4. Juni 2011: Auf dem Kreuzberg

5 Jun

Von Gabriele

Um 7.15 Uhr stehe ich schnell auf, um mir die Frühmesse zu gönnen, hat man ja sonst nicht so nah dran. Die Kirche ist halbvoll. Mit meiner Wanderbekleidung – was anderes hab ich nicht bei-, sehe ich etwas anders aus, als die Anderen. Aber daran gewöhnt man sich als Pilger. Die Kirche enthält am rechten Seitenaltar ein Bild, das mich total berührt: Jesus hängt am Kreuz und mit dem einen Arm umarmt er den Heiligen Franziskus. Auch Elisabeth von Thüringen ist mit auf dem Bild. Das Bild finde ich auch noch im Gesangsbuch und nehme es mit. Der Anfang und das Ende unserer Pilgerreise symbolisiert durch die beiden Heiligen, die vieles gemein haben: die Liebe zu Jesus Christus, die barmherzige Liebe zu den Schwachen und ihre konkrete Hilfe für sie, Demut und Abkehr von allen Standesdünkeln, die Liebe zur Armut und Verzicht. Ja, sie stehen beide in wirklichem Gegensatz zur feudalen Kirche. Ihnen sind Macht und Geld völlig unwichtig, in ihrem Zentrum steht Jesus Christus. Ein guter Tagesanfang. Ich freue mich auf einen Tag mit Franz von Assisi.

Von der Frühmesse schlüpfe ich direkt zum Frühstück im Antoniussaal. Die Anderen sitzen schon am Tisch und lassen es sich schmecken. Es gibt ein reichhaltiges Frühstücksbuffet. Heute haben wir mehr Zeit, weil wir nicht aufbrechen werden, sondern den ganzen Tag hier auf dem Kreuzberg verbringen werden, der krönende Abschluss. Wir wollen heute den Kreuzweg begehen und uns das Bruder-Franz-Haus ansehen und Zeit für innere Einkehr haben. Monika muss heute schon abreisen. Sie findet zum Glück eine Möglichkeit, am Nachmittag abzureisen, damit sie noch unsere Aktivitäten heute teilen kann.

Nach dem Frühstück machen wir uns bereit. Es findet in der Kirche noch eine Messe statt, die Monika gerne besuchen möchte, Lesya und Renate aber nicht. Nun, beim Pilgern darf der Wunsch nach einem Messebesuch allen anderen Aktivitäten vorgehen. Ich folge Monika in die Kirche. Sie kommt dort in den Genuss der Annäherung an den Kreuzpartikel, der dort bewahrt wird. Ich selbst bin zu unruhig, mir das zu gönnen, weil die Anderen warten. Heute denke ich, wie entsetzlich dumm von mir.

Hinter der Kirche treffen wir auf die beiden anderen und machen uns auf den Kreuzweg. Wir haben uns für die Betrachtung als Weg der Erkenntnis entschieden, beten und betrachten. Direkt an der Rückseite der Kirche ist die erste Station: Jesus wird zum Tod verurteilt.

1. Station Jesus wird zum Tode verurteilt

1. Station Jesus wird zum Tode verurteilt

Jesus ist unter anderem verurteilt worden, weil er die bestehenden Machtstrukturen in Frage stellte, sogar für die Machthaber bedrohlich wirkte. Uns fällt an diesem Bild besonders Pontius Pilatus auf. Wie ist er mit der Schuld umgegangen, die er mit der Verurteilung auf sich lud? Wir erinnern uns an die Brücke der Einheit bei Vacha und den Spruch „Scheiß auf das Richtepack!“ Die fortgesetzte Spaltung der Kirche beruht auch auf Be- und Verurteilung. Wie kann also im Zuge der Wiedervereinigung der Kirche mit der Schuld für gegenseitige Verurteilung umgegangen werden? Schuld tragen wir alle, nicht nur die Protagonisten, sondern auch die, die es geschehen ließen bzw. sich damit abfanden und bis heute immer noch abfinden.

Martin Luther hat das Handeln des Papstes und einiger seiner Beauftragten öffentlich kritisiert. Wir haben die Thesen gelesen und es uns geschichtlich angeschaut und gesehen: Die Kirche hat sich bemüht, Geld/Mammon/das Weltliche zu gewinnen, u.a. um den Petersdom zu bauen. Sie hat auch im Mittelalter immer wieder mit den weltlichen Mächten konkurriert. Die weltlichen Mächte haben im Verlaufe der Auseinandersetzung ihre Chance genutzt, Macht über die Kirche zu gewinnen. Im Augsburger Religionsfrieden wurde die weltliche Macht über die Religion gesetzt: Wessen Regierung, dessen Religion. Der Landesherr durfte bestimmen. Wenn wir uns die Situation heute anschauen, dann sehen wir noch immer Urteile gegenüber den Anderen. Wenn man es liest, fällt einem auf: Es liegt immer an den Anderen, dass eine Wiedervereinigung nicht möglich ist, es sind festgefahrene Positionen. Solange die Anderen nicht SO sind und SO denken, sind uns die Hände gebunden.

2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Jesus ist umgeben von kräftigen Soldaten. An der Seite steht ein Mann mit einem langen Bart. Wir vermuten, es soll einen Hohepriester darstellen. Er kratzt sich am Kopf. Jesus wirkt zunächst stark und aufrecht, senkt aber leicht den Kopf. Er nimmt sein Kreuz auf sich.

3. Station: Jesus fällt zum ersten Male unter dem Kreuz

3. Station: Jesus fällt zum ersten Male unter dem Kreuz

Ein Mann mit einem erhobenen Knüppel, ein Mann, der ratlos den Finger in den Mund steckt, ein Mann, der Jesus an seinem Gürtel zieht. Uns fällt besonders der Knüppel auf, das Brutale. Die Einheit entgleitet und was passiert. Man haut drauf, man weiß auch nicht, man hält fest. Jesus fällt einfach, er, der alle Macht haben könnte, lässt es einfach geschehen.

4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter

4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter

Wir sehen schon wieder den Knüppel über dem Kopf von Jesus. Maria ist da, der erste freundliche Mensch auf den Bildern. Die Männer haben alle Waffen, Insignien der Macht, aber auch der Angst. Maria ist ohne Waffen gekommen. Sie ist mutig, sie lässt sich von nichts abhalten, von keiner Angst. Sie ist einfach da, weil sie liebt, weil es ihr Sohn ist.

5. Station Simon von Cyrene hilft Jesus

5. Station Simon von Cyrene hilft Jesus

Simon von Cyrene hilft Jesus, das Kreuz zu tragen. Wie Jesus ist er barfuß, schaut etwas unwirsch. Er wird dazu gezwungen. Hinter ihm stehen wieder zwei Männer – einer davon mit Waffen.

Beim Betrachten der Kreuzwegstationen

Für die 6. Station haben wir leider kein Bild. Es ist dies die Station, wo eine weitere Frau – Veronika – zu Jesus herantritt, um ihm das Schweißtuch zu reichen. Wieder ist es eine Frau, die freundlich an ihn herantritt.

7. Station Jesus stürzt zum zweiten Male

7. Station Jesus stürzt zum zweiten Male

Wieder sind die drei Männer da, wieder Waffen, wieder ein erhobener Knüppel. Einer allerdings hält das Kreuz fest, damit es nicht auf Jesus fällt. Jesus liegt schon, doch der Mann mit dem Stock stößt auf ihn ein. Die Männer tragen alle Schuhe im Gegensatz zu Jesus und den Frauen. Auch hier: Jesus verzichtet auf alle seine Macht. Und es scheint ihm auch gar nicht peinlich zu sein. Er weiß und vertraut: Alles wird Gott immer zum Guten richten.

8. Station Jesus spricht mit den Frauen

8. Station Jesus spricht mit den Frauen

Wieder trifft Jesus auf Frauen und es sind immer wieder die Frauen, die Emotionen der Bestürzung, der Trauer, des Schmerzes zeigen.  Das erste Mal ist ein Kind auf dem Bild. Auf der anderen Seite steht wieder ein Mann mit einem langen Bart und einem talarartigen Gewand. Wieder ein Hohepriester? Sein Mund ist geöffnet, als ob er spricht. Er scheint nichts an der Situation zu bedauern. Dieses Bild berührt uns sehr stark. Wo sind die Männer, die zu Jesus stehen könnten? Wo ist die Betroffenheit der Männer? Auf keinem Bild bisher war ein Mann mit einer positiven Geste Jesus gegenüber. Alle Männer hier walten ihres Amtes und wirken gnadenlos.

9. Station Jesus fällt zum 3. Male

9. Station Jesus fällt zum 3. Male

Und nun zum dritten Male drei Soldaten um Jesus herum, einer inzwischen sogar auf einem Pferd und mit einem Schwert.  Ungehaltenheit spricht aus den Gesichtern. Langsam bekomme ich das Gefühl, dass hier Männer und Frauen für etwas sehr Geschlechter-archetypisches stehen: Die Männer für den Verstand, die Macht, die Regeln und die Unterscheidung, die Frauen für die Emotionen, die Herzlichkeit, die Annahme und das Gemeinsame stehen. Und das Kind steht für das Leben. Und das wendet sich im vorherigen Bild an die Frauen. Das hat hier nichts mit Feminismus zu tun, die Bilder haben wir nicht gemacht.

10. Station Jesus wird seiner Kleider beraubt

10. Station Jesus wird seiner Kleider beraubt

Mit starken Bewegungen berauben zwei der Männer Jesus seiner Kleidung. Der dritte hält einen Krug in der Hand. Hinter dem Kopf des Anderen reicht er Jesus seinen Kelch mit der Galle. Jetzt ist es so weit, jetzt kommt das Bittere. Jesus Gesicht wirkt demütig, er lässt es über sich ergehen. Ein grausiges Detail entdecken wir auf dem Bild, es erinnert an Hammer und Zirkel auf dem Kreuzweg von Point Alpha:

Die Nägel, mit denen Jesus ans Kreuz genagelt wird

Die Nägel, mit denen Jesus ans Kreuz genagelt wird

Die Nägel, ein grausames Detail der Kreuzigung. Nicht festgebunden, sondern ans Kreuz genagelt! Wir sind inzwischen innerlich schon sehr betroffen und berührt. Menschen, die ihren Job machen und dabei einen Menschen verletzen und töten werden. Ich saß einmal in einem Gottesdienst in unserer Kirche. Auch bei uns gibt es gemischtkonfessionelle Paare, bei denen nur einer zur Kommunion zugelassen ist. Tief in meinem Herzen hat es mich da berührt und ebenso betroffen gemacht: Wie grausam und hartherzig muss man sein, um mit einem gläubigen und christlich engagierten Menschen so umzugehen und ihn gegenüber Jesus außen vor zu lassen – aus Gehorsam gegenüber der Kirche?! Mal so gefragt: Würde Jesus so handeln? Sorry, du kriegst hier nichts. Du darfst mich hier nicht verinnerlichen. Mir steigt es dabei kalt den Rücken herauf. Ist ja nur ein Gefühl? Fühlen sich hier nicht Kelch und Hostienschale wie diese Nägel an?

11. Station Jesus wird ans Kreuz geschlagen

11. Station Jesus wird ans Kreuz geschlagen

Dies ist der schmerzlichste Moment insgesamt, man sieht den Hammer in voller Aktion. Die Hände Jesu sind schon festgenagelt. Wieder drei Männer. Einer mit dem Hammer, einer, der das Kreuz festhält, und in der anderen Hand auch einen Hammer hält. Einer, der abfällig zeigt. Einer der eine Peitsche? in die Luft hält. Eine von uns beginnt angesichts dieser Station zu weinen. Ich nehme sie in den Arm. Sie sagt: „So geht es mir immer wieder. Immer wieder fühle  ich mich wie ans Kreuz geschlagen!“ Sie ist auf ihrer letzten Stelle gemobbt worden. Ich fordere sie auf: „Frage ihn: Wie soll ich damit umgehen?“ Und ich selbst schaue Jesus auch an und frage ihn: „Sag mir das doch bitte auch!“ Und in mir kommen die Worte hoch: „Bleib in der Liebe und segne sie!“ Ein einfacher wenn auch schwerer Weg, sein Weg.

Und während ich noch die eine Pilgerin im Arm halte, während sie auf Jesus schaut und um Fassung ringt, beginnen neben uns ein paar Männer auf einer Bank neben uns sich über Fußball und Urinieren zu unterhalten, ca. 1,5 m von dieser Station entfernt? Wissen die nicht, wo sie gerade sind bzw. ist es ihnen egal? Keine Pietät? Ich spreche sie an und bitte sie, sich an einem solchen Ort vielleicht anderer Themen zu anzunehmen bzw. uns die Möglichkeit zu geben, hier unseren Weg in Bedachtsamkeit zu erleben. Kaum sind sie ruhig, beginnt auf der anderen Seite eine Fünfergruppe, sich mit lauten Stimmen darüber zu einigen, wo sie jetzt hingehen sollen: In den Biergarten, noch etwas spazieren, ein paar Fotos machen, was auch immer. Und das zieht sich und zieht sich und zieht leider unsere Aufmerksamkeit von der Szene weg. Auch sie spreche ich darauf an, uns etwas Besinnung zu gönnen. Sie fühlen sich ungerecht angemacht und bleiben weiter so laut, um ihren Verbleib zu klären. Nochmals bitte ich um Ruhe. Ungehalten verschwinden sie.

12. Station Jesus stirbt am Kreuz

12. Station Jesus stirbt am Kreuz

Nur wenige Meter weiter ist die Kalvarie, eine große Treppe führt hinauf. Dieser Moment, zu Jesu Füßen vor seinem Kreuz zu stehen, geht immer zu Herzen. Allerdings auch hier nicht allen. Wir sprechen zusammen ein Vaterunser. Wieder ein ähnlicher Zwischenfall. Eine Gruppe Touristen macht irgendwas, was uns schwer ablenkt. Wieder sage ich was und direkt danach fühle ich mich wie Petrus, als der Hahn krähte. Ich habe das Wort, was ich so kurz vorher erhalten habe, nicht umgesetzt. Ich habe dreimal die Chance gehabt es auszuprobieren. Ich bin nicht in der Liebe geblieben und habe sie gesegnet, sondern habe mit weltlichen Methoden gearbeitet. Jetzt war es deutlich. Am Fuß des Kreuzes konnte ich es wahrhaftig annehmen und seither praktiziere ich es, wann immer ich ein Problem mit jemandem habe. Segen! Der Weg ist:

Bleib in der Liebe und segne sie.

Das ist der Weg zur Wiedervereinigung. Kein Einklagen von Positionen, kein Einfordern von Pietät. Nicht dem Anderen was zu sagen zu haben glauben. Keine Führung, keine Sonderrollen, keine Macht. Teil des Ganzen sein, Einordnen, den Anderen nehmen und so lassen, wie er ist. Zeit geben. Liebe und Segen: Um Gottes Heilkraft für den anderen Menschen bitten. Das ist es, was uns allein zusteht. Alles Andere liegt in Gottes Hand. Das liebende Herz, das die Vereinigung sucht, siegt über Verstand und Gedanken. Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus (Phil. 4,7).

13. Station Jesus wird vom Kreuz abgenommen

13. Station Jesus wird vom Kreuz abgenommen

Ja, werden wir alle zu Josef von Arimathäa und nehmen Jesus vom Kreuz ab, damit die tägliche Kreuzigung – wie im Klostergarten von Hünfeld benannt – endlich ein Ende hat. Er ist der erste konstruktiv und emotional wirkende Mann auf diesem ganzen Kreuzweg. Die letzte Station auf dem Kreuzweg ist ein Haus, ein Mausoleum. Wenn man durch ein Fensterchen schaut, liegt Jesus noch drin. Wir sind innerlich durchgeschüttelt.

Wir steigen die Treppe herunter, da ist es schon ein Uhr. Der Biergarten ist voller Wallfahrer und Touristen. Uns ist auch nicht so recht nach Bratwurst und Bier und bierseliger Stimmung, sondern eher nach Kaffee und Kuchen und Besinnlichkeit. Und so gibt es jetzt eine wundervolle Belohnung für uns. Wir gehen ins Café oberhalb der Klosterkirche und finden einen schönen Platz auf der Terrasse. Eine gibt eine Kuchenlage aus.

Im Cafe ‚Zum Elisäus‘

Wir unterhalten uns noch ein wenig über die Eindrücke. Plötzlich wird es laut und ein Traktor fährt auf den Hof. Und dann noch einer. Und noch einer. Es wird immer lauter. Und noch einer und das könnte ich jetzt 60 mal schreiben, denn ca. 50, 60 Traktoren fahren an uns vorbei zur Kirche, wenden und stellen sich davor im Kreis auf. Kleine Traktoren, große Traktoren, vor allem alte Traktoren sind es. Jetzt sind wir neugierig. Wir sind Stadtmenschen, wann sehen wir schon mal einen Trecker? Wir entdecken: Hier findet eine Trecker-Oldtimer-Wallfahrt statt. Renate und Lesya wollen aufs Zimmer gehen, Monika und ich lassen uns das Erlebnis nicht entgehen. Nun, da muss also vorher noch ein Abschiedsfoto her:

Abschiedsfoto von unserer Vierergruppe mit Trekkern

Abschiedsfoto von unserer Vierergruppe mit Treckern

Oldtimer-Wallfahrt für Traktoren

Oldtimer-Wallfahrt für Traktoren

Wir schauen uns die Fahrzeuge an und sprechen mit den Leuten, die die Maschinen zum Glück ausgestellt haben. Kurz darauf beginnt eine Andacht. Die Traktorfahrer haben auch ihre eigene „Blasmusi“ mitgebracht, die statt Orgelklang die Gesänge der Andacht begleiten.  Wir Zwei bleiben dabei und singen mit. Der Vereinsvorsitzende hält eine schöne Ansprache über die Verschiedenheit der Menschen und vergleicht – passend zu Franziskus – die Menschen mit Tieren mit so üblichen Redensarten, mit denen wir unseren Nächsten oft uncharmant bezeichnen. Er ruft dazu auf, die Anderen in ihrer Verschiedenheit einfach anzunehmen. Auch der Priester hält eine Andachtsansprache und segnet die Trecker mit Weihwasser. Ich bin innerlich so amüsiert von dieser Wallfahrt und denke: Wenn Du in der Liebe bist, dann ist es wirklich egal, mit wem zusammen man Gottesdienst feiert, dann kann man sogar mit Treckern feiern. Wir singen zum Abschluss: „Großer Gott, wir loben Dich“, ein Lied, was oft zu großen Anlässen gesungen wird. Das passt für uns zum Abschluss. Wir loben Dich wirklich von ganzem Herzen für all das, was wir erleben durften!

Als Monika aufbricht, verabschieden wir uns von ihr am Bruder-Franz-Haus, das wir nun besichtigen wollen. Komm gut heim!

Das erste, was uns begegnet, ist sein Sonnengesang, den ich uns auch zum Beten mitgebracht hatte. Hier ist er wunderschön dargestellt in Verbindung mit all den Elementen, in denen wir Gott verehren können. Total schön! Im Haus ist auch sein Lebensweg dargestellt. Franz von Assisi hat allem Materiellen entsagt und hat den Weg der Demut gewählt, die intensive Nachfolge Jesu Christi. Man sagt ihm ein sonniges Gemüt nach und die Fähigkeit, mit Tieren, der ganzen Schöpfung kommunizieren zu können. Er soll sogar den Jakobsweg beschritten haben, in Santiago de Compostela gewesen sein, das verbindet uns. Besonders beeindruckt mich sein Berufungserlebnis. Zum einen die Frage: „Wer kann dir besseres geben, der Herr oder der Knecht?“ als er an einem Kriegszug im Auftrage des Papstes teilnehmen will. Franziskus entscheidet sich für den Herrn und gegen Krieg und Papst und kehrt um.

Er bittet um Sendung. Sein Gebet: „Höchster lichtvoller Gott, erleuchte die Finsternis in meinem Herzen. Gib mir einen Glauben, der weiterführt, eine Hoffnung, die durch alles trägt und eine Liebe, die niemanden ausschließt. Lass mich spüren, wer du bist, und erkennen, wie ich deinen Auftrag erfülle.“ Diese Gebet finde ich großartig. Eine Liebe, die niemanden ausschließt, genau das ist es, was wir brauchen, um die Einheit der Christen vollziehen zu können. Dieses Gebet können wir immer wieder sprechen.

Die Antwort, die er erhält, lautet: „Gehe und baue mein Haus wieder auf, das zerfällt, wie du siehst!“ Dieser Auftrag an Franziskus, der kann für uns alle gelten. Das gemeinsame Haus der Kirche ist unleugbar zerfallen. Wer könnte nach diesen Worten ignorieren, dass Gott das zuhöchst missfällt. Halten wir uns an Franziskus und bemühen wir uns um einen Liebe, die niemanden ausschließt. Die Mittel und Wege des Franziskus waren Buße, konkrete Arbeit, Demut, Machtverzicht, Liebe zur Armut, ja sogar Hochzeit, ewige Bindung mit ihr. Das Haus Gottes ist nicht feudal, denn (Joh 13,16:) Ich sage euch die Wahrheit: Ein Diener steht niemals höher als sein Herr, und ein Botschafter untersteht dem, der ihn gesandt hat.

Einen weiterer Ausspruch von Franziskus gegenüber dem Bischof von Assisi fällt mir ebenfalls als bemerkenswert und passend ein: „Mein Herr, wenn wir Eigentum hätten, so wären uns Waffen notwendig zu unserem Schutz. Denn aus ihm erwachsen Rechtsstreit und Händel, und hierdurch pflegt die Liebe Gottes und des Nächsten Abbruch zu leiden.“ Bei der Ökumene empfinde ich ebenfalls Rechtsstreit und Händel zwischen den Konfessionen. Und so frage ich mich: „Was haben die Konfessionen zu verlieren? Was fürchten sie zu verlieren?“  Einheit zu schaffen ist Gottes Wille zu erfüllen. Kann es anders sein, als dass Gott in diesem Prozess dann genau das erhalten wird, was er für wahr und wichtig hält? Wird es nicht so sein, wie es Gamaliel in der Apostelgeschichte (5,38-39) sagt: „Ist dies Vorhaben oder dies Werk von Menschen, so wird’s untergehen; ist es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten – damit ihr nicht dasteht als solche, die gegen Gott streiten wollen.“ Das könnte zum einen bedeuten, dass es in allen Konfessionen Erhaltenswertes gibt, weil sie bisher nicht untergegangen sind. Und es bedeutet bestimmt, dass auf diesem Weg der Liebe Gott alles, was Sein Willen ist, erhalten bleiben wird.  Und das ist das Beste, was es für die Christenheit geben kann. Denn sein Wille ist die Liebe an sich. Und dazu fällt mir dann der Taizé-Song „Gott ist nur Liebe“ ein.

Gott ist nur Liebe.
Wagt für die Liebe alles zu geben!
Gott ist nur Liebe.
Gebt Euch ohne Furcht!

Alles geben! Ja bitte! 

Im Bruder-Franz-Haus befinden sich auch Bilder der Franziskaner in Berlin-Wedding, die hier eine große Suppenküche für die Armen betreiben. Ca. 500 Mittagessen am Tag geben sie aus.  Ach es ist schön hier, Freude an wahrer Christenheit. Wir erstehen uns noch Andenken. Ich nehme mir von dieser Reise ein einfaches Holz-Tau mit, Renate eine silberne Jakobsmuschel.

Anschließend beginnt für mich eine weitere wunderbare Belohnung. Für das Kümmern und Vorbereiten der Reise bekomme ich eine wundervolle Massage, vor allem von Lesya eine exzellente Fußreflexzonenmassage. Das können meine vielbeschäftigten Pilgerfüße sehr gut gebrauchen.  Ich genieße und bedanke mich. Ich nutze die entstandene Entspannung und erlaube mir ein erholsames Schläfchen.

Das gute Wetter hat sich jetzt ausgewettert. Es beginnt zu regnen. Wahrscheinlich wurden darum gestern überall noch die Wiesen gemäht. An der Essensausgabe leisten wir uns heute abend nochmals ein echt bayrisches Abendessen. Wir treffen uns auf ein letztes Glas Wein im Wintergarten des Antoniusbau und schließen den Tag mit einem Spätgebet und der Lesung ab. Es ist alles gut jetzt.

EVANGELIUM                                                                            Joh 16, 23b-28

Der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt und weil ihr geglaubt habt

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

23bAmen, amen, ich sage euch: Was ihr vom Vater erbitten werdet, das wird er euch in meinem Namen geben. 24Bis jetzt habt ihr noch nichts in meinem Namen erbeten. Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen ist. 25Dies habe ich in verhüllter Rede zu euch gesagt; es kommt die Stunde, in der ich nicht mehr in verhüllter Rede zu euch spreche, sondern euch offen den Vater verkünden werde. 26An jenem Tag werdet ihr in meinem Namen bitten, und ich sage nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde;27denn der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt und weil ihr geglaubt habt, dass ich von Gott ausgegangen bin. 28Vom Vater bin ich ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.

Lehre des Tages ganz klar: Wenn Dich jemand nervt oder sogar verletzt, so bleibe in der Liebe und segne ihn. Damit öffnest Du Gottes Heilstrom auf diesen Menschen, die einzige Möglichkeit für Wandel. Und selbst versündigst Du Dich nicht durch Lieblosigkeit.

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