn Du willst, dass ich diese Pilgerreise mache, dann brauche ich bis zum nächsten Freitag 400 Euro.“ Und am Freitag hatte ich: exakt 400 Euro. Die letzten 2 Euro hatte ich von meiner letzten Klientin bekommen, die sagte: „Ich habe momentan kaum Geld, aber ich gebe Dir diese 2 Euro, mehr habe ich nicht.“ Und genau diese 2 Euro hat er gewollt und bekommen. Meine Güte, lieber Gott, hier kriegen wir aber echt etwas geboten… Als ich den anderen mein Erlebnis erzähle, da sind sie ebenfalls perplex und bedauern partiell, nicht auch da geblieben zu sein. Sie hatten innerlich gerichtet und waren weggegangen. Eine von uns hat ihm später eine etwas größere Spende zukommen lassen.

Unser Tag ist noch nicht zu Ende, wir haben noch was vor. Wir wollen uns an diesem prominenten Ort mit der Wiedervereinigung auseinandersetzen. Dafür habe ich das persönliche Mauerfall-Tagebuch  des Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse über die Zeit der Wende dabei, aus den ich vorlese.  Christen und Kirche habe bei der friedlichen Revolution, die zum Mauerfall gehörte, eine wichtige Rolle gespielt. Beeindruckt war ich davon, dass man zum Anfang nur für die Veränderung auf die Straße gegangen war. Wohin es gehen sollte, wie es werden sollte, war den Beteiligten damals nicht klar. Es sollte sich entwickeln.

Der Abend endete für mich wundervoll, ich bekam eine erholsame Fußmassage von Lesya. Eine von uns war noch lange in den Waschräumen beschäftigt, kein anderer weiß, womit. Eine andere Pilgerin sagte voller Mitgefühl: „Herr, hilf dieser verlorenen Seele, damit sie Ruhe findet!“ Beim Einschlafen murmelte ich zustimmend: „What she said, god, what she said!“

Wenn wir mit dem von uns Erlebten zuviel Anstoß erregen, vielleicht einfach der Schott-Tagesimpuls vom 30. Mai 2011, den wir zum Abschluss lasen:

EVANGELIUM                                                                       Joh 15, 26 – 16, 4a

Der Geist der Wahrheit wird Zeugnis für mich ablegen

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

26Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen. 27Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid. 1Das habe ich euch gesagt, damit ihr keinen Anstoß nehmt. 2Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen, ja es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten. 3Das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben. 4aIch habe es euch gesagt, damit ihr, wenn deren Stunde kommt, euch an meine Worte erinnert.

Lehre des Tages: 1.  Gott kann Dir in jedem Menschen begegnen. 2. Der Friede gewinnt. 3. Wer sich abgrenzt, der ist draußen und nicht drinnen – im Leben.

31. Mai 2011: Von Point Alpha zum Kloster Hünfeld

5 Jun

Von Gabriele

Wir hatten unser Frühstück um halb acht Uhr bestellt, daher standen wir gegen halb sieben auf, um uns vollständig frühtstücks- und abmarschbereit zu machen. Die Mitarbeiter von Point Alpha waren ganz pünktlich da und super angenehm, super gastfreundlich und unser Frühstückstisch – das war einfach ein Traum.

Frühstück in Point Alpha

Der Kaffee weckte unsere Lebensgeister und gegen halb neun zogen wir mit guter Laune los. Ein Abschiedsfoto noch von diesem ereignisreichen Ort, damit wir mal wieder zu viert auf einem Foto sind.

Die vier Pilgerinnen: Abschied von Point Alpha

Wir schauten uns noch um an der Gedenkstätte. Innen gab es ein Foto einer Gedenkveranstaltung mit den Staatsmännern der Einheit: Kohl, Gorbatschow, Bush. Die hatten es geschafft, einen großen Umbruch innerhalb weniger Jahre zu gestalten. Und da ging es um sehr viel mehr Ebenen, in denen vereint werden musste. Ich war um die Zeit der Wende in Berlin und habe, da ich aktiv mit den Verwaltungen zusammen arbeitete, mitgekriegt, wie viele Prozesse dort verändert und angeglichen werden mussten. Wieviele Brücken wieder gangbar gemacht werden mussten allein in Berlin. Und ich fragte mich wieder: Warum um alles in der Welt schafft es die Kirche nicht? Es ist doch so viel weniger an Klärungsbedarf? Warum? Was kann daran jetzt so schwer sein? Warum ist man um Jesus Christus, den Friedensfürst (& -freund), so unversöhnlich, so uneins? Warum bleibt das so lange? Ich sag mal, an Jesus kann es doch nicht liegen…

Drei Staatsmänner, drei Pilgerinnen

Wir verließen unsere Enklave und trafen vor dem Zaun auf zwei wichtige Worte der Wiedervereinigung, die wir dem Prozess der Ökumene ans Herz legen möchten:

Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört - Wir sind ein Volk

Wir sind das Volk! Das war der Ruf der Demonstranten – zuerst in Leipzig, später überall. Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehörtist von Willy Brandt am 10. November 1989. Wir fotografieren noch ein paar Überbleibsel aus der Zeit der Trennung. Es macht sich Erschütterung und Trauer breit. Hier waren Menschen bereit, Menschen zu töten. Und man hat Frieden geschlossen und die Tötungsapparatur in den Ruhestand geschickt. Was soll die Welt nur von Jesus Christus halten, wenn seine Anhänger untereinander nicht Frieden schließen und sich wiedervereinigen können? Und was für ein Bild zeichnet dies von den Akteuren der Kirche?

Grenzzeichen - Birkenkreuz für ein Grenzopfer, Erdbunker, Überwachungsturm

Grenzzeichen - Birkenkreuz für ein Grenzopfer, Erdbunker, Überwachungsturm

Auf dem ehemaligen Grenzstreifen laufen wir weiter zum Haus auf der Grenze. Hier erhalten wir unseren Stempel für den Pilgerpass. Wir wollen uns lieber dem Kreuzweg widmen, daher sehen wir von einem Besuch der Ausstellung ab. Gegenüber vom Haus steht ein altes Steinkreuz. Ein Mitarbeiter erzählt uns, dass die Menschen im Geisaer Land sehr gläubig sind und daher die Grenztruppen es nicht wagten, das Steinkreuz zu schleifen, das ja so nah an der Grenze stand. Unten auf dem Steinkreuz steht: „Lass an dem Kreuz mich stehen, mit Demuth, Herr, bei Dir, dir willig nachzugehen, das einzig ziemet mir.“ Nachfolge! Während ich hier noch fotografiere und nach Pilgermanier ein kleines Holzkreuz dazustelle, sind die anderen schon weiter gegangen auf den Kreuzweg. Von diesem berichten wir auf einer Extraseite Der Weg der Hoffnung: Der Kreuzweg von Point Alpha.

Das alte Steinkreuz an der Grenze hat die DDR-Zeit überlebt und die Landschaft ist einfach nur ein Traum

Der Jakobsweg zweigt vom Kreuzweg direkt ab, wir wollen aber den Kreuzweg bis zum Ende gehen. Die Mitarbeiter am Haus der Grenze haben mir daher geraten, direkt auf dem alten Grenzstreifen weiterzugehen und dann über Setzelbach nach Haselstein zu gelangen. Am Ende meines Kreuzweges kann ich eine Weile zügig laufen, da ich doch sehr viel länger gebraucht habe, aber die Anderen hatten Vertrauen, dass ich sie sehr schnell einholen würde. Der Weg ist  in der Tat sehr angenehm zu laufen. Auf der Straße verließen wir nun endgültig Thüringen.

Ade Thüringen und Ostdeutschland...nun geht es nach Hessen

Ade Thüringen und Ostdeutschland...nun geht es nach Hessen und in erzkatholisches Land

In Setzelbach biegen wir auf einen Radweg ab, der nach Haselstein führen soll. Wir finden dort einen sehr schönen Rastplatz für ein 2. Frühstück und die Eindrücke vom Kreuzweg. Doch irgendwann führt der Radweg in einem großen Bogen wieder auf die Landstraße und das letzte Stück nach Haselstein geht es dann auf der Landstraße entlang. Während am Morgen noch schönes Wetter herrscht, zog es sich nun langsam zu und als wir Haselstein schon sehen, da beginnt es zu nieseln. Auf der Straße hält eine Frau bei uns an und fragt, ob sie uns ein Stück fahren könnte. Wir schicken sie ein Stück weiter zu Renate, die hinter uns laufend eine solche Hilfe immer gut brauchen kann. Wir sehen noch, wie das Auto wendet, kurz darauf fährt sie winkend an uns vorbei. Wie schön – es gibt immer wieder Wege-Engel, die uns weiter helfen.

Jesus, hilf Deinen Pilgerinnen! Wir wollen jetzt nicht klitschenass werden!

Auf den letzten Metern wird es immer dunkler. Wir kommen an einer Herz-Jesu-Statue vorbei und ich halte an, wie immer. Unten auf dem Sockel steht: „Siehe dieses Herz, das die Menschen so sehr geliebt hat“. Ein Pilgergebet: „Lieber Jesus, wir brauchen Dich jetzt ganz dringend. Bitte hilf uns, dass wir Schutz vor dem Regen finden.“ Und so erreichten wir Haselstein, während es weiterhin leicht nieselte, obwohl der Himmel vor uns anderes versprach. Dort fanden wir die Landmetzgerei  Pomnitz in Haselstein und in der Landmetzgerei auch Renate. Hier war ich schon vor zwei Jahren eingekehrt. Im Verkaufsraum ist auch ein kleines Bistro, aber das war voll. So lassen wir die Rucksäcke kurz auf ein paar Stühlen vor dem Laden stehen. Doch kaum eine Minute, nachdem wir den Laden betreten hatten, da kommt mit dicken Tropfen ein wahrer Wolkenbruch nieder. Der Himmel hat genau so lange gewartet, bis wir geschützt waren. Schnell holen wir auch noch die Rucksäcke hinein, jetzt war es egal, ob es hier eng wurde. Netterweise werden nun auch ein paar Plätze frei und wir gehen gleich in die Mittagspause über. Bis Hünfeld waren es jetzt noch ca. 9 km oder was auch immer… 😉

Renate kam gleich mit den Herren am Nebentisch ins Gespräch. So lernen wir den großen und den kleinen Herbert und Walter kennen. Während draußen der Regen prasselt, verwöhnen wir uns mit Kaffee, Würstchen und Kartoffelsalat und führen Glaubensgespräche. Der große Herbert, ein bärtiger Bär von einem Mann erzählte uns von dem Pfarrer seiner Kindheit, der immer und allen versuchte, vor Gott Angst zu machen. Er bezeichnete ihn als drittklassiges Personal. Daher habe er sich von der Religion abgewandt. Ich erzähle von meinem Gottesbild, das von den Erfahrungen von Fürsorge und Liebe auf meinen Pilgerwegen geprägt ist. Das findet er dann annehmbarer und kann so meinen Glauben verstehen. Wir berichten über unsere Pilgerreise und unsere Erlebnisse dabei. Auf meinem Handy kann ich ihm auch den schwingenden Botafumeiro der Kathedrale von Santiago zeigen, als wir im Gespräch auf den Camino Francés in Spanien kommen. Ich erzähle auch die Geschichte meiner Begegnung mit Winfried und siehe da: der große Herbert kennt ihn und trifft ihn so einmal im Monat. Wir bitten darum, ihm herzliche Grüße von uns auszurichten.

Irgendwann klart es auf und der Regen hört auf und wir machen uns auf. Das Gebet hatte wundervolle Wirkungen gehabt: Wir waren nicht nur vor dem Regen geschützt, sondern hatten auch noch eine sehr schöne Begegnung mit den Menschen vor Ort. Wir verabschieden uns herzlich von den drei Männern. Während der Pause haben Renate und Monika sich entschieden, von Haselstein aus den Bus nach Hünfeld zu nehmen. Renate leidet unter ihren Blasen und ihr fällt das Laufen immer schwerer. Lesya und ich freuen uns auf den schönen Höhenweg. Nachdem wir die Burgruine von Haselstein umrundet haben, geht es ordentlich bergauf, doch der Weg über die Hügel war ganz naturbelassen und wunderschön:

Für Lesya wie bei Oma

Für Lesya wie bei Oma in der Ukraine

Lesya ist begeistert. Diese Wege erinnern sie an ihre ukrainische Heimat, an die Sommerferien bei Oma auf dem Lande. Indem sie mir erzählt, wie es für sie war, laufen wir locker Kilometer um Kilometer weiter. Uns geht es gut mit dem Laufen, wir können nun etwas flotter gehen und haben neben dieser intensiven Naturerfahrung viel Spaß dabei. Das Panorama ist großartig. Hier können wir das Hessische Kegelspiel bewundern:

Das Hessische Kegelspiel

Ein Wiesel trägt auf seinem Rücken einen Apfel durch ein Stoppelfeld in einen kleinen, morschen Stall auf einer Lichtung, so ist es.

Mit dem Spruch kann man sich die Namen der Berge merken, die wie zu einem der Sage nach Kegelspiel für Riesen sich erheben: Wisselsberg, Rückersberg, Appelsberg, Stoppelsberg, Kleinberg, Morsberg, Stallberg, Lichtberg und Soisberg. Wieder und wieder: Wie ist diese Welt, wie ist diese Gegend so wunderbar!!!

Je weiter wir uns Hünfeld annähern, umso dichter und tiefer hängen die Regenwolken über Hünfeld. Wir bitten wieder darum, dass der Regen wartet, bis wir im Kloster angekommen sind. Wieder werden wir erhört, aber wir haben auch zum Schluss einen mächtigen Schritt am Leibe. Kurz nach drei sind wir in Hünfeld und schellen an der Klosterglocke. Die beiden anderen haben schon unsere Zimmer klargemacht und so gehen wir hinauf. Die Zimmer sind alle nach Heiligen benannt und wir kommen im Zimmer der Lucia unter. Monika und Renate haben diesmal die Vorräte besorgt. Monika hat sich ihre neuen Wanderschuhe hier nach Hünfeld schicken lassen, dafür geht ein Paket zurück in die Heimat, damit ihr Rucksack leichter wird. 4 kg wird sie nun los, das hilft ihr wirklich sehr! Sie ist noch unterwegs, als wir ankommen und wir treffen sie erst bei der Abendandacht wieder.

Auch heute haben wir ein sehr fruchtiges Essen: Kirschen und Pfirsiche, aber auch Kartoffelsalat in mehreren Formen. Wunderbar! Ein  wichtiger Programmpunkt heute ist das Labyrinth im Klostergarten von Hünfeld. Da gerade eine Menge Kinder darin herumtoben, Monika fehlt und wir auch an der Abendandacht teilnehmen wollen, wenn wir schon mal die Chance dazu haben, verschieben wir es auf später. Wäsche waschen, Duschen und ein kleines Schläfchen in einem herrlichen Bett mit Daunendecke – so mag es die Pilgerin.

Die goldene Maria aus dem Klostergarten von Hünfeld

Die goldene Maria aus dem Klostergarten von Hünfeld

Um 18.15 Uhr beginnt die Abendandacht in dem Gebetsraum gegenüber der Klosterpforte. Ein freundlicher Mann reicht uns die Psalmenbücher zu, aus denen hier gesungen wird. Dann erfolgt eine Lesung und Gebet. Es ist immer wieder ein Ruhepol bei der Einkehr in einem Kloster, es ist Ankommen.

Nach der Abendandacht ziehen wir uns die Regenjacken an und gehen zum Labyrinth. Neben dem Labyrinth steht diese sehr schöne Marienstatue. Hünfeld ist ein Marienkloster. Wir bitten auch sie um Begleitung bei unserem Labyrinth.

Jede von uns geht einzeln durch das Labyrinth, damit sich jede nur auf die eigene Wahrnehmung konzentrieren kann. Als erste geht Renate hinein. Sie kommt ganz glücklich wieder hinaus und hat viel zu erzählen.

Von Renate

Mein 2. Erlebnis hatte ich im Garten des Klosters Hünfeld. Dort ging ich in das Labyrinth mit der Frage.“Warum bin ich hier?. Die Antwort in mir lautete „Wachse und werde stark wie dieser Baum „. Ich schaute nach vorn und sah eine riesengroße Tanne  stehen. Da mußte ich dann doch lachen, und war auch beseelt von diesem Erlebnis. Immer wieder mußte ich daran denken, dass ich nicht allein bin und mit meinen Mitpilgern, die schon zu meinen Vertrauten geworden sind, reden konnte. Das machte mich glücklich.

Die große Tanne im Klosterpark von Hünfeld: So groß und stark sollte ich werden!

Dann erläuft sich Monika die Geheimnisse des Labyrinths. Am Ende braucht sie Zeit für sich und geht weit hinein in den schönen Hünfelder Klosterpark. Lesya ist die Dritte, und auch sie kommt wahrhaft bereichert hinaus. Es ist schon ein beeindruckender Platz.

Das sprechende Labyrinth von Hünfeld

Ich gehe als letzte hinein und kaum habe ich das Rund betreten, beginnt in meinem Herzen die Stimme zu sprechen:

„Es geht bei der Wiedervereinigung der Kirchen um ein uneingeschränktes, bedingungungsloses  Ja. Ein Ja, bevor alles geregelt ist. Es liegt nicht im Menschen, die Einheit wieder herzustellen, sondern bei Gott. Das ist der Anfang. Die Bereitschaft der Kirche, sich von Gott führen zu lassen wie einst das Volk Israel beim Auszug aus Ägypten. Es ist ein genau so uneingeschränktes Ja wie beim Heiraten. Ein Ja-„Bis dass der Tod uns scheidet“, ein Ja-„in guten und in schlechten Tagen“, ein Ja-„mit Gottes Hilfe“. Das, was das Sakrament der Ehe von den Ehepaaren fordert, das gilt auch hier. Es ist wirklich wie Heiraten ohne Ehevertrag. Man weiß auch vorher nicht, wo der gemeinsame Weg hingehen wird. Es ist Hingabe, es ist ein unbedingtes sich Einlassen auf den Prozess, den kein Mensch kennt, nur Gott. Alle notwendigen Mittel werden unterwegs von Gott gegeben, es ist wie mit Moses in der Wüste. Er und das Volk Israel bekamen auch alles, was sie unterwegs brauchten. Es geht zuerst um den Entschluss es zu tun: „Ja, mit Gottes Hilfe!“ Es kann an einem einzigen Tag geschehen. Die Kirche in ihrem Selbstverständnis als Leib Christi bedeutet in ihrer jetzigen Getrenntheit einen geteilten, zerhackten Leib Christ. Es ist, als ob Jesus jeden Tag von den Christen von neuem gekreuzigt wird, sein Leib ist nicht eins, sondern bleibt geteilt. Die Christen müssen sich darüber klar werden, was sie durch die Trennung Jesus Christus antun. Ein jeder muss sich fragen: Will ich Jesus jeden Tag wieder kreuzigen? Die Einheit ist der Schlüssel für die riesigen Probleme der Welt. Die vereinte Christenheit könnte durch ihr Beispiel wirken und wahren Frieden und Gerechtigkeit bringen. Der Segensstrom Gottes könnte wieder ungeteilt und mit ganzer Kraft auf die Menschheit fließen. Es geht auch darum, dass alle Ämter zur Disposition gestellt werden, um offen zu sein für Gottes Führung, wie er seine Kirche will.“

Voll erfüllt waren wir alle, als wir wieder in unsere Zimmer kamen und uns zusammen setzten. Renate hatte Rotwein gekauft und wir alle konnten miteinander anstoßen, um den Tag ausklingen zu lassen. Da auf dem Zimmer eine Bibel lag, machten wir zum Ergebnis wieder einmal die Übung  „Sprich nur ein Wort“ mit dem Bibelsäckchen. Ich zog Jeremia 1,19:

„Mögen sie dich bekämpfen, sie werden dich nicht bezwingen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten – Spruch des Herrn.“

Ich dachte dann, das ist doch alles unglaublich, was ich hier höre, was ich hier empfange. Wie soll ich das jemals jemandem erklären? Das klingt ja so klar, so eindeutig, aber auch so bedeutsam. Die Änderung, die hier gefordert wird, ist so umfassend, so fundamental. Die werden mich doch alle für verrückt erklären! Wahrscheinlich werden sie mich als spinnert abtun und das wars schon. Aber ok, auch wenn ich spinnert bin, dann ist es so. Mir kommt es schlüssig vor. Zum Abschluss lasen wir noch die heutige Lesung aus dem Schott-Register. Sie lautete – und auch das passte:

EVANGELIUM                                                                               Joh 16, 5-11

Wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

5Jetzt aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du 6Vielmehr ist euer Herz von Trauer erfüllt, weil ich euch das gesagt habe. 7Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden. 8Und wenn er kommt, wird er die Welt überführen (und aufdecken), was Sünde, Gerechtigkeit und Gericht ist; 9Sünde: dass sie nicht an mich glauben; 10Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht; 11Gericht: dass der Herrscher dieser Welt gerichtet ist.

Ein ereignisreicher, ein schöner Pilgertag lag hinter uns. Zu unserer großen Freude hatten wir wunderbare Betten mit Federbettdecke, während draußen sich das Wetter abarbeitete. Ein wunderbar Schlaf folgte.

Lehre des Tages: Leg die Dornenkrone ab und hänge sie an den Nagel (lasse alle stechenden, unfriedlichen, trennenden und schmerzhaften Gedanken los) und gehe in die Freiheit. Und die heißt: Ein bedingungsloses „Ja, mit Gottes Hilfe“.

Der Weg der Hoffnung: Der Kreuzweg von Point Alpha

5 Jun

Jesus Passion in Schrott - Skulpturen des Bildhauers Ulrich Barnickel

Von Gabriele

Der Kreuzweg von Point Alpha verdient ganz klar eine eigene, in sich abgeschlossene Seite! Er wurd am 26. März 2010 eingeweiht und enthält direkt neben dem Haus auf der Grenze auf dem alten Grenzstreifen 14 eindrucksvolle Skulpturen des Bildhauers Ulrich Barnickel. Zusammen mit der umgebenden Natur zeigt sich ergreifend der Weg Jesu aus Gewaltverzicht, Drangsal in die Überwindung des Irdischen – am Schluss hängt er seine Dornenkrone mit einem gefühlten „Tschüss – man sieht sich!“ förmlich „an den Nagel“. Modern und mit starker Botschaft und einem grandiosen Ende mit der Aussicht in die Weite und Schönheit Gottes und seiner wahren Schöpfung.  Durch Zufall bin ich den Weg allein gegangen – die anderen waren mir voraus – im Gebet für die Einheit der Christen.

1. Station Willkür – Jesus von Pontius Pilatus zum Tode verurteilt

1. Station Willkür

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“

Was könnte dieser Pilatus sagen? Was hören wir Trennendes von den Kirchen? Wie urteilen sie übereinander?

2. Station: Unterdrückung – Jesus nimmt sein Kreuz auf sich

2. Station Unterdrückung – Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Ich sehe am Himmel hinter dem Kreuz einen Arm, eine Hand, die das Kreuz mithält. Wer unterdrückt wird, der wird von Gott gehalten.

3. Station Zwang – Jesus stürzt zum 1. Male mit dem Kreuz

3. Station Zwang - Jesus stürzt das 1. Mal mit dem Kreuz

Zwang – und Jesus fällt. Das 1. Schisma 417? (Die Stürze sind in den Evangelien nicht dokumentiert).

Mit Zwang geht nichts auf Dauer, mit Liebe schon. Welche Zwangsmaßnahmen werden in der Ökumene eingesetzt? Wozu will man einander zwingen?

4. Station: Entsetzen – Jesus trifft auf seine Mutter

4. Station Entsetzen – Jesus und Maria

Gebeugt, fast gebrochen und mit hängenden Armen steht die Gottesmutter vor ihm, wie soll sie das ertragen? Eine kleine Mohnblume steht zwischen ihnen – blutrot…

5. Station: Solidarität – Simon von Cyrene hilft Jesus mit dem Kreuz

5. Station Solidarität - Simon von Cyrene hilft Jesus, das Kreuz zu tragen

Als ob ein Engel über seiner Hand schwebt….

Berührend - Jesu Hand

Wo legt man gemeinsam die Hand ans Kreuz? Wo hilft man einander in der Ökumene? Irgendwo?

6. Station Mit-Leid – Veronika und das Schweißtuch

6. Station Mit-Leid – Veronika mit dem Schweißtuch

Im Schweißtuch ein Abbild des Himmels… Schau in den Spiegel und erkenne!

7. Station Gewalt – Jesus stürzt das 2. Mal

7. Station Gewalt - Jesus stürzt zum 2. Mal

Jesus muss sich sehr tief beugen. Das 2. Schisma in 1054?

Gewalt ist keine Lösung. Unerbittlich in Positionen zu verharren ist auch Gewalt.

8. Station Trost – Jesus und die Frauen Israels

8. Station Trost – Jesus und die Frauen Israels

Unter Jesus wuchsen ein paar Mohnblumen und es war mir, als ob sie Jesu Blut wären – frisches Blut! Er blutet noch immer…

9. Station Kreuz – Jesus stürzt das 3. Mal

9. Station - Jesus stürzt das 3. Mal

Das 3. Schisma 1517 mit dem Beginn der Reformation? Er liegt am Boden – und wieder Blut.

10. Station Entwürdigung – Jesus wird nackt ausgezogen

10. Station Entwürdigung – Jesus wird nackt ausgezogen

Wer hat den Mohn gesät, gesetzt? Menschen? Oder der große Sämann? Die Wunden und Risse auf seiner Brust werden sichtbar. Ihr Blut zu seinen Füßen?

11. Station Mord – Jesus wird ans Kreuz genagelt

11. Station Mord - Jesus wird ans Kreuz genagelt

Man sieht deutlich den Schrei aus Jesu Mund – laut oder stumm? Ich möchte mitschreien!

Beachtenswert als Zeichen des Henkers: Hammer in der Hand und Zirkel (am Po des Schlächters), die Fahnenembleme der DDR! Es geht hier um die, die die Mauer(n) überwinden wollten. Und wer wird heute gekreuzigt? Menschen, die in Liebe und im Alltag Mauern überwinden, z.B. Ehepaare unterschiedlicher Konfessionen.

12. Station Verzweiflung – Jesus stirbt am Kreuz

11. Station Mord - Jesus stirbt am Kreuz

Der Himmel  zeichnete uns selbst noch ein Kreuz dazu! Es ist nicht nur Erinnerung, es ist auch jetzt!

Die sieben Worte Jesu am Kreuz:

“Um die neunte Stunde schrie Jesus laut und sprach: “Eli, Eli, lama asabthani?” das ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Mat 27,46

Der andere Übeltäter sprach: “Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich
kommst!” und Jesus sprach zu ihm: “Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du
mit mir im Paradiese sein.”  Lukas 23,24f.

Jesus sprach: “Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!”
Lukas 23,34

„Und Jesus rief laut und sprach: “Vater, ich befehle meinen Geist in deine
Hände!” und als er das gesagt, verschied er.“ Luk. 23,46

“Es stand aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester,
Maria, des Kleopas Frau, und Maria Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter
sah und den Jünger dabeistehen, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter:
»Weib, siehe, das ist dein Sohn!«danach spricht er zu seinem Jünger: »Siehe,
das ist deine Mutter!«und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.”
Joh. 19,25-27

“Danach, da Jesus wußte, daß schon alles vollbracht war, auf daß die Schrift
erfüllt würde, spricht er: “Mich dürstet!””
Joh 19,28

„Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er :”Es ist vollbracht!” und
neigte das Haupt und verschied.“ Joh. 19,30

Ein Leitfaden, eine Gebrauchsanleitung für uns zur Einheit der Christen?

Zustand der Gottverlassenheit bemerken -> Den anderen mitnehmen -> Vergebung -> Den eigenen Geist (Überzeugungen) aufgeben und in Gottes Hand legen -> Eine neue Familie bilden -> Den Durst des Anderen stillen, bzw. den Essig trinken, den es für das eigene Ego bedeuten kann -> Vollenden

Ich kniete am Kreuz, sah wieder das Blut aus Mohnblüten, ich betete. Als ich so kniete, da sah ich aus dieser Geste der Anbetung und auch der Demut eine neue Perspektive:

„Ich bin das Licht für die Welt. Wer mir nachfolgt, irrt nicht mehr in der Dunkelheit umher, sondern folgt dem Licht, das ihn zum Leben führt.“
Johannes 8,12

Jesus spricht: Ich bin das Licht der Welt

Und auch hier zeigt das Licht ein weiteres Kreuz, ein Kreuz aus Licht.

13. Station Opfer – Jesus wird vom Kreuz abgenommen

13. Station Opfer - Jesus wird vom Kreuz abgenommen

Eine ungewöhnliche Pietra – und auch hier wieder ein paar Blutstropfen am Rande. Ein Gesätz für sie gebetet. Den Schmerz fühlen, den die Kreuzigung verursacht.

14. Station Hoffnung – 3 Türen in die andere Welt

14. Station Hoffnung 3 Türen in eine andere Welt

Eigentlich normalerweise die Grablegung, da sind hier nur 3 Türrahmen, die in eine offene Zukunft führen. Ich durchschritt die dreifaltige Tür zur Hoffnung auf ein gemeinsames Ganzes. Das Erstaunliche:

Die letzte Tür - die Dornenkrone als ihr Wegezoll

An der letzten Tür hängt die Dornenkrone, als hätte sie Jesus beim Hindurchgehen hinterlassen. Und wenn wir durch die letzte Tür gehen in die unendliche Weite einer wiedervereinten Kirche, dann bedarf es auch, dass wir stacheliges, stechendes, trennendes, schmerzhaftes, verletzendes Gedankengut, Glaubenskonstrukte, Überzeugungen abgeben und hinter uns lassen. Wenn wir die letzte Tür als die Tür des Heiligen Geistes betrachten, dann geht es hier darum, durch das Zurücklassen unserer Gedanken und die Teilhabe am Heiligen Geist, am Geist der Einheit voranschreiten. Ein Versprechen – bestimmt. Vor der Tür sind noch die letzten Blutstropfen, die beim Abnehmen der Dornenkrone von seinem Haupte troffen, danach das scheinbar unendliche Grün der Hoffnung.

Das Licht des Geistes hinter der Dornenkrone

Hinter der Dornenkrone erscheint das Licht wie ein Kopf,
der von einem Heiligenschein gekrönt ist,
die nächste Krone Jesu Christi,
die Krone des Heiligen Geistes.

 Wohin geht es jetzt? Die Wegbeschreibung ist nachzulesen in Epheser 4:

1 Lebt so, wie Gott es von denen erwartet, die er zu seinen Kindern berufen hat. 2 Überhebt euch nicht über andere, seid freundlich und geduldig! Geht in Liebe aufeinander ein! 3 Setzt alles daran, dass die Einheit, wie sie der Geist Gottes schenkt, bestehen bleibt durch den Frieden, der euch verbindet. 4 Gott hat uns in seine Gemeinde berufen. Darum sind wir ein Leib. In uns wirkt ein Geist, und uns erfüllt ein und dieselbe Hoffnung. 5 Wir haben einen Herrn, einen Glauben und eine Taufe. 6 Und wir haben einen Gott. Er ist der Vater, der über uns allen steht, der durch uns alle und in uns allen wirkt. 7 Jedem Einzelnen von uns aber hat Christus besondere Gaben geschenkt, so wie er sie in seiner Gnade jedem zugedacht hat. 8 Nicht ohne Grund heißt es von Christus: „Er ist in den Himmel hinaufgestiegen, er hat Gefangene im Triumphzug mitgeführt und den Menschen Gaben geschenkt.“ 9 Wenn es aber heißt: „Er ist in den Himmel hinaufgestiegen“, so bedeutet dies doch, dass er vorher zu uns auf die Erde gekommen ist.  10 Der zu uns herabkam, ist derselbe, der auch wieder hinaufgestiegen ist. Jetzt ist er Herr über den Himmel und erfüllt das ganze Weltall mit seiner Macht. 11 Einige hat er zu Aposteln gemacht, einige reden in Gottes Auftrag prophetisch, und andere gewinnen Menschen für Christus. Wieder andere leiten die Gemeinde oder unterweisen sie im Glauben. 12 Sie alle sollen die Christen für ihren Dienst ausrüsten, damit die Gemeinde Jesu aufgebaut und vollendet wird. 13 Dadurch werden wir im Glauben immer mehr eins werden und den Sohn Gottes immer besser kennen lernen. Wir sollen zu mündigen Christen heranreifen, zu einer Gemeinde, in der Christus mit der ganzen Fülle seiner Gaben wirkt. 14 Dann sind wir nicht länger wie unmündige Kinder, die sich von jeder beliebigen Lehrmeinung aus der Bahn werfen lassen und die leicht auf geschickte Täuschungsmanöver hinterlistiger Menschen hereinfallen. 15 Stattdessen wollen wir die Wahrheit in Liebe leben und zu Christus hinwachsen, dem Haupt der Gemeinde. 16 Er versorgt den Leib und verbindet die Körperteile miteinander. Jedes Einzelne leistet seinen Beitrag. So wächst der Leib und wird aufgebaut in Liebe.

17 Darum hat mir der Herr aufgetragen, euch zu sagen: Lebt nicht länger wie Menschen, die Gott nicht kennen! Ihr Denken ist verkehrt und führt ins Leere, 18 ihr Verstand ist verdunkelt. Sie wissen nicht, was es bedeutet, mit Gott zu leben, und ihre Herzen sind hart und gleichgültig. 19 Ihr Gewissen ist abgestumpft, deshalb leben sie ihre Leidenschaften aus. Sie sind zügellos und in ihrer Habgier unersättlich. 20 Aber ihr habt gelernt, dass solch ein Leben mit Christus nichts zu tun hat. 21 Was Jesus wirklich von uns erwartet, habt ihr gehört – ihr seid es ja gelehrt worden: 22 Ihr sollt euer altes Leben wie alte Kleider ablegen. Folgt nicht mehr euren Leidenschaften, die euch in die Irre führen und euch zerstören. 23 Gottes Geist will euch durch und durch erneuern.24 Zieht das neue Leben an, wie ihr neue Kleider anzieht. Ihr seid neue Menschen geworden, die Gott selbst nach seinem Bild geschaffen hat. Ihr gehört zu Gott und lebt so, wie es ihm gefällt. 25 Belügt einander also nicht länger, sondern sagt die Wahrheit. Wir sind doch als Christen die Glieder eines Leibes, der Gemeinde Jesu. 26 Wenn ihr zornig seid, dann ladet nicht Schuld auf euch, indem ihr unversöhnlich bleibt. Lasst die Sonne nicht untergehen, ohne dass ihr einander vergeben habt. 27 Gebt dem Teufel keine Gelegenheit, Unfrieden zu stiften. 28 Wer früher von Diebstahl lebte, der soll sich jetzt eine ehrliche Arbeit suchen, damit er auch noch Notleidenden helfen kann. 29 Redet nicht schlecht voneinander. Was ihr sagt, soll für jeden gut und hilfreich sein, eine Wohltat für alle. 30 Beleidigt nicht den Heiligen Geist. Als Gott ihn euch schenkte, hat er euch sein Siegel aufgedrückt. Er ist doch euer Bürge dafür, dass der Tag der Erlösung kommt. 31 Mit Bitterkeit, Jähzorn und Wut sollt ihr nichts mehr zu tun haben. Schreit einander nicht an, redet nicht schlecht über andere, und vermeidet jede Feindseligkeit. 32 Seid vielmehr freundlich und barmherzig, und vergebt einander, so wie Gott euch durch Jesus Christus vergeben hat.
Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

 Amen!

1. Juni 2011 Von Hünfeld nach Fulda

5 Jun

Von Gabriele

Das Kloster Hünfeld hat am Morgen zwei geistliche Zeiten, zum einen eine Prozession durch den Park, danach die Laudes, die morgendliche Gebetszeit nach dem Stundengebet und die anschließende Eucharistiefeier. Für den Park stehe ich nicht früh genug auf, aber pünktlich um 6.30 Uhr bin ich bei den Laudes dabei und genieße das morgendliche Versenken in Gott, den noch unbelasteten Geist gleich Gott zuzuwenden. Ich sehe weiter vorne Monika. Sie wollte ganz früh aufstehen und schon im Park dabei sein. Schön, dass sie es geschafft hat.

Um 7.30 treffen wir uns zum Frühstück im Essensraum und auch hier werden wir wunderbar verwöhnt. Es gibt ein Frühstücksbuffet mit Cerealien, Obst, Brötchen & Brot, Wurst, Käse und süßem Aufstrich, Joghurt und Saft. Auf den Tischen stehen Thermoskannen mit Kaffee. Wir genießen und lassen uns Zeit. Unsere heutige Strecke beträgt 23 km. Renate hat sich entschieden, heute mit dem Zug nach Fulda zu fahren, um sich zu schonen. An der Pforte bedanken wir uns nochmals für die freundliche Aufnahme.

Kloster Hünfeld

Kloster Hünfeld

Als wir nach draußen treten, erwartet uns ein frischer, eher regnerischer Morgen. Böse bin ich da gar nicht drum, denn wir hatten schon viel schönes Wetter. Renate überlässt Lesya ihren tollen Regenponcho und wir bringen sie gemeinsam zum Bahnhof, es wird nur eine kurze Fahrt nach Fulda sein.

Von Renate

Mein ganz besonderes Erlebnis hatte ich im Dom zu Fulda.

Der Dom zu Fulda

Ich hatte wegen vieler Blasen diese Etappe ausgelassen und bin mit dem Zug nach Fulda gefahren. Allein auf mich gestellt, bin ich zur Domsakristei gegangen, habe dort meinen Rucksack abstellen dürfen und hatte dann noch viel Zeit für mich. Also was tun,nun erst einmal wollte ich mir das Innere der Kirche ansehen. Mein Weg führte mich umgehend zur Jesusstatue mit dem heiligen Herzen. Ich setzte mich ihm gegenüber, und sofort empfand ich eine tiefe Verbundenheit zu ihm. Was geschah da mit mir . Wunderbare Energien durchdrangen meinen Körper und meinen Geist , es war ein Hochgefühl. Ich hätte tanzen,singen und lachen können. Ganz in mir habe ich mit diesem Jesus eine tiefe Verbundenheit gespürt, ohne in Trance zu sein. Es war einfach schön,ich musste lächeln. Ach könnte es wohl immer so sein, dachte ich. Diese Gefühl will ich leben, ehren und mir erhalten. Es ist wunderbar als Mensch unter Menschen zu leben.  Lesya sagte zu Recht. LEBEN IST SCHÖN! Das kann man auch sehen an ein paar Bildern meines Tages in Fulda:

Im Garten hinter dem Dom

An der Südseite des Doms

In Richtung Dom-Museum

Weiter von Gabriele

Wir suchen uns unsere Muscheln und finden schnell aus der Stadt heraus. Zunächst verläuft der Weg recht nah der Autobahn, doch es gibt unterwegs immer wieder auch sehr schöne Kapellchen. In Rückers kehren wir in die Kirche ein und dort begrüßt uns der Patron unseres Weges – Jakobus der Ältere, in seiner Pilgerkluft mit Pilgerstab, Kalebasse und Jakobsmuschel auf seinem Mantel. Es wird heute generell ein Tag der Kircheneinkehr – mit draußen rasten ist heute nix.

Jakobus - St. Jacques - Santiago - der Pilger

Doch die Kirchen unterwegs sind auch offen und so können wir uns eine Weile hineinsetzen, um zu rasten und zu beten. Unsere Regel „wenn du ein Problem mit jemandem hast, dann bete mit ihm“ ist bisher nicht sehr erfolgreich eingesetzt worden. Es wurde füreinander und als Gruppe miteinander gebetet. Aber das Zwei nach klarer Absprache für ein aktuelles Problem zwischeneinander beten, dazu hat es nicht gereicht. Wir scheuen den Konflikt, der auftreten könnte, wenn man den Anderen anspricht und die Frage: „Wieso, welches Problem hast du denn mit mir?“ oder vielleicht sogar die zugehörige Aussprache.

Trotzdem gärt es in der Gruppe, es gibt Konflikte. Wenn man 24 Stunden am Tag zusammen ist und dann auch noch viel Anstrengung und einen Bruch der täglichen Routine zu bewältigen hat, dann passiert es – uns zumindest. Ich denke an Jesus Wort vom Balken im eigenen Auge und mir kommt die Idee: Vielleicht ist es leichter, an dem Balken zu arbeiten, im Psychologendeutsch an den eigenen Projektionen! Daher bitte ich alle Monika und Lesya und Renate per Telefon, heute in den Kirchen ein spezielles Heilungsgebet zu praktizieren mit dem Inhalt: „Lieber Gott, bitte heile in mir den Anteil, der von …. genervt ist.“  Alle tun es, ich auch. Und ich treffe tatsächlich bei mir einige Teile an, die genervt sind, z.B. von Freiheiten gegenüber dem Gruppeninteresse und dem Gruppenzusammenhalt, die ich mir selbst  nicht zugestehen würde. Ich entdecke in mir auch einen Teil, der seine Ruhe haben möchte, Zeit und Kopf für sich haben möchte beim Pilgern, der nicht immer im Einsatz für die Gruppe sein möchte. Prima, das war eine gute und ergebnisreiche Idee. Wer immer einen Konflikt hat, sollte dies einmal ausprobieren. Eine Methode, vor der eigenen Haustür zu kehren, eine Methode, die uns unterwegs auf dem Weg gegeben wurde…

Von Renate

Die Reise war vollgepackt mit vielen Emotionen. Abgesehen von Blasen an den Füßen und Erschöpfungserscheinungen wünschte ich mir, der Weg möge nie zu Ende gehen. Wir waren erst fünf dann vier Frauen. Wir hätten unterschiedlicher gar nicht sein können,z B. das Alter, die Lebenserfahrung, die Konfession und vieles mehr. Aber auch hier stellte sich sofort eine wunderbare Verbundenheit ein. Wir mochten und schätzten uns, weil wir ein gemeinsames Ziel hatten, und einfach weil wir Menschen sind, weil wir leben, lieben, fühlen und träumen können. Das ist meine Erklärung: ich fühlte, ich bin ein Teil dieser großen Menschenfamilie. Natürlich stellte diese intensive Nähe auch eine besondere Herausforderung an mich. Obwohl ich mit allen Menschen ein tolerantes Miteinander pflege, musste ich feststellen, dass ich einige Male ziemlich genervt war. Ich fragte mich warum denn das? Ich bekam aus meinem Innern eine Botschaft , die da lautet: „Was dir bei anderen nicht gefällt, ist in dir stark verankert. Erst wenn du es bei den anderen – nur akzeptierst, ohne Wertung, wird es dir besser gehen. Dann werden deine alten Muster, die dich plagen und nicht loslassen und manchmal auch erschrecken, in dir erloschen sein“ . Das war ein magischer Augenblick. Es ging dann beschwingt weiter auf „meinen “ Lebensweg. Ich habe mich wohlgefühlt, zufrieden, aufgehoben und beschützt.

Weiter von Gabriele

Nach Rückers entfernt sich der Weg von der Autobahn und wir laufen durch den Wald, es gibt einige Anstiege, die aber bei der frischen Luft gut zu bewältigen sind. Wir tragen alle Regenmontur, so kann das Wetter tun, was es will. Bald erreichen wir den Haunestausee, dessen Nordseite wir zunächst auf der Anhöhe umrunden. Doch bald führt uns der Weg zum Seeufer und wir pausieren am Wasser. Am Südende des Stausees befindet sich eine Art Sumpflandschaft. Gut, dass es heute nicht so heiß ist! Das wäre hier sehr schwül geworden. Schön ist es, viel zu sehen, ruhig ist es. Am frühen Nachmittag erreichen wir Steinau und besuchen auch dort die Kirche. Dort wird gerade renoviert, der dortige Jakobus ist wegen Bauarbeiten abgebaut. Eine sehr nette Frau zeigt ihn uns auf Nachfrage in einem Pfarrraum.

Auch hier widmen wir uns wieder dem neuen Heilgebet und mir kommt die Idee, eine Form des Gruppenpilgerns heute zu nutzen, die wir bisher vernachlässigt haben: Schweigezeiten beim Pilgern, in denen jeder ausschließlich Zeit für das Betrachten der Landschaft und der eigenen Innenwelt hat.  Nach der Kirche gönnen wir uns eine Pause in einem Eiscafé und leisten uns neben einer großen Tasse Milchkaffee einen warmen Apfelstrudel mit Vanilleeis – genau das Richtige, um eine etwas eingeregnete Pilgerseele wieder in Form zu bringen. Hinter Steinau treffen wir auf eine Jakobus-Stele. Er nimmt hier durchaus Raum ein, ist in den Kirchen sichtbar.

Jakobus-Stele und Jakobs-Pilgerinnen

Wir beginnen unsere Schweigezeit und so freue ich mich, jetzt einfach mal für mich auszuschreiten, ohne großartig auf die Anderen zu achten. Wir halten mehr Abstand voneinander. Es tut uns gut. An einem Haus bei Götzenhof entdecken wir einen weiteren Pilgerfreund, ein Bild des Heiligen Christophorus – der Christusträger, Schutzheiliger der Pilger, der schon Jesus auf seinem Weg unterstützt hat.

Heute halten alle gut mit. Monika tut es gut, das Gewicht ihres Rucksackes reduziert zu haben. Die neuen Wanderstiefel passen ihr hervorragend und sind ohne jegliches Einlaufen ohne Probleme und Blasen tragbar. Wie schön!  Der Weg steigt jetzt langsam an. Es geht auf den Petersberg zu. Wir unterqueren die A7 und können nun die Autobahn verlassen. Wir umrunden den Rauschenberg und bald erreichen wir die ersten Häuser von Petersberg. Es ist ein sanfter Einstieg aus der Natur nach Fulda. Wir wollen uns auf jeden Fall die Grabeskirche St. Lioba anschauen und klettern steile Stufen hinauf. Auch hier, hoch über Fulda – ist die Kirche – eine romanische später gotische Kirche – noch offen und der Innenraum ist überwältigend. Erst stauen wir, dann setzen wir unsere stille Zeit fort, bis uns eine Nonne aus der Cella St. Lioba gegenüber andeutet, dass die Kirche jetzt abgeschlossen wird. Netterweise nimmt sie uns mit in die Cella, wo wir die Toilette benutzen dürfen. Alle dort sind total nett und freundlich. Pilgerinnen haben neben dem Geistigen auch  immer wieder andere Bedürfnisse…

Gegenüber der Cella befindet sich unterhalb der Kirche eine Mariengrotte. Ich warte dort, bei meiner lieben, lieben – was soll ich sagen – Vertraute, Freundin, Mutter, Lieblingsheiligen – ich mag sie einfach. Ich habe sie schon mehrfach besucht: Lourdes, Fátima, Tschenstochau, Montserrat…und auch viele kleinere Orte, wo die Menschen sie wählten als ihre Liebe Frau und Schutzherrin der Gemeinde oder des Klosters. Seele, finde Ruhe!

Von oben suchen wir mit den Augen den Dom. Dorthin geht es heute noch. Der Abstieg nach Fulda ist sehr angenehm, es geht eigentlich fast nur durch Parks – fast bis zum Bahnhof hin und der liegt am Rande der Innenstadt. Durch die Bahnhofsstraße über den Uniplatz, am Kloster der Benediktinerinnen vorbei und am Schloss und wir stehen vor dem Dom. Heute werden wir die Nacht in den Räumen der Dompfarrei verbringen, dort werden wir aufgenommen. Renate hat schon früh den Schlüssel besorgt und empfängt uns mit einem Strahlen. Sie hat heute bestimmt etwas Wundervolles erlebt!

Abendliches Entspannen in der Dompfarrei

Wir richten uns ein und gehen dann erst zum Einkaufen und anschließend zum Essen. Eine Frau vom Chor hat uns auf unsere Nachfrage ein kleines, preiswertes Lokal um die Ecke empfohlen, das wir auch finden. Stimmt, es ist jetzt kein romantisches italienisches Restaurant, aber die Pizza im Goldenen Anker ist lecker – und riesig! Wir alle lassen uns unsere Reste einpacken. Das gibt es dann morgen zum Mittag! Wir kehren wieder zurück in unseren schönen großen Raum in der Dompfarrei. Wir richten uns gemütlich ein und gehen zu unserem Abendprogramm über! Auch heute hat eine Flasche Rotwein zu uns gefunden…Wir lesen hier den zweiten Teil des Thierse-Mauerfalltagebuchs. Heute geht es um die große Demo am Alexanderplatz und die Grenzöffnung. Renate erzählt uns, sie war auch dabei. Wie aufregend diese Zeit war!

Ich kann heute sagen: Das Heilungsgebet hat wundervoll gewirkt. Wir hatten hier bestimmt den schönsten, den harmonischten Abend auf unserem Weg. Wir waren eins, keiner blieb außen vor. Wir lachten und unterhielten uns blendend. Das kann man sich daraus merken: Wenn Du ein Problem mit jemand hast, dann fange an, es bei Dir selbst zu lösen.

Pilger bereiten sich auf das Schlafen auf dem Fußboden vor

Es steht die erste Nacht auf dem Fußboden an, dafür haben wir unsere Matten mitgebracht, die jetzt aufgeblasen werden. Meine Matte und ich, wir sind gut vertraut! Renate braucht Hilfe beim Aufblasen, das geht nicht so, wie sie wollte. Sie hat später die Matte umgetauscht…. Wir räumen die Stühle beiseite und richten uns auf dem Teppich ein. Die Lesung und ein Abendgebet…

Eins sein

Gott, gib, dass wir eins sind: eins in unseren Worten, damit ein einmütiges ehrfurchtsvolles Gebet zu dir gelangt; eins in unserem Verlangen und unserem Streben nach Gerechtigkeit; eins in der Liebe, in der wir dir dienen, wenn wir den Armen und Geringen unter unseren Brüdern und Schwestern Gutes tun; eins in der Sehnsucht nach deiner vollkommenen Gegenwart. Herr, mache uns eins in dir. Amen. (Quelle mir unbekannt)

…und ein paar Kicherer noch. Es war wahrhaft ein schöner Abend!

EVANGELIUM                                                                               Mt 5, 13-19

Ihr seid das Licht der Welt

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus

13Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. 14Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. 15Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. 16So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. 17Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. 18Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. 19Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.

Lehre des Tages: Jesus hat wie immer recht. Wenn man am Balken im eigenen Auge gearbeitet hat, dann stört einen der Splitter im Auge des Anderen nicht mehr. Ein guter Weg zu Frieden und Einheit.

%d Bloggern gefällt das: