29. Mai 2011: Hütschhof bis Dorndorf

5 Jun

Von Gabriele

Um sieben Uhr klingelt der Wecker, es ist ja Sonntag. Ich schnappe mir das grüne Heftchen mit den Gebeten für den Ökumenischen Pilgerweg und lese Luthers Morgensegen:

Ich danke Dir, mein himmlischer Vater durch Jesus Christus,
deinen lieben Sohn, dass Du mich diese Nacht
vor allem Schaden und Gefahr behütet hast,
und bitte Dich, du wolltest mich diesen Tag
auch behüten vor Süden und allen Übel,
dass all mein Tun und Leben gefalle.

Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele
und alles in Deine Hände.
Dein Heiliger Engel sei mit mir,
dass der böse Feind keine Macht an mir finde.

Wir haben eine weite Strecke heute! Einige springen schnell aus den Betten, andere bleiben liegen. Nach Pilgermanier haben wir ja alle gestern geduscht, da ist morgens nur kurze Wäsche dran. Wir bereiten das Frühstück vor und decken den Tisch. Erst gegen 8 Uhr setzt sich die letzte an den Tisch. Es ist gemütlich bei uns, wir haben uns schöne Sachen besorgt, so gefällt es uns. Jeder macht sich für unterwegs Stullen, nur für Anina bleibt zuwenig übrig. Irgendjemand muss sich besonders viele Stullen gemacht haben, zwei Scheibchen sind nur noch für sie da. Schade auch!

Zügig waschen wir ab und die Rucksäcke werden gepackt. Die Verpflegung muss jetzt für heute Abend auf die Rucksäcke aufgeteilt werden. Ich packe mir mal den Löwenanteil ein, mein Rucksack und ich sind ein eingespieltes Team, aber für die anderen wird es heute eine lange Etappe. Das geht aber nicht anders, denn es gibt keine Übernachtungsmöglichkeit zwischen Wünschensuhl und Oberzella/Vacha und wir wollen sogar bis Dorndorf.

Meine Geduld wird strapaziert: um halb zehn liegen noch immer die Sachen einer Teilnehmerin herum und sie packt mit einer Langsamkeit, die mir persönlich die Nackenhaare aufstellt. In mir zickt es…hätt sie ja auch früher aufstehen können… Ich mahne zum zügigen Aufbruch, doch erst 10 vor 10 sind wir auf dem Pilgerweg.

Kirche des Waldes

Ich sehe eine in einen Baumstamm geschnitzte Kirche. Ein schönes Sinnbild für unseren heutigen Tag. Der Wald wird unsere Kathedrale sein, wir beten mit den Füßen. Die Luft ist angenehm frisch, der Weg geht bergab, alle sind hochmotiviert und haben Freude am Laufen.

Auf dem Weg nach Oberellen

Wir erreichen offene Felder kurz vor dem Dorf. Anina pflückt Feldblumen und beginnt, sich einen Kranz flechten. Der Mohn und die Kornblumen leuchten intensiv, die Margaritten sanfter. Schön! In Oberellen befindet sich die letzte Gaststätte des Tages, aber wir haben ja erst gefrühstückt und daher geht es gleich weiter in Richtung Wünschensuhl, ordentlich den Berg hinauf. Noch sind wir in der Region Thüringer Wald, es ist noch sehr hügelig. Je höher wir kommen, umso prachtvoller wird die Sicht, weitet sich unser Horizont wieder. Das Getreide beugt sich in Wellen mit dem Wind wie ein Meer. Gottes Welt – ein einziger Genuss hier. Bald erreichen wir den Waldrand. Wir haben den größeren Teil dieses Aufstiegs gemeistert.

Blick zurück auf Oberellen

Es wird langsam warm und so ist es sehr angenehm, durch den frisch duftigen Wald zu wandern. Überall kleine Blumen. Nach einer Dreiviertelstunde erreichen wir Wünschensuhl. Alle haben Kaffeedurst, aber gibt es was in Wünschensuhl? Aber der Name sagte es ja, wünschen wir uns einen hier! Wir halten an und ich spreche ein kleines Bittgebet, dass er uns hier Rast und einen Kaffee schenkt. Die Straßen und die Gärten sind weitestgehend leer, ein geruhsamer Sonntagvormittag.

Auf der Straße vor uns sehe ich eine Frau. Neben dem Kaffee haben wir noch eine weiteres Bedürfnis: Wasser.  Es gibt unterwegs keine weitere Wasserquelle. Ich frage sie, ob sie uns für unsere Trinkflaschen Leitungswasser geben könnte. Sie nimmt uns mit und gibt uns weiter an ihre Mutter, die dort Wäsche aufhängt. Die ist unglaublich freundlich und bietet uns sogar Mineralwasser mit Kohlensäure an. Wir nehmen dankbar an und füllen unsere Flaschen. Sie weist auf den Sitzplatz und fordert uns auf, doch uns bei ihr ein wenig auszuruhen. Wieder nehmen wir dankbar an. Kurz darauf fragt sie uns, ob wir gern was zu essen hätten. Ich fasse mir ein Herz: „Etwas zu Essen brauchen wir nicht, aber wenn Sie uns einen Kaffee machen könnte, das wäre für uns himmlisch.“ Und so kommen wir in Wünschensuhl zu unserem gewünschten Kaffee und einer liebevollen Aufnahme. Liebe, liebe Frau Brandau, herzlichen Dank! Wir dürfen auch unser 3. Bedürfnis befriedigen und gehen eine nach der anderen.

Und unsere „Langsame“ braucht auch – für mein persönliches Gefühl – unendlich lange, hat dort sogar ihre Kaffeetasse dabei. Mein innerer Kilometerzähler rotiert… Erst nach weit mehr als einer Stunde können wir aufbrechen. Wir bedanken uns herzlich für all das Gute! Wieder gibt es einen neuen Aufstieg, aber als wir dann am Waldrand ankommen, sind unsere Markierungen weg. Oooops…Verlaufen! Auch das noch. Wo haben wir da nicht aufgepasst? Ich setze meinen Rucksack ab und laufe schnell den Weg nach rechts bis zum nächsten Weg. Die anderen wollen solange Fotos von Anina mit ihrem Kranz machen. Nach ein paar hundert Metern merke ich, das ist nicht die richtige Richtung und drehe um. Also an unserer Abzweigung nach links.

Von der Fotosession

Als ich zurückkomme, ist die Fotosession in vollem Gange.  Es sieht auch wirklich sehr hübsch aus. Währenddessen kommen zwei Männer vorbei, ein Radfahrer und ein Mopedfahrer. Ich halte beide an und erkundige mich nach dem Weg. Der zweite kennt sich aus: Ja, es geht nach links. Die Fotos von Anina sind fertig, aber jetzt will auch noch eine andere Teilnehmerin fotografiert werden. Dann geht dabei auch noch ihre Brille verloren, die gesucht werden muss. Unsere Zeit läuft und läuft und wir haben noch viele, viele Kilometer vor uns und meine Pilgerinnen sind nicht alle die allerfittesten. Ich mache mir langsam Sorgen, wie wir diese Distanz heute noch schaffen wollen und trotzdem zur vereinbarten Zeit in der Wanderherberge ankommen wollen. Als wir unseren erste Wegmarkierung des ökumenischen Pilgerweges wiederfinden, da ist es schon halb drei. Besser  wären wir vor 2 Stunden hier gewesen.

Wieder auf dem Ökumenischen...

Pilgern heißt es jetzt- wir müssen einen Zahn zulegen! Daher mache ich eine Ansage zur Orientierung. Es sind noch ca. 20 km. Aber bald reißt es wieder zwischen uns ab, hinten ist schon bald keiner mehr zu sehen. Es brodelt in mir. Anina macht kurzerhand ihren iPod an und tanzt den Weg entlang. Und auch ich entschließe mich, mir hilft jetzt nur noch eine Messe – die Misa Andina, die ich auf meinem Handy habe. Das ist eine lateinamerikanische Messe für Chor und Folklore-Instrumente wie Panflöte, Zampoña, Charango, Gitarre und Percussion. Ich gewinne innere Balance dadurch und komme so geistig wieder in die schöne Welt zurück. Messe mitten im Wald, geht doch: Gloria al Dios en las Alturas! Ehre sei Gott in der Höhe!

Immer wieder müssen wir warten, und wenn die anderen aufgeschlossen haben, dann wollen sie natürlich auch ihre Pause haben, die wir hatten, als wir gewartet haben. Erste Blasen werden gefühlt. Der Waldweg ist wunderschön, wir wandern auf der Napoleonroute und dem Lulluspfad. Im Zickzack geht der Weg durch den Wald und Kilometer für Kilometer geht es weiter. Es wird später und später. Nur nicht verrückt machen lassen, davon ist keinem geholfen. Wir pausieren wieder und besprechen kurz die Situation. Ich schlage vor, dass die, die morgens am längsten brauchen, als erste aufstehen, damit wir ab jetzt zeitig aufbrechen können.

Auf dem Weg schaue ich überall auf den Abzweig nach Dorndorf. Als er dann kommt, bin ich etwas überfordert. Denn es geht drei Richtungen nach Dorndorf. Nach meiner Karte aus dem Pilgerführer müßte der Weg über die Kammbachmühle der kürzeste sein. Wir müssen ja auch noch über die Werra. Also rufe ich in der Wanderherberge an. Der Hospitalero ist entsetzt und stinkig, als er hört, wo wir jetzt sind. Und er sagt: Auf keinen Fall zur Kammbachmühle, die Werrabrücke da ist nicht passierbar. Ok, doch über Oberzella, obwohl das jetzt in die andere Richtung geht. Und die Gefahr, dass der Typ da einfach abhaut, wenn das hier mit uns noch lange dauert. Was mach ich DANN?

Ich bete um eine Lösung, ein Wunder. Von meinem Jakobsweg in Spanien kenne ich eine „Wunderhymne“, die ich dort bei einem Taufgottesdienst kennengelernt habe. „El señor nos hace maravillas, Gloria al señor!“ Ich singe sie ein paar Mal. Da kommt die rettende Idee. Ich hole mein Handy raus und bitte Anina, damit die Auskunft anzurufen und sich ein Taxiunternehmen in Vacha geben zu lassen, während ich versuche herauszufinden, wo wir jetzt genau sind. Wir schaffen es, ein Taxi nach Oberzella zu lotsen, was uns auf dem Pilgerweg abholt. Unser Blasenopfer ist erleichtert und kann wieder besser laufen. So flitzen wir das letzte Stück bis zum 1. Haus in Oberzella. Das Wunder in Form eines Großraumtaxis ist wirklich da. Und ich denke: wirklich ein Wunder an einem Sonntagabend. Der superfreundliche Fahrer erklärt uns gleich die Gegend. Und noch eine Idee: Bitte gleich morgen früh uns wieder in Dorndorf abholen und nach Vacha bringen. Das mach ich nicht nochmal mit. Der Fahrer telefoniert und jawohl, er kommt uns morgen um 8 Uhr abholen. Prima.

Der Hospitalero von Dorndorf sitzt mit einem Buch vor der Herberge und guckt ganz schmal. Natürlich entschuldige ich mich für uns. Dann zeigt er uns die Herberge – und die ist richtig schön! Ein schöner Schlafraum, ein sehr sauberes Bad, eine gut ausgestattete Küche. Lesya und ich kümmern uns um das Essen, das richtet sich gerade so ein. Wir dürfen dann nach dem Essen die Füße hochlegen bzw. duschen. Es gibt wieder Buchweizen und dazu eine Ratatouille-Sauce. Wir kommen sogar zwischendurch schon zum Duschen. Wir merken, dass wir ganz viel im Kühlschrank im Hütschhof stehen gelassen haben müssen. Aber ok so. Jetzt weiß jeder, dass er mitschauen, sich mitkümmern und auch mittragen muss. Das Essen gelingt uns gut und wir essen draußen an den Holztischen bis zum Sonnenuntergang.

Im Schlafraum wollen wir nun noch unser geistiges Abendprogramm durchführen und vor allem Beten, doch eine fehlt und braucht eine Stunde im Bad. Wir anderen beten um bessere gemeinsame Koordination in der Gruppe, wir beten um Lösungsmöglichkeiten für unsere Probleme, um Geduld und um Teamgeist, wir beten für gesunde Füße und um Einheit untereinander und natürlich für die Einheit der Christen. Wir danken für alles Gute, das wir erlebt haben und all Menschen, die uns weitergeholfen haben. Wir singen auch noch ein wenig. Friede kehrt ein. Danke!

EVANGELIUM                                                                             Joh 14, 15-21

Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben

+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: 5Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. 16Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. 17Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. 18Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch. 19Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und weil auch ihr leben werdet. 20An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch. 21Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

Lehre des Tages: Eine klarere, deutlichere Ansage wäre besser gewesen. Morgen!

Und: Wunschgebete können ganz schnell in Erfüllung gehen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: